Handy aufs Herz

Eine neue App will Schluss machen mit unserer Verstellung in den sozialen Medien. Teilen soll echter werden. Ob das gelingt, ist aber ziemlich zweifelhaft. Eine Analyse.
friedemann-karig

Casey Neistat ist ein Meister der Inszenierung. Spätestens seit seinem Clip "Make it count" für Nike 2010 ist der New Yorker Filmemacher einer der populärsten Videoblogger der Welt. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist er genervt vom ständigen Filtern, Posten, Liken. "Social Media sollte eigentlich ein digitales Abbild meiner Persönlichkeit zeigen“, sagt er. "Doch ich teile gar nicht mich selbst. Ich teile eine genau kontrollierte Version von mir". 

Deswegen hat er mit ein paar anderen Digital-Hipstern eine App namens "Beme" gemacht, deren erklärtes Ziel ist: Weg mit den Masken! Euer echtes, pures Leben sollt Ihr teilen! Vorgestellt hat Neistat die App, natürlich, per Video:

http://www.youtube.com/watch?v=mixsze6uJPg

Beme (gesprochen "Biehm") ist ganz einfach: Hält man das Handy an eine Fläche (die eigene Brust, Stirn, Hand, eine Wand), aktiviert der Abstandsmesser die Aufnahme. Ein kurzer Clip wird aufgenommen. Bewegt man das Handy, versendet die App das Video sofort an alle Kontakte. "No preview, no review", verspricht Neistat. Kein Abwägen, kein Auswählen. Keine Chance auf einen zweiten Take.
Aus der dritten Reihe den Refrain vom Lieblingssong der Lieblingsband filmen, anschauen, nochmal unverwackelt aufnehmen, schließlich mit einem ironischen Spruch posten, um nicht zu pathetisch rüberzukommen –  geht alles nicht mehr. Den magischen Moment verpassen, aber auch nicht. "Wir wollen, dass du statt deinem Handy weiter den Sonnenuntergang anschaust. Aber ihn trotzdem teilen kannst", sagt Neistat.

Was auch immer man zeigt: Die anderen können es, wie bei Snapchat, nur einmal sehen. Dann ist es gelöscht. "Alles, was du siehst, siehst du zum ersten Mal. Und zum letzten Mal," so Neistat. Das bedeutet: Alles versendet sich sofort. Wer Quatsch gefilmt hat, blamiert sich wenigstens nicht auf ewig. Das Feedback-System ist ähnlich direkt: Weder Likes noch Kommentare kann man spenden. Sondern nur spontane Selfies. Wer also etwas geteilt hat, bekommt die Lacher und Tränen fast so unmittelbar, als wäre kein Medium dazwischen (Klick zum Video).

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Illustration: Julia Schubert


Social-Media-Profi Neistat trat den üblichen Hype los. #beme trendete auf Twitter. Die üblichen Branchenstimmen witterten "das nächste große Ding". Und die Invite-Codes zum Mitmachen sind sofort vergriffen, wenn Neistat sie in seinen Videos freigibt. Wird Beme das Netzwerk, das alle anderen Netzwerke abschafft?
Die ersten Selbstversuche klingen und machen neugierig. Man ist sich einig: Am Anfang ist es schwer, etwas Sinnvolles zu posten. Es wackelt, rauscht, ist zu dunkel. Das ist natürlich unvermittelt. Bisschen anstrengend. Und, ja, irgendwie schon echter als das, was wir bisher kennen. Nur: Braucht man das?

>>> Unser Verlangen nach Aufmerksamkeit verkünstelt die Dinge, die wir teilen. 


Beme – und Neistats Idee von der dringend nötigen Unverstelltheit – klingt spannend und schlau. Und etwas arg optimistisch. Denn dass man sorgfältig auswählt, was man ablässt, dass man überlegen kann, was man wie kommentiert, dass man online der eigenen Identität ein möglichst feines Abbild schnitzen kann – das ist doch der Reiz der Netzwerke, wie wir sie kennen. Impuls, Reflexion, Aktion, Reaktion – erst wenn wir bewusst durch diese Schritte gehen, uns immer wieder überprüfen und bestätigen, spenden sie Glück. Ob der reflexionsgewohnte Mensch bereit ist, sich fallen zu lassen?

Schon wenige Tagen nach der Veröffentlichung kann man beobachten, was mit Beme passieren wird: Unser menschlicher Durst nach Aufmerksamkeit verkünstelt, ähnlich wie bei Instagram oder dem Kurzclip-Dienst Vine, was wir teilen. Wie in jedem Netzwerk hat auch die ambitionierte Hälfte der Beme-User bald den Dreh raus, was funktioniert und was nicht. So wie Snapchat-Künstler Shaun McBride, dessen Beme-Kurzfilm Neistat so gut gefiel, dass er ihn, nachdem er über sein Handy geflimmert und verschwunden war, vom Handy seiner Frau abfilmte und twitterte. Und damit seine eigene These untergrub (Klick zum Video):  

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Illustration: Julia Schubert



Die andere Hälfte der Nutzer wird sich vielleicht wirklich nicht darum scheren, wie sie bei Beme wirkt. Also, derart überhaupt gar nicht, ganz frech und frei, dass es wieder nervt; genau wie Leute, die in verschiedenen Socken und beißenden Farben rumlaufen und betonen, dass sie einfach nur anziehen würden, was gerade sauber ist.
Anschauen mag man sich das eher weniger.

Insofern stellt sich die Frage: Was ist wirklich echt? Ist es für einen reflektierten, bewussten Menschen noch authentisch, immer aus dem Handgelenk zu senden? Ist unsere Gefallsucht etwa nicht echt? Muss man bewusst "authentisch" sein, um authentisch zu sein? Kann man überhaupt immer total echt sein? Will man das? 

Vielleicht macht Beme Schluss mit sorgsam ausgeleuchteten Duckfaces und Konzerten voller hochgestreckter Smartphones. Wäre ja schön! Wahrscheinlich aber eher nicht. Wir waren eitle Geschöpfe lange vor Facebook. Wir werden eitel bleiben.
Klar, der Mensch wäre heute gerne vor allem echt. Zu glauben, ein technischer Trick würde ihm zu mehr Echtheit verhelfen, ist aber paradox. "Beme überbrückt das unheimliche Tal, in dem die sozialen Medien momentan stecken“, sagt Neistat. Womöglich irrt er sich. Womöglich fällt Beme genau in die Lücke zwischen Realität und Inszenierung, die uns unheimlich ist.
Denn lieber noch als echt fühlen wir uns geliebt.

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