"Heute ist Wahl? Stimmt. Heute ist ja Wahl."

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Die Toiletten stinken und innen an den Wänden stehen die üblichen Sprüche und Zeichnungen, daneben immer wieder die Worte „Gobama“ und „Nobama“. Wahltag im Camp Ramadi, einer Basis der US-Armee im Irak. Irgendwie ist die Wahl sehr präsent. Irgendwie ist sie sehr weit weg. Vor den Zelten der Soldaten stehen keine „Yardsigns“ mit den Namen „McCain“ oder „Obama“, im Fernsehen in der Kantine laufen keine Wahlwerbespots, wie sie in der Heimat der Soldaten seit Wochen zu sehen sind und als am Dienstagmorgen über der Wüste der irakischen Provinz Anbar die Sonne aufgeht, beginnt einfach nur der Dienst für die neu eingetroffenen Soldaten des 81. Heavy Brigade Combat Team. Die meisten verschwenden nicht mal einen Gedanken daran, dass sich an diesem 4. November des Jahres 2008 zuhause in Amerika die Zukunft ihres Landes und vielleicht mehr entscheidet. „Heute ist Wahl?“ antwortet Major Scott Taylor, wenn man ihn fragt, was ihm der Tag bedeute. Und dann sagt er: „Stimmt. Heute ist ja Wahl.“ Gut 3200 Soldaten gehören zu der Einheit aus dem Bundesstaat Washington, die in diesen Tagen auf Militärstützpunkten im ganzen Irak ihre Arbeit beginnt. Vor einer Woche sind die ersten 140 Frauen und Männer in Camp Ramadi angekommen, täglich kommen mehr Soldaten nach. Sie bauen Möbel zusammen, richten sich in den Zelten ein und haben ein Übergabe-Treffen nach dem anderen mit den Kommandeuren der Truppe, die den Irak gerade verlässt. Für Gespräche über Politik bleibt in dieser Phase wenig Zeit. „Ehrlich gesagt bin ich ganz froh, zur Wahl nicht zuhause zu sein“, sagt Staff Sergeant Ryan O’Leary, 30, aus Seattle. Wie viele andere Soldaten zweifelt er daran, dass das Wahlergebnis irgendeinen Einfluss auf seine Arbeit im Irak haben wird. „Klar hat es Einfluss auf den Ausgang des Krieges. Ich glaube aber nicht, dass es irgendwelche Auswirkungen auf mein Leben in den nächsten zehn Monaten haben wird.“. So lange soll O’Leary diesmal im Irak bleiben.

US-Soldaten auf Patrouille nahe Ramadi - das Bild enstand am vergangenen Sonntag. Die Frauen und Männer der 81. Brigade schützen Versorgungstransporte, sie steuern unbemannte Aufklärungsdrohnen, sie sind für die funktionierende Infrastruktur im Camp verantwortlich. Verglichen mit anderen Stützpunkten haben sie es in Camp Ramadi ganz gut getroffen. Essen gibt es auf einem Teller und nicht aus einem Plastikbeutel, aus den Duschköpfen kommt heißes Wasser und die beherrliche wehende Brise aus der Wüste sorgt dafür, dass der Duft von brennendem Müll, Dieselabgasen und Abwasser den Leuten im Camp nicht den Atem raubt. Das Wichtigste aber ist: In Ramadi ist es ruhig. 2005 wurde hier noch gekämpft und zehn Soldaten der Brigade kehrten in Särgen nachhause zurück. Heute ist der Irak zwar immer noch ein gefährliches Land, in Camp Ramadi gab es aber in den vergangenen Monaten nur selten Raketenalarm. Die Soldaten dürfen sogar ohne Helm und kugelsichere Weste durch das Camp laufen und ihre größte Angst in den kommenden zehn Monaten ist unsichtbar. Sie hört auf den Namen „Langeweile“. Die Welt für die Soldaten im Irak ist besser geworden, und das nicht nur, wenn von der Sicherheit die Rede ist. Im Wahljahr 2004 zum Beispiel kamen Hunderte von Stimmzetteln der Soldaten erst mit drei Wochen Verspätung in den USA an. Der Kommandeur der Brigade, Ryan Kapral, erinnert sich, dass das Rennen um den Gouverneursposten von Washington damals mit nur 200 Stimmen Vorsprung entschieden wurde. „Viele unserer Stimmen sind nicht einmal gezählt worden“, sagt er und schüttelt den Kopf. In diesem Jahr haben die meisten schon Wochen vor der Wahl ihre Stimme abgegeben. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum das Interesse an der Wahl gedämpft zu sein scheint. First Lieutenant Joseph Cluever aus Spokane sieht keinen Grund, seinen eh schon kurzen Schlaf zu unterbrechen. „Es ist ziemlich egal, wer gewählt wird. Ich werde so oder so bis August kommenden Jahres hier sein“, sagt der 27-Jährige. Sein Kamerad Gerald Ritter, 27, aus Seattle sieht das ein wenig anders. Er schiebt Wache in der Wahlnacht und schaut immer wieder bei einem Fernsehapparat vorbei. „John McCain hat für seine Karriere beim Militär meinen vollsten Respekt. Aber ich wähle Obama – weil er uns hier rausholen will“, sagt Gerald. Sergeant Amanda Gauthier aus Seattle findet es seltsam, soweit von Zuhause entfernt zu sein. Sie hat die Hochphase des Wahlkampfs noch mitbekommen – die Schilder im Gras vor den Häusern, die Anrufe und die Wahlwerbespots und die Fernsehdebatten. Und jetzt bekommt sie das Ende nicht mit, jetzt sitzt sie auf der anderen Seite der Welt und fühlt sich wie in den letzten Minuten eines Footballspiels, in denen der Strom abgeschaltet wird. „Wir werden nächstes Jahr wahrscheinlich in ein komplett anderes Land zurückkehren“, sagt Amanda.

Auf dem Weg in den Irak: Soldaten der 81. Brigade. So fühlen sich viele der Soldaten aus Washington wie im Niemandsland – noch nicht ganz hier, nicht mehr ganz zuhause und dieser Wahltag markiert das davor und das danach. Ein wenig teilen sie diese Zerrissenheit übrigens mit Haydar Abbas, dem Anästhesisten im Krankenhaus von Ramadi, der oft mit den US-Soldaten zusammenarbeitet und große Stücke auf Obama hält. „Obama hat afrikanische Wurzeln, er hat den Orient schon öfter besucht – er wird uns und all den Menschen außerhalb Amerikas viel mehr Verständnis entgegen bringen.“ Sollte Obama aber wirklich die Truppen aus dem Irak abziehen, sagt Abbas, wären die Folgen extrem, glaubt er: „Dann gibt es hier ein Massaker.“

Text: james-hagengruber - Fotos: jh, rtr

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