Herr und Dorf - Thomas Mann in Arosa Teil 2: Die Einheimische

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Das Old India heißt heute Orellis und voll ist es immer noch, aber die Gäste wissen nicht, dass an ihren Plätzen Thomas Mann seine Welt neu ordnen musste. Insofern hat sich nichts geändert. „Die Familia Mann war eben da, das hat damals auch keinen interessiert“ sagt Ruth Licht, während sie den Ofen des Heimatmuseums anschürt. Über ihr an der Wand hängen wurmstichige Heuwender und alte Skibretter, wie Katja Mann sie benutzte, um die Berge rund um die Tschuggen-Hütte zu befahren. Heute gibt es dort 14 Liftanlagen und eine Mickey-Maus-Skischule. Ruth Licht setzt sich auf die Kante der alten Eckbank am Fenster und erzählt leise aus einer Zeit, in der sie als Mädchen in der Pension ihrer Eltern in Arosa mitarbeiten musste und in der Ort durch die heilende Luft zu Wohlstand und Größe gekommen war. Arosa galt Lungenkranken aus ganz Europa wegen der höheren Lage als noch wirksamer als Davos. Nahezu alle großen Hotels am Ort waren früher Sanatoriumsanstalten, wie sie Katja Mann bereits lange vor dem Exil in Anspruch nehmen musste. Zu diesen eleganten Sanatorien gesellten sich eine Menge kleiner Pensionen – eine davon unterhielten die Eltern von Ruth Licht. Die Patienten stiegen hier zu halbjährigen Aufenthalten auf den Balkonen ab und taten die ganze Zeit über nicht viel mehr als: atmen und husten. Der ganze Ort war tuberkulös. Und obwohl dieses halbe Jahrhundert des Krankheitstourismus viel Geld brachte und die Grundlage für den schnellen Wandel zum Wintersportort legte, ist im liebevoll eingerichteten Heimatmuseum von Ruth Licht fast nichts davon zu sehen. Weder die Liegen auf denen die Tuberkulosekranken die Aroser Luft einatmeten, noch bemerkenswerte Gegenstände wie den Taschenspucknapf, den alle Kranken mit sich trugen, um ihr infiziöses Sputum nicht auf die Straße zu spucken. Dabei erinnert sich Ruth Licht gut an diesen Gegenstand: „Ein ekelhaftes Ding war so ein Spucknapf, den möchte ich nie wieder sehen.“ sagt sie und ihr sanftes Erzählen klingt kurz bitter. Sie wird damals, wie fast alle Einheimische, von den TBC-Gästen angesteckt, weil sie als Zimmermädchen die Laken wechseln musste, mit wenig hygienischen Vorkehrungen. „Ein kirschkerngroßes Stück Tuberkulose ist immer noch in meiner Lunge. Eingekastelt, nie ausgebrochen. Ich trage es mit mir herum, aber ich habe es vergessen.“ Das Vergessen ist der leichteste Umgang mit einer Zeit, in der Arosa von den Gesunden gemieden und als verseuchter Landstrich verunglimpft wurde. Ruth Licht berichtet von einer Zugfahrt, bei der eine mitreisende Mutter das Zugfenster schließen lässt und die Kinder anweist, sich abzuwenden, als der Zug in die Talstadt Chur einrollt - um ja nichts vom „Pestort“ einzuatmen. Fast siebzig Jahre ist das jetzt her, doch Frau Licht erzählt an diesem Morgen vor dem knirschenden Ofen davon, als wäre es letzte Woche gewesen. Dann steht sie abrupt auf, um Fotos aus einer Zeit zu zeigen, über die sich leichter reden lässt. Aus den Nachkriegsjahren, als über Arosas wenige Straßen die ersten Limousinen rollten, amerikanische Filmstars in den desinfizierten Hotels Hof hielten und Ruth Licht selber als Fotografin im Einsatz war. Von Thomas Mann gibt es kein Foto in Arosa, trotz vieler Monate, die er insgesamt hier verbrachte. Buchautor Haldimann findet diese Tatsache unglaublich: Als anderswo Fotografen und Bürgermeister Schlange standen, wenn Thomas Mann in die Stadt kam, interessierte sich in Arosa niemand wirklich für seine Anwesenheit. Auch nicht 1936, als er wieder im Waldhotel Quartier nimmt, obwohl er Nazis unter den übrigen Gästen befürchtet, „da die Schweiz sich mit dem Reich verständigt hatte“. Drei Jahre ist er nun im Exil, verfolgt stumm den deutschen Wahnsinn und schreibt an seinen „Joseph“- Büchern. Die gesamte intellektuelle Welt wartet seit diesen drei Jahren auf ein öffentliches Äußerung des weltberühmten Schriftstellers, zu den Vorgängen in seiner Heimat. Doch Thomas Mann schweigt, schreibt nicht wie die anderen Geflohenen Artikel und Bücher gegen den Nationalsozialismus, gründet keine Zeitungen und unterstützt nur zögerlich jene Exilanten, die nicht so feudal leben können wie er. Nun kommt aber während seines Arosa-Urlaubs die sogenannten Korrodi-Affäre zum Siedepunkt, benannt nach dem Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, dessen Emigrantenschelte Thomas Mann schließlich veranlasst, sich endlich öffentlich zur Emigration zu bekennen. Schwer ringt er auf den Spaziergängen nach Maran mit sich und nimmt mit seiner Starrheit die fürchterliche Verstimmung seiner Kinder in Kauf. Ein Tag nach der Abreise aus Arosa aber diktiert er seiner Frau Katja einen offenen Brief an die NZZ und wenige Stunden später ins Tagebuch „Ich habe nach 3 Jahren des Zögerns mein Gewissen und meine feste Überzeugungen sprechen lassen“. Dieser bedeutende Geisteswandel des Thomas Mann hatte seinen Ursprung in Arosa, irgendwo zwischen Old India und Waldhotel, wo genau, wissen nur die mächtigen Tannen. MAX SCHARNIGG

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