Honorarkonsule erzählen (IV) - Mexiko - Land des Durchfalls und der Verkehrsrowdys

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Wenn man in seiner Jacke sein ganzes Bargeld verstaut hat, dann sollte man die Jacke eigentlich nicht wegwerfen. Genau das hat aber einmal ein deutscher Tourist gemacht, der mit dem Rad durch Mexiko gefahren ist. Der gute Mann hatte sich betrunken, war der Polizei aufgefallen – und hat dann im Suff verärgert seine Jacke weggeworfen. Papiere, Geld, alles war weg. Fünf Autostunden von meinem Honorarkonsulat in Mérida entfernt. Irgendwie hat er es dann geschafft, dass ihn jemand mit dem Auto zu mir bringt. Wir haben dann mit seinen Verwandten in Deutschland telefoniert, Geld organisiert und dann habe ich ihn zum Flughafen in der Urlaubermetropole Cancún geschickt. Dann, kurz vor dem Abflug, wollte er noch mal zum Strand. Aus einem ziemlich kuriosen Grund: Er hatte dort nämlich im Sand die Verpackung für sein Fahrrad vergraben, die er für das Flugzeug gebraucht hat. Solche Schmunzelgeschichten erlebe ich eigentlich etwa einmal im Monat. Das sind allerdings oft auch Erlebnisse, die in dem Moment, in dem sie passieren, gar nicht so lustig sind. Wir hatten mal eine ältere deutsche Touristin, die zweimal aus dem Krankenhaus geflohen ist – weil sie Alzheimer hatte und deshalb ziemlich verwirrt war. Wir haben sie dann zusammen mit der Polizei gesucht. Irgendwann haben wir sie gefunden und als wir sie trafen, fragte sie uns: „Wann kommt jetzt der Zug endlich?“

"Alois Rommel: "Nicht denken: Ach ja, ich habe Vorfahrt" Im Nachhinein kann man darüber schmunzeln, aber in dem Moment hatten wir sehr große Angst, dass der guten Frau was passiert. Am stärksten belastet hat mich aber der Hurrikan Wilma, der ganze Häuser zerstört und Straßen überflutet hat. Gerade in meinem Gebiet auf der Halbinsel Yucatán kam es zu massiven Schäden. Meine Aufgabe war es damals, mich um die 5500 deutschen Urlauber zu kümmern, die über Mérida ausgeflogen wurden. Ich war damals als konsularischer Vertreter zusammen mit zwei Mitarbeitern der Botschaft am Flughafen und habe kaum geschlafen. Nicht alles hat damals einwandfrei funktioniert. Denn Touristen kann man nicht wie Einheimische evakuieren. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren deshalb für den nächsten Ernstfall einen neuen Plan ausgearbeitet: Alle Reiseveranstalter schicken uns die deutschen Touristen und wir wenden uns dann an den mexikanischen Zivilschutz. Denn die zwei bis drei Tage, bis ein Platz im Flugzeug für alle organisiert wird, braucht man schließlich einen Ort, wo die Touristen unterkommen und versorgt werden. Zudem müssen die Ausreisestempel schnell verteilt werden. Da hat sich mittlerweile aber viel getan. Oktoberfest zweimal im Jahr Prinzipiell ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Mexikanern sowieso sehr gut. Ich veranstalte hier immer eine Kulturwoche, damit die Mexikaner unsere Kultur kennen lernen können. Mit jährlich etwa 8000 Besuchern. Wir feiern zum Beispiel ein Fest zur deutschen Wiedervereinigung und zweimal ein Oktoberfest. Wir hatten da für einen Tag 3000 Weißwürste und 120 Kilo Sauerkraut auf Vorrat – und alles war nachher weg. Die Mexikaner sind überhaupt sehr deutschfreundlich. Trotzdem gibt es Dinge, die man beherzigen sollte. Wenn man in einem Land ist, wo der Großteil der Bevölkerung arm ist, sollte man nicht mit dem Geldbeutel prahlen. Und einfach generell Respekt haben. In entlegenen ländlichen Gebieten ist es sinnvoll, nicht einfach so die Leute zu fotografieren. Grundsätzlich aufpassen muss man auf den Straßen, denn viele haben hier nie einen Führerschein gemacht. Und den Führerschein zu erwerben, muss man zudem nur mit dem Auto zur Prüfung, einmal im Kreis fahren – und dann ist es gut. Das wirkt sich natürlich aufs Fahrverhalten der Mexikaner aus. Also: Nicht denken „Ach ja, ich habe Vorfahrt“. Mir nützt es nachher bei einem Unfall nichts, dass ich Recht habe. Wenn man sich ein Auto ausleiht, sollte man wissen, dass die nicht so sicher sind und entsprechend vorsichtig fahren. Nachts ist es sowieso gefährlich – denn da sind viele Fußgänger und Radfahrer auf der Straße unterwegs, die man leider oft schlecht sieht. Vorsicht als Praktikant Vorsichtig sollte man übrigens auch als Praktikant sein. Wichtig ist hier nämlich, dass man einen Praktikumsvertrag hat. Eine E-Mail reicht nicht. Es gab schon viele Fälle, da haben die Firmen gesagt: „War nicht so gemeint“. Ein Arbeitsvisum braucht man immer. Ohne bekommt man Ärger von den Behörden und da können wir dann nur vermitteln. Wer einen Schüleraustausch macht, sollte sich ebenfalls klar sein, dass es große Unterschiede gibt. Jeden Montag findet in der Schule einen Flaggenparade statt, zu der die Nationalhymne gespielt wird. Das kennen wir in Deutschland nicht. Es wird auch sehr viel auswendig gelernt. Ich kann einen Austausch trotzdem jedem nur empfehlen, denn nur so kann das gegenseitige Verständnis füreinander wachsen. Wer übrigens Durchfall hat oder sich generell unwohl fühlt, den bitte ich dringend, es dem Reiseführer zu sagen. Erstens: In Mexiko sind das Hauskrankheiten, die Ärzte kennen sich mit so was sehr gut aus. In Deutschland muss man dafür zum Tropeninstitut, das ist viel aufwändiger. Zweitens riskiert man wegen einer an sich harmlosen Erkrankung sein Leben, wenn man zu lange wartet. Ich hatte mal ein Ehepaar, da bekam der Mann Rotaviren, ging aber zu spät zum Arzt. Wenn diese Viren aber zu lange im Körper sind, gibt es irgendwann einen Kollaps und dann wird es tödlich. Wir haben den Mann gerade noch rechtzeitig in die Klinik gebracht. Ein paar Stunden später und er wäre gestorben. Er hatte Gott sei Dank ziemliches Glück. Nach dreieinhalb Tagen hat er das Krankenhaus übrigens schon wieder verlassen – und konnte noch eine Woche Urlaub machen. bernd-klopfer

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