Herr Osthoff und die Entführung

Nur mal angenommen: Was wäre, wenn vor Tagen nicht Susanne Osthoff entführt worden wäre, sondern, sagen wir, Hans Osthoff - ein leidenschaftlicher Archäologe, der sich mit Leib und Seele seinem Beruf verschrieben hat, der eine neue Heimat im Irak gefunden, sich mit der dortigen Kultur identifiziert und den Menschen, denen es an allem fehlt, mit Medikamententransporten geholfen hat.
christina-waechter

Nur mal angenommen: Was wäre, wenn vor Tagen nicht Susanne Osthoff entführt worden wäre, sondern, sagen wir, Hans Osthoff - ein leidenschaftlicher Archäologe, der sich mit Leib und Seele seinem Beruf verschrieben hat, der eine neue Heimat im Irak gefunden, sich mit der dortigen Kultur identifiziert und den Menschen, denen es an allem fehlt, mit Medikamententransporten geholfen hat. Der seinen Beruf über sein privates Leben gestellt hat und ein Kind in der sicheren Heimat zurückgelassen hat, es Freunden anvertraut hat, von denen er wusste, dass sie sich gut darum kümmern würden. Nur eine kurze Frage: Hätte das etwas an der Berichterstattung über die Person Osthoff geändert? Susanne Osthoff ist mit Sicherheit keine typische „Frau“. Sie hat keinen Frauen-Beruf, sie begibt sich in Gefahr und hat schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie gehabt. Sie lebt in und setzt sich für ein Land ein, in dem Krieg herrscht. Sie hat eine Tochter, mit der sie nicht zusammenlebt. Sie lässt sich mit dem Bild, das viele Menschen in Deutschland von einer „guten Mutter“ und „guten Frau“ haben, nicht vereinbaren. Für diese Menschen macht eine gute Frau in erster Linie aus, dass Familie für sie oberste Priorität hat. Dass sie sich selbstlos dem Dienst am Gemeinwohls verschreibt und sich nicht selbst verwirklicht, dass sie keine Ziele verfolgt, die ihr nahestehende Menschen möglicherweise schaden könnten. Lauter Eigenschaften, die man bei Männern vermutlich mit großem Respekt erwähnen würde. Bei Frau Osthoff hat sich dagegen die Berichterstattung inzwischen in eine seltsame Art Hexenjagd verwandelt, die mit der Sache (Deutsche wird im Irak entführt und befreit) wenn überhaupt nur mehr am Rand zu tun hat. Nachdem die Boulevard-Zeitungen zunächst darüber spekuliert hatten, ob das Entführungsopfer Susanne Osthoff geköpft werden würde und sich auch sonst auf die Entführung konzentrierten, änderte sich die Berichterstattung in dem Moment, als Näheres über die Familie Osthoffs bekannt wurden. Plötzlich wurde die Person in den Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt und ihre Lebensführung in Frage gestellt: Der zwölfte Geburtstag der Tochter war mehrere Schlagzeilen wert, die Tatsache, dass Osthoff seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hatte, wurde ihr als Charakterschwäche ausgelegt. Gestern dann machten die Boulevard-Zeitungen mit der Frage auf, ob Frau Osthoff verrückt geworden sei, weil sie in einem Interview gesagt hatte, sie wolle zurück in den Irak kehren und ihre Arbeit dort fortsetzen. Selbstverständlich ist jedem Menschen freigestellt, sich über andere Menschen so viele Gedanken zu machen, wie er will. In diesem Fall ist die Berichterstattung allerdings einigermaßen aus dem Ruder gelaufen. Dumm, unlogisch und seltsam wurde da Gericht gehalten über eine Frau und ihr Privatleben, die nicht darum gebeten hat, ihr Leben von der Öffentlichkeit zerpflücken zu lassen. Wäre es nicht so zynisch, könnte man gespannt sein auf die Entführung eines männlichen Deutschen im Irak. Ob die Berichterstattung da ähnlich ablaufen würde?

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