Heldeninflation

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Den Begriff „Held“ zu definieren, ist eigentlich nicht so schwer. Meistens sind es Menschen, die besonders wagemutige Sachen machen. Und das nicht als Selbstzweck, sondern weil ihnen ihre Umwelt so wichtig ist. In Heldengeschichten geht es deshalb meistens um nicht weniger als die Existenz der Menschheit: Die Erde muss vor bösen Mächten (genetisch veränderten oder kapitalismusgeilen Bösewichten, oft auch in Kombination) gerettet werden. Der Held selbst tut dadurch zwar etwas sehr Ehrenhaftes, wird dafür aber nur selten belohnt. Siegfried aus dem Nibelungenlied musste das Herz eines seiner Widersacher braten und verspeisen, einen Drachen töten und in dessen Blut baden und das alles nur, um am Ende wegen eines dummen Entjungferungs-Streites von seinem Widersacher Hagen erstochen zu werden. Batman geht’s auch nicht besser – er ist Waise, darf öffentlich nicht zu seiner Vorliebe für Fledermausanzüge stehen und zumindest in den depressiven Christopher Nolan Filmen stirbt seine große Liebe Rachel Dawson. Stünden all diese Erfordernisse in einer Jobbeschreibung – man bekäme wohl wenig Lust, sich zu bewerben.  

Trotzdem erlebt das Heldentum gerade in der Berufswelt eine Renaissance. Nicht, weil immer mehr Menschen sich selbstlos und todesmutig in Feuerbrünste werfen, um zu helfen– das wäre schön. Sondern weil die Werbeindustrie das so will.  

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Illustration: Julia Schubert

Heldentum ist mittlerweile inflationär - es soll Ausbildungsplätze interessanter klingen lassen. Aber ist das notwendig?

Insbesondere solide Jobs, die auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders funky wirken, werden immer öfter mit dem Claim „Helden gesucht“ beworben. Die Münchner Stadtwerke machen das so (Helden gesucht! Ausbildung zum Industriemechaniker / Bürokaufmann / Kaufmann für Verkehrsservice, dann aber natürlich in Verbindung mit einem Wortspiel mit ‚Weichen stellen’). Wer beim Baumarkt Hornbach anfangen möchte, ist ebenfalls ein Held und auch Sparkassenmitarbeiter tragen unter ihren Anzügen Supermananzüge - theoretisch. Der „Focus“ betitelte neulich das Lehrerdasein als einen „Job für Helden“ und „Jugend forscht“ versuchte bereits vor ein paar Jahren seinen Wissenschaftlern damit mehr Glorie zu verleihen. Wenn man noch ein bisschen weitergooglet, werden auch Putzfrauen, Nachtclubmitarbeiter und Sprengmeister zu Helden – wobei zumindest letztere im Interview zugeben, im Zweifelsfall dann doch lieber keine seien zu wollen, sondern nur ordentlich ihren Job zu machen.

Natürlich ist es erstmal nicht verwerflich, wichtigen Jobs mehr Anerkennung zukommen lassen zu wollen. 2013 waren über 33.000 Ausbildungsstellen in Deutschland unbesetzt – oftmals eben jene, die zunächst nicht besonders aufregend klingen. Diesen allerdings gleich etwas Heroisches zu geben, ist nicht nur übertrieben – es ist auch lächerlich. Kein junger Mensch wird sich begeistert bei den Münchner Stadtwerken bewerben, weil er erwartet, hier täglich die Welt zu retten. Vermutlich will er das auch gar nicht, sondern erfreut sich einfach an einem sicheren Arbeitsplatz und guten Arbeitsbedingungen.  

Es ist aber noch etwas anderes, dass die inflationäre Verwendung tragisch macht: Echte Helden versinken in dieser Flut von Möchtegern-Capeträgern. Denn unter dem Helden-Banner laufen auch gute Aktionen. Die „Jungen Helden“ informieren über Organspenden, die „Sozialhelden“ über Barrierefreiheit und die "Aias-Helden" kämpfen für die Registrierung in Stammzellendatenbanken gegen Knochen- und Blutkrebts. Wenn die Sächsische Feuerwehr unter dem Slogan „Helden gesucht“ ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, wirkt das langweilig. Das ist ungerecht. Denn im Gegensatz zu den sonst derzeit gesuchten Helden werfen diese sich wirklich in Feuerbrünste und retten Menschenleben. Das macht die Bürokauffrauen und Baumarktmitarbeitern nicht zu schlechteren Menschen – die wahren Helden werden so nur leichter übersehen.  

Und vielleicht gilt für die Bürokauffrauen und Baumarktmitarbeiter noch eine ganz andere goldene Regel: Echte Helden prahlen nicht mit ihren Fähigkeiten. Sie tun Gutes heimlich. Schließlich war Peter Parker auch nicht von Beginn an Spiderman in Vollzeit. Seine Karriere fing ganz anders an – als Laborgehilfe.

Text: charlotte-haunhorst - Illustration: Sarah Unterhitzenberger

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