Hintergründiger Hintergrund

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Nach der Themenverteilung zu Semesterbeginn startet in vielen Seminaren der große Vortrags-Marathon: In jeder Sitzung werden bis zu drei Referate gehalten, natürlich inklusive Thesenpapier und Power-Point-Präsentation. Der vielleicht spannendste Moment ist der vor Beginn des Referats: Der Referent ordnet seine Unterlagen, fährt seinen Computer hoch, hantiert und stöpselt mit dem Beamerkabel  und schon wird sein persönlicher Desktop an die Leinwand projiziert. Das jeweilige Hintergrundmotiv offenbart dabei einiges über den, der es ausgewählt hat und nun (mehr oder weniger unfreiwillig) vor gesammelter Mannschaft präsentiert. Wir haben uns fünf Desktophintergrundtypen genauer angeschaut.

 



Desktophintergrundtyp "Windows-Wiese":
Ein vom Betriebssystem vorgegebenes Motiv

Der Referent:
Ist männlich und ein sehr sorgfältig und strebsam studierender Mensch. Sein Computer ist reines Arbeitsgebiet und Arbeitsgebiet darf nicht individuell gestaltet werden, sonst fühlt man sich zu wohl und arbeitet nicht konsequent genug. Eventuell hat er aber auch aus Gründen der Professionalität vor dem Referat sein eigentliches Desktop-Bild (er vor der Skyline von Manhattan) entfernt – immerhin soll man ihn ganz und gar als Referenten und nicht etwa als Person wahrnehmen. In seiner Freizeit (wenn er sich diese gönnt) trifft man ihn im Comicladen und in seinem Bücherregal stehen alle Lustigen Taschenbücher, die zusammen ein Buchrückenbild ergeben.

Das sagt das Bild:
„Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen."

Das denken die anderen Studenten:
„Ich würde gerne gehen, hier gibt es nichts zu sehen."

Das ist noch auf dem Desktop:
Die Ordner: „Uni" und „Abrechnungen" sowie die Textdokumente „Essay+Überarb.4" und „Zeitplan+KW36"

Das Referat:
Ist lang. Es kommen bestimmt sehr kluge Sätze darin vor, sie werden aber so dröge vorgetragen, dass sie sogleich am Ohr verpuffen. Die Power-Point-Präsentation ist zu textlastig, der Text zu klein, der Folienwechsel zu schnell und am Ende sagt der Dozent: „Das war sehr ausführlich, wir reden nächste Woche drüber."





Desktophintergrundtyp "Foto mit der Partnerin":
Er und sie in extrem guter Partylaune beim Fasching

Der Referent:
Setzt mehr auf die schöne Hülle als auf Inhalte. Er sieht gut aus (oder hält sich für gut aussehend), tritt in recht engen kurzen Hosen und einem gut gebügelten Hemd vor seine Kommilitonen und hat ein Gesicht, das oft in die Sonne und in Spiegel schaut. Er wohnt mit seiner Freundin zusammen in einem Vorort auf mehr Quadratmetern als eine Durchschnitts-WG und das Wohnzimmer deckt sich mit dem Ikea-Katalog. Vor Referatsbeginn redet er sehr viel und macht laufend Witze. Trotzdem ist er im Seminar bisher noch nicht aufgefallen. Wahrscheinlich, weil er nie da ist.

Das sagt das Bild:
„Glückliche und schöne Menschen brauchen keinen Abschluss, sie haben Glück und Schönheit."

Das denken die anderen Studenten:
 „TOO MUCH INFORMATION!"

Das ist noch auf dem Desktop:
Die Ordner „Urlaub mit Schatz", „Sebs Geburtstag" und „Tour mit den Jungs" sowie „Studykram" und „Mucke".

Das Referat:
Beschränkt sich auf das Wesentliche minus interessanter Gedankenanstöße und gerät so zu einer Zusammenfassung der drei konsultierten Sekundärtexte. Dafür hat der Referent witzige Bilder in die Power-Point-Präsentation eingebaut und schwungvolle Schriftzüge benutzt sowie ein charmant-ironisches Lächeln eingeübt, mit dem er auf die Nachfragen des Dozenten antwortet.





Desktophintergrundtyp "Kunstwerk"
Ein Bild von Gustav Klimt, Max Ernst oder Salvador Dalí

Der Referent:
Ist eine Referentin, die in dem Wissen, heute vor das Seminar treten zu müssen, lange darüber nachgedacht hat, was sie anziehen soll. Ihr Outfit ist ganz hübsch geworden und es kommen auf jeden Fall eine Strumpfhose, ein mädchenhaftes, keinesfalls aufreizendes Kleid und ein schön gemusterter Schal darin vor. In ihrem Bücherregal findet man neben einem Porträt-Fotoband namens „Menschen" auch „New York: Hotels, Restaurants und Shops" aus dem Taschen-Verlag, das sie sich gekauft hat, weil vorne eine gezeichnete Audrey Hepburn drauf ist. Vor Referatsbeginn ist sie ein bisschen nervös und als der Beamer plötzlich ausfällt, weil der Stecker locker ist, bittet sie den Dozenten um Hilfe und lacht danach einen einzelnen, verlegenen Lacher.

Das sagt das Bild:
„Der Nutzer dieses Computers würde sich gerne für Kunst interessieren."

Das denken die anderen Studenten:
„Geh ein Bier trinken."

Das ist noch auf dem Desktop:
Ein Ordner namens „Gedichte" sowie ausgelagerte, sich wohl noch in Arbeit befindliche Dokumente, die „Ich stürze" und „Der Weg" heißen. Außerdem das Dokumente „wichtige Links" und das digitale Post-It, auf dem „Geschenk für Hanna <3", „Hausarbeitsthema!!!" und „Blogeintrag übers Festival schreiben" notiert ist.

Das Referat:
Ist formschön, sogar das Thesenpapier hat ein irgendwie gutes Design. Insgesamt plätschert der Vortrag dahin wie ein fröhlicher Bachlauf, der hin und wieder hinter einem Stein kurz nervös kreiselt, die Referentin ist anschließend erleichtert und glücklich und die Zuhörer haben ein Höchstmaß an zufriedener Gleichgültigkeit erreicht.





Desktophintergrundtyp "Foto einer Fernreise":
Sie von hinten auf einem Felsen mit Meerblick / mit der besten Freundin springend am Strand oder er auf einem Berggipfel / grinsend Arm in Arm mit einem indischen Verkäufer in Neu Delhi

Der Referent:
Sehr offen und mit relativ starkem Individualitätsdrang. Er/sie erzählt jedem, der kurz stillhält, wie viel er/sie zu tun hat und von diesem ständigen Drang, noch mehr zu tun, mit dem er/sie „eigentlich nur mein Fernweh" kompensiert. Die Kleidung ist eine Symbiose aus Großstadt-Style und Outdoor-Schick (inklusive Teile von H&M, die nicht total nach H&M aussehen), denn er/sie ist allzeit bereit sich in jede erdenkliche Art von Dschungel oder Wüste zu stürzen und dort seine Spuren zu hinterlassen. Das tut er/sie ohnehin sehr gerne, zum Beispiel auch im Seminar, in dem er/sie die Rangliste der Wortbeiträge ungeschlagen anführt und sehr häufig die Wörter „aktiv", „in Relation zu" und „Akzeptanz" verwendet.

Das sagt das Bild:
 „Wo ich herkomme, gibt es noch viele, viele mehr."

Das denken die anderen Studenten:
„Gähn. Hab ich gerade gähn gedacht oder tatsächlich gegähnt?"

Das ist noch auf dem Desktop:
Die Ordner „Peru 2010", „Indien 2011" und „Musik für Roadtrips" sowie „bpb-Projekte", „Running4Africa" und eine Verknüpfung zu „Solitär".

Das Referat:
Ist engagiert, gut recherchiert und wird im Übereifer zu schnell vorgetragen. Es fehlen Exemplare des Thesenpapiers („Gib mir deine Mail, ich schick's dir!") sowie anschließende Diskussionsbeiträge der Zuhörer („Wenn ihr keine Fragen habt, gebe ich einfach mal einen kleinen Anstoß für die Diskussion!"). Der Dozent ist begeistert, befeuert damit aber leider das ohnehin schon überbordende Selbstbewusstsein des Referenten, der sich in Zukunft im Seminar so viel melden wird, dass es zu einem Dialog zwischen ihm und dem Dozenten gerät.





Desktophintergrundtyp "Foto vom Haustier":
Meist Katze oder Hund, in besonders schweren Fällen: ein Pferd

Der Referent:
Ist weiblich, pünktlich und gut vorbereitet. Davon merkt aber keiner was, weil sie auf der Rangliste der Wortbeiträge auf dem vorletzten Platz steht (vor dem, der nie da ist). Eigentlich bemerkt man sie im Seminar nur, weil sie jedes Mal , wenn sie sich melden möchte, die Bewegung in einen Griff nach der Wasserflasche umwandelt und daher in 90 Minuten extrem viel trinkt und mindestens einmal zur Toilette geht. Spätestens nächstes Semester wird sie aber studentische Hilfskraft sein. Ihre Lieblingsserie ist „Grey's Anatomy" und ihr Allerheiligstes die FC Bayern Dauerkarte.

Das sagt das Bild:
„Seid lieb zu ihr, um Gottes Willen, seid bitte, bitte lieb zu ihr!!!"

Das denken die anderen Studenten:
„Würde ich dich nicht kennen, würde ich dich jetzt in den Arm nehmen."

Das ist noch auf dem Desktop:
Verknüpfungen zu den Ordnern „eigene Dokumente", „eigene Bilder" und „eine Musik" sowie eine Verknüpfung zum Internet Explorer.

Das Referat:
Ist gut. Um interessiert zuzuhören sind die Zuhörer allerdings zu erstaunt, darum hören sie erstaunt zu. Nach dem Referat packt die Vortragende hektisch ihren Kram zusammen und verschwindet mitten in der vom Dozenten angestoßenen Diskussion auf die Toilette, sieht dabei aber irgendwie selbstzufriedener aus als sonst.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Katharina Bitzl

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