Hasidic Reggae - Soundclash der Religionen

Eine der neuesten Musikgattungen ist Hasidic Reggae. So neu, dass es im Moment nur einen Menschen gibt, der sie macht. Matthew Miller wohnt in Brooklyns Viertel Crown Heights, in New York, ist 26 und hört auf den Künstlernamen Matisyahu. Mit seiner Reggaeband trat er kürzlich bei Jay Leno auf, in der berühmtesten Talk Show Amerikas. Denn genauso wichtig wie seine Musik ist Matisyahu sein jüdischer Glaube, das Chassidentum.
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Die Chassiden sind eine der Mystik sehr zugetane Strömung innerhalb des orthodoxen Judentums. Sie werden deshalb oft auch als ultra-orthodox bezeichnet, was sie selbst aber gar nicht gerne hören. Für unsere Begriffe leben sie ihren Glauben nach wahnsinnig strengen Regeln, die es auf den ersten Blick nicht unbedingt nahe legen, dass eine Chasside Reggae-Sänger wird. Für den 26-jährigen Chassiden Matthew Miller alias Matisyahu haben der Judaismus und die Rastakultur Jamaikas aber einiges gemeinsam. "Rastafarism basiert auf Spiritualität und dem Glauben an Gott und ist wie eine vereinte Kraft in der ganzen Welt. Im Judaismus ist das dasselbe. Wir sagen alles ist eins und alles ist Gott. Auch negative oder schlechte Dinge in dieser Welt – alles kommt von Gott."

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Illustration: Julia Schubert

Matthew alias Matisyahu mit Saul Williams (alle Fotos: hasidicreggae.com) Religionsunterricht bei Bob Marley Bevor Matisyahu zu dieser Erkenntnis kam, war er auf einem jahrelangen Selbstfindungstrip. Seine jüdischen Eltern entschieden sich für ein ‘ungläubiges’ Leben und wurden Hippies. Mit 17 Jahren schmiss Matthew die Schule, trampte mit seinem Rucksack quer durch Amerika und schlug sein Zelt bei Hippiefestivals auf. In seinem Reisgepäck waren die Songs von Bob Marley, deren Texte immer wieder Elemente aus dem Alten Testament enthielten – Geschichten, von denen er schon im Religionsunterricht gehört hatte. Damals hatte er die Tora noch als Nonsens abgestempelt, doch von Lehrmeister Bob Marley überbracht, fand Matisyahu seine Kultur zum ersten Mal attraktiv. Darauf fing er an, selbst Reggae zu spielen, doch die Spiritualität des Reggae war für ihn nicht ausreichend, um eine Verbindung zu Gott zu finden, wie Matisyahu rückblickend erkennt: "Ich brauchte etwas Konstantes, das einfach immer und jeden Tag da ist. Ein Lebensstil der es mir ermöglicht Kontakt zu Gott zu haben. Reggae Musik erreicht dich nur, solange du sie hörst. Wenn du sie ausschaltest, ist sie weg. Das ist für mich nur eine kleine externe Verbindung. Wenn du dich aber ganz und gar für etwas richtig festes hingibst, bekommst du eine wirkliche interne Verbindung zu Gott." Mit 20 Jahren zog Matisyahu in eine jüdische Kommune nach Brooklyn. In der Meshiva lernte er die Grundlagen des Chassidentums. Zwei Jahre studierte er 12 Stunden pro Tag- von Morgens bis Abends zusammen mit seinen Glaubensgenossen die Grundlagen der Thora. Beschränkungen, die seine Religion mit sich bringen, lernte Matisyahu damals zum Ersten mal kennen. Als chassidischer Schüler durfte er weder einen Takt Reggae hören, noch einen Akkord auf seiner Gitarre spielen. Seine eigene Musik war erstmal passé, wie der Künstler ganz selbstverständlich erzählt. "Es gibt zwar keine richtige Regel im Judaismus, die besagt, du darfst keine Musik hören. Aber die Abmachung besagt, dass Musik eine große Macht hat, die sich auf deine Seele auswirken kann. Deshalb musst du vorsichtig sein mit dem, was du Dir anhörst. Auch wenn es toll klingt, die Quelle ist womöglich nicht so positiv. Deswegen möchtest du das nicht in dich eindringen lassen, es könnte deine Seele beeinflussen."

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Illustration: Julia Schubert

Stagediving verboten Matisyahus Wandel ist beeindruckend und selten. Zuvor war er noch der Rebell, ein Schulabbrecher und freiheitsliebender Reggae Musiker. In seiner Kommune wurde er zum streng religiösen Chassiden mit Einschränkungen und vielen Regeln. Sein Rabbi nimmt dabei die Rolle der Kontrollperson ein. Doch ganz loslassen von seinem alten Leben konnte er nicht und als Matisyahu die Reggaeabstinenz nicht mehr aushielt, sang er ihm auf einer religiösen Feier spontan eines seiner Reggaelieder vor. Daraufhin bekam er dem Segen des Rabbi, weiterhin Reggae machen zu dürfen. Allerdings nur mit der Bedingung, zu heiraten, was für Matisyahu den Spagat zwischen gläubigem Judendasein und Frontmann einer Reggaeband nicht einfacher machte. "Bei einem meiner Auftritte war ich so begeistert auf der Bühne, dass ich wie ein Stagediver in die Menge gesprungen bin. Hinterher meinte meine Frau, dass ich das nicht machen könnte. Schließlich seien da fremde Frauen im Publikum.“ Matisyahu grinst, wenn er sich an diese Situation erinnert. Mit etwas ernsterer Mine fügt er hinzu: “Das war das letze Mal, dass ich das gemachthabe. Denn es gibt ein chassidisches Gesetz, demnach dürfen Mann und Frau sich nicht berühren, ausgenommen davon sind natürlich deine Ehefrau, Tochter und Mutter. Mein Rabbi hat mir nach dem Gig gesagt, dass ich das in Zukunft unterlassen soll."

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Illustration: Julia Schubert

Seit Matisyahu Chasside ist, hat er sich verbindlich zu gewissen Dingen verpflichtet. Für den 26-Jährigen hat diese Hingabe jedoch etwas Gewinnbringendes. "Die ganze Idee dahinter ist, dass Regeln auch befreien. Wir Leben in einer Welt voller Beschränkungen. Wir sind von Natur aus nicht frei. Doch wenn man einen eigenen Lebensstil verinnerlicht, der sich von dem Äußeren des normalen Lebens unterscheidet, kannst du selbst Wählen zwischen den beiden. Bewusst nach bestimmten Regeln zu leben hat für mich etwas Befreiendes." Dazu gehört auch eine spezielle Kleidung: Ohne jamaikanische Strickmütze, sondern konservativ in Schwarz gekleidet, mit Hut, langem Bart und Mantel geht der Reggaemusiker durch die Straßen Brooklyns. Von seinen Schläfen baumeln eingedrehte Zöpfchen. Einerseits hat Matisyahu als Chasside keine Möglichkeit sich anders zu kleiden, gleichzeitig verschafft ihm diese Exotik auch viel Publicity. Wäre Matisyahu noch optisch der gleiche Dreadlock-Hippie wie zu Teenagerzeiten, wäre er wohl nicht bei Jay Leno zu Gast. Egal in welcher Talkshow er Platz nimmt, die Einstiegsfrage ist meist identisch: "Ist das ein Witz oder ernst gemeint?" Der Musiker empfindet diese Frage als berechtigt. "Hätte mir früher jemand erzählt, es gibt da einen chassidischen Reggaemusiker, hätte ich auch gefragt, wie man diese beiden Dinge verbinden kann. Das ist ja, als würde sich eine Katze als Hund verkleiden.“ Auf der Website www.hasidicreggae.com kann man sich über die Musik von Matisyahu informieren, hier gibt es beispielsweise ein Video zu sehen.

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