Gute Fernsehmomente: Die Stuckrad-Show in der Kritik

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Den Vergleich mit Harald Schmidt ist wohl jeder Leid, der in Deutschland schon mal so etwas wie eine Late-Night-Show versucht hat. Seit aber Schmidt zwar nicht verschwunden ist, jedoch irgendwie aus den Augen verloren wurde, klafft eben eine sehr bedauerliche Lücke in der Kulturlandschaft: Gesucht wird jemand, der wieder das große Ding schafft, E und U, low-brow und high-brow zu vereinen in einem Sendung, die den Zuschauer durch die Woche begleitet und ihm auch mal den Tag retten kann.



An dieser Stelle kommt Benjamin von Stuckrad-Barre ins Spiel, der seit Dezember letzten Jahres auf ZDFneo Stuckrad Late Night moderiert. Nicht weil er während seiner Stand-Ups in Gestik und Mimik Harald Schmidt, für den er einmal als Autor gearbeitet hat, so frappierend ähnelt, sondern weil er einer der wenigen ist, der die Mindestvoraussetzung für das high-brow mitbringt. Das wöchentlich donnerstagsabends ausgestrahlte Stuckrad Late Night stellt sich allerdings bisher als recht eigenständiges Format heraus, das sich von der klassischen Late-Night-Show unterscheidet. Während dort beim Gespräch mit dem Gast die meisten irgendwann umgeschaltet hatten, ist Stuckrad-Barres Sendung ganz auf diesen Part zugeschnitten. Dann blüht sie erst auf, während wiederum der vorgeschaltete Teil eher als Geplänkel wirkt. Außerdem ist Stuckrads Sujet ausschließlich das Politische. Witze über TV-Promis und „Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, dass“-Gags kommen nicht vor. Zu Gast ist immer ein Politiker aus der B- oder C-Reihe und es ist das kleine Geheimnis der Sendung, woran es liegt, dass sie trotzdem funktioniert. Hat das Team dahinter einfach ein besonders gutes Händchen bei der Auswahl der Gäste? Oder stellt man im vorhinein mit den Politikern irgendetwas an, sodass die meisten von ihnen einerseits selbst unerwartet unterhaltsam erscheinen, andererseits sich aber auch auf jeden Blödsinn einlassen, den Stuckrad-Barre mit ihnen vorhat?

Prof. Dr. Karl Lauterbach hätte es ja eigentlich nicht nötig, sich einen Arztkittel anzuziehen und sich dann - vom obenrum nur noch mit einer Fliege bekleideten und eine Zigarette rauchenden - Stuckrad-Barre anweisen zu lassen, wie er ihn jetzt gefälligst zu untersuchen habe. (Oder er hat es vielleicht doch nötig und Stuckrad-Barres Gabe ist, das erkannt zu haben.) Fast genauso verwunderlich, dass in der Sendung auch eine seltsame Figur wie der Journalist Hajo Schumacher, der zusammen mit dem ehemaligen CDU-Politiker Jörg Schönbohm ein Links-Rechts-Sidekick-Duo darstellt, als charmanter, lustiger Typ rüberkommt, mit dem man sich bei einem Bier tatsächlich gerne mal über Politik unterhalten würde. Vielleicht liegt es daran, dass Stuckrad-Barre selbst während der Gespräche überhaupt keine Berührungsängste kennt. Er fasst die Gäste an, fummelt an ihnen herum, schneidet ihnen jedes zweite Wort ab, und wenn er mit Oswald Metzger Wahlkampf spielen will, der sich aber weigert, eine Bratwurst in die Hand zu nehmen, schreit er auch mal „Jetzt nehmen Sie halt die Wurst!“. Überhaupt ist das eine interessante Dimension, um welche die Figur Stuckrad-Barres hier erweitert wird: Wer hätte gedacht, dass er neben allem anderen auch wie ein überdrehtes, aufgeregtes Kind sein kann, das sich zwischendurch, ohne bewusst eine Pointe daraus zu machen, einfach im Hintergrund aus reiner Hibbeligkeit eine Plastikschüssel auf den Kopf setzt?

Wer von der Figur Stuckrad-Barre sowieso genervt ist, wird ihn deswegen vermutlich nicht sympathischer finden. Und wer politisch mit dem mittlerweile exklusiv für Springer arbeitenden Autor Stuckrad-Barre fremdelt, wird sich mit seiner Show auch nicht so recht anfreunden können, in der er sich nicht allzu viel Mühe gibt, seine starke Abneigung gegenüber der Linkspartei zu verbergen. Darüber hinaus ist dann ja auch noch „Popliteratur“, mit der man seinen Zugriff immer noch verbindet, mittlerweile zu einem Schmimpfwort degradiert. Gründe, dass Stuckrad Late Night bei den Fernsehkritikern eher mäßig ankommt, sind also genug vorhanden. Die Titanic urteilte schon früh über Stuckrad-Barres Moderationstalent: „Wie bei fast allem, was Benjamin von Stuckrad-Barre gerne vorgibt zu sein (Schriftsteller, Journalist, politischer Kommentator, Berliner), schimmert in erster Linie der Schein, der Abglanz, die Imitation – am besten zwei- bis dreifach ironisiert, um die eigenen Unzulänglichkeiten als bewußte Pose zu tarnen.“ Das mag einerseits wahr sein. Andererseits aber war vergangene Woche der FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis zu Gast. Der bekennende Karaoke-Fan Stuckrad-Barre ließ ihn „Männer“ von Herbert Grönemeyer singen, legte dann selbst mit Elton Johns „Your Song“ nach, um die Sendung schließlich zusammen mit seinem Gast in dem Duett „Something stupid like I love you“ ausklingen zu lassen, während Schumacher (enthusiastisch) und Schönbohm (gelangweilt bis verwirrt) im Hintergund mit Leuchtstäbchen wedelten. Da wurde dann aus all dem, den popliterarisch mehrfach gebrochenen Ironieebenen, mit der man „Your song“ Karaoke singt, der überdrehten Selbstdarstellung, dem sich selbst vorführenden und gleichzeitig in die Herzen der Zuschauer singenden Chatzimarkakis – einfach ein sehr schöner Fernsehmoment.

So einer, wie man ihn aus alten Folgen der Harald-Schmidt-Show kennt. 

Mehr zum Thema auf jetzt.de: Das Porträt des Chefautoren Johannes Boss.

Text: lars-weisbrod - Foto: ZDF

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