Herr und Dorf - Thomas Mann in Arosa Teil 3: Der Hoteldirektor

Dreimal wird das Schweizer Bergdorf Arosa zum Schicksalsort von Thomas Mann. Was ist davon geblieben? Drei Begegnungen mit Menschen im Arosa von heute.
max-scharnigg

Das Waldhotel National ist heute immer noch ein stattliches Hotel. In Alleinlage am Rande des Waldes, liegt es selbstbewusst über Arosa und bietet seinen Gästen hochalpine Luxusgemütlichkeit, wie sie nur ein altes Haus verströmen kann. Unlängst wurde noch ein moderner Wellnessbereich angebaut und Direktor Steffen Volk hat eigentlich keine Zeit. Wo er steht, klingeln Telefone und schallen Anweisungen, deswegen bleibt er nicht stehen sondern durchmisst im Eilschritt sein Hotel. Für literarische Spurensuche auf seinem Grundstück hat er nicht viel übrig. „Ja, es gibt immer wieder mal Leute, die danach fragen, Zauberberg und so“, räumt er ein und wischt dieses Ansinnen gleichzeitig mit der Hand ein beiseite. „ Die sind dann manchmal enttäuscht, wenn sie hier herkommen - es ist halt doch nicht mehr viel übrig“ sagt Hoteldirektor Volk und macht, was er in solchen Fällen immer macht: reicht einen Heftchen des Hauses, auf dessen Cover Thomas Mann posiert und das einige Informationen zu Geschichte von Herr und Haus erzählt, auf einem Papier das in seiner Qualität andeutet, dass man sich der Wichtigkeit des Herrn Schriftstellers bewusst ist.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Als Ueli Haldimann vor drei Jahren hier sein Literatenbuch auslegen will, gehört das Waldhotel trotzdem zu jenen Häusern, die den Journalisten ohne Interesse hinauskomplimentieren. Dabei kommt Haldimann an der Bronzetafel für Thomas Mann vorbei, die vorne am Waldhotel angebracht ist. Außer ihr bietet das Haus das bevorzugte Zimmer des Schriftstellers mit der Nummer 308 zu Besichtigung an und von der Menükarte im „Thomas Mann-Restaurant“ blickt sein Konterfei. Das reicht. Es ist ein alter Thomas Mann, der da grimmig und gebeugt auf die GaultMillau-gekrönten Gerichte von Küchenchef Gerd Reber schaut. Grimmig und alt ist der 79-jährige auch, als noch mal zum Tschuggen aufbricht und im Januar 1955 sein letzter Arosa-Aufenthalt beginnt. Das liebgewonnene Waldhotel ist in diesen Jahren zu einem Militärsanatorium umgebaut, deshalb muss das Ehepaar Mann im Hotel Excelsior, oberhalb der Promenande absteigen. Auch sonst läuft es nicht besonders gut, in diesen sonnigen Januartagen. Mann zweifelt, „ob die Höhe meinem Nervensystem zuträglich“ und hat Angst auf dem vereisten Spazierweg nach Maran auszurutschen, den er früher so oft beschritt. In der Nacht auf den 23. Januar erkrankt der Schriftsteller an einer ernsten Virus-Infektion und muss hinab nach Chur ins Krankenhaus, von wo er stark geschwächt direkt in sein Haus nach Küsnacht zurückkehrt. Nach diesem Spitalaufenthalt, der ihn so jäh Arosa entreißt, wird Thomas Mann nicht mehr richtig gesund und am 12. August 1955 stirbt er 80-jährig in einem Krankenhaus in Zürich. Hoteldirektor Steffen Volk brennt noch schnell eine CD mit den wichtigsten Daten des Hotels und verabschiedet sich dann zügig in die Richtung eines seiner Telefone. Unweit der Thomas-Mann-Tafel im Eingangsbereich können sich die Hotelgäste an diesem bewökten Nachmittag für einen Nordic-Walking-Schnupperkurs eintragen, Treffpunkt in der Lobby. Gewalkt wird vom Hotel rüber nach Maran, vorbei an den mächtigen Tannen - ein alter Weg. MAX SCHARNIGG

  • teilen
  • schließen