Hoch hinaus: der Dutt ist wieder da!

Was eigentlich ist am Dutt so aufregend, dass ihn mittlerweile jedes Mädchen derzeit gegen den uncool gewordenen Pferdeschwanz eingetauscht hat?
fiona-webersteinhaus

An sich ist der Dutt nix Neues. Zumindest die Schluderversion ist bei langhaarigen Mädchen eine eingeübte Bewegungsabfolge, die auch nach sieben Bier auf der Tanzfläche reibungslos verläuft: Einmal alle Haare durch’s Zopfgummi, Haare rumgetüdelt, noch mal Zopfgummi, fertig. Simpel und unspannend. Sein festgezurrter Gegenpart spiegelt die Strapazen perfektionistischer Ballett-Mädchen wider. Dank Hilfsmitteln wie Schaumstoff-Haarkissen, kleinzackigen Toupierkämmen und extrastarkem Haarspray soll diese Frisur halten. Nachfrisieren auf der Tanzfläche geht nicht. Der Dutt hatte früher scheinbar ein Identitätsproblem: Entweder Schluder oder Strenge. Viel dazwischen gab es nicht.

Doch seit gut einem halben Jahr wackelt der Dutt in einer etwas lockereren Form ganz oben auf immer mehr weiblichen Köpfen durch die deutschen Städte. Vom Hinterkopf in Richtung Scheitel hat sich der Haarknödel hochgearbeitet und pfeift scheinbar auf die beiden Klischees, die mit ihm assoziiert werden. Irgendwo zwischen militantem Ballettstil und dem Gammel-Look pendelt er sich ein – zum Vorteil für die Trägerin. Da wäre zum Beispiel die Grazie. Der hohe Dutt sitzt meist ziemlich treffsicher genau an dem Punkt, der einer ganzen Schar von Ballett-Mädchen in Leggings und rosa Body eingetrichtert wurde. Genau da, wo der Scheitelpunkt ist, oder, wie manche Tanzlehrerinnen seit dreißig Jahren betonen, genau da, wo eine Marionette eine Öse für die Fäden hat. Der Dutt flüstert leise: Gerade stehen! Blick nach vorn! Kopf nach oben! Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Balanceakt zwischen Kopf und Haarknödel an Gesellschaftsdamen erinnert, die, um sich leichtfüßig durch Cocktailpartys zu manövrieren, ein Buch auf dem Kopf trugen.



Doch der Reiz des lockeren Dutts liegt im Schein. Aller Nonchalance zum Trotz, der klare Feind der Frisur bleibt natürlich die Schwerkraft. Wer jemals versucht hat, ein Ei auf einer Orange zu balancieren, kann sich vorstellen, dass auch ein runder Haarball auf dem Kopf durch Feststeckmaßnahmen gesichert werden muss. Und so bedarf die Trägerin allerlei Utensil: Zopfgummis, Haarklammern und manch eine bedient sich an dem Topf mit den Haarnadeln, um dem lockeren Knödel Standfestigkeit zu verleihen.

Gewollt ist von den Dutt-Mädchen aber auch der Schluderanteil, der im Laufe des Nachmittags auftritt. Der kredenzte Haarknödel sitzt dann schon leicht schief auf dem Haupte und einzelne Haare haben sich gelöst. Die leicht verwehte Frisur hat etwas von ‚gerade erst aufgestanden’, der Dutt ist die haarige Version des Schlafzimmerblicks: Es scheint, als sei sein Knoten mit einer großen Handbewegung einfach zu lösen und beflügelt damit die Fantasie der Beobachter: Im Kopfkino wäre die Fortsetzung des sich lösenden Knotens, dass eine wallende Mähne die Schultern des Herzensmädchens hinabpurzelt und sie daraufhin, mit einem ganz zarten Hauch von 23-Uhr-Vox-Erotik, die langen Haare schüttelt.

Der hohe Dutt birgt ein klitzekleines bisschen Verruchtheit für den Nachmittag. Aber, kurz bevor das Kopfkino allzu real wird, kann die Trägerin dezent ihre Wimpern klimpern und sagen: Ist doch nur ein Dutt. Und ein Dutt ist ja eigentlich nix Neues, oder?




Text: fiona-webersteinhaus - Illustration: Katharina Bitzl

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