"Hi, my name is Tobias Moorstedt and this is movie review inferno - hell yeah!"

Ein Obststand am Straßenrand, in einer amerikanischen Vorstadt.
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Illustration: Julia Schubert

Ein Obststand am Straßenrand, in einer amerikanischen Vorstadt. Drei Frauen tragen Einkaufstüten – hier ist alles in Ordnung. Dann erscheint die feindliche Armee auf einem Hügel über der Stadt. In einem überdimensionalen Einkaufswagen – dem Streitwagen der Konsumkultur – rasen zehn junge Männer den Abhang hinunter. Von der Seite schießen große Kanonen Staub, Mörtel und Ziegelsteine auf die Truppe. Ein Wüstenkrieg-Gelbschleier legt sich über die Szene, dann kracht der Einkaufswagen in den Obststand. Die Männer liegen in den Trümmern und lachen. Die erste Alltagsidylle ist zerstört. Im ausverkauften Kinosaal irgendwo in Queens, New York City, ist den Gästen nach Zerstörung. Popcorn und Bier queren den Raum. Aus dem Dunklen ertönt ein Rülpser. Ein Schuh fliegt gegen die Leinwand. „Jackass – The Movie“ ist ein Erfolg. Die Filmversion der MTV-Show „Jackass“ kam auf den ersten Platz der amerikanischen Kinocharts und spielte dort bisher über 64 Millionen Dollar ein – bei 5 Millionen Produktionskosten. Es handelt sich um eine 80-minütige Fassung des Fernsehoriginals mit vielen harten Stürzen, übelriechenden Substanzen und Skateboardgott Tony Hawk im Bärenkostüm. Nur eins ist anders: „To extreme for TV“, so lautet der Untertitel des Films. Das gefällt vor allem einer bestimmten Zielgruppe: Zwei Drittel der Zuschauer von „Jackass“ sind männlich, drei Viertel unter 25. Es sind weiße Jungs aus der Vorstadt, die an diesem Abend im New Yorker Kino sitzen und Dinge sehen, über die sie noch lange beim Kiffen reden werden. „My Name is Steve-O“, heißt es „and I am going to take a shit in a sanitary store.” Höflich stellt er sich vor, bevor er zur Tat schreitet und seelenruhig auf einem Ausstellungsstück zu kacken beginnt, eine Zeitung in der Hand. Manchmal sieht Ober-Jackass Johnny Knoxville aus wie Tyler Durdan (Brad Pitt) im Film „Fight Club“: drahtiger Körper, kurze Haare, eine abgewetzte, enge Lederjacke, Pilotenbrille, jede Menge Narben. „It really hurts. Hit me again.”, heißt es in „Fight Club“. In „Jackass“ liefert sich Knoxville einen blutigen Kampf mit einem Boxer und geht mitten in einem Porzellangeschäft zu Boden. In einer anderen Szene mietet Knoxville einen Mittelklassewagen, zerstört das Auto bei einer Stunt-Show und bringt das Wrack dann zurück. Im Laden zerreißt er den Mietvertrag, man könne sich doch auch so einigen: „But this is just paperwork.“ Der Tatort ist die Kleinstadt. Der Alltag das Ziel. “We are going hard these days”, sagt der Stuntman Bam Margera einmal im Film, “There are mighty ideas floating around.” Es ist ein schöner Satz, ein Slogan, der den Jugendlichen im Kino gefällt. „Yeah“, schreien ein paar, es ist ein Slogan der absoluten Freiheit, der alles rechtfertigt. In einer der letzten Szenen des Films stürmt Bam Margera – genannt „The Parent Abuser“ – in das Badezimmer des Elternhauses, auf das sich der Vater gerade mit einer Zeitung zurückgezogen hat, prügelt auf ihn ein, klaut ihm Hose und Hemd. In der Nacht explodieren Feuerwerkskörper im Schlafzimmer der Eltern. Die Kamera steht im Vorgarten und filmt die bunten Flammen. „There you got it“, schreien die Jugendlichen im Kinosaal. Alles steht jetzt. Auf der Leinwand flackern die Signalfeuer einer Revolution. „Jackass – The Movie“ startet heute in Deutschland und wurde von der Freiwilligen Selbstkontrolle erst ab 18 Jahren freigegeben –nicht etwa wegen der grauenvollen deutschen Synchronisation, sondern wegen „akuter Nachahmungsgefahr“.

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