Honorarkonsuln erzählen: Grenada - im Auge des Hurrikans

In Folge X schildert Weinimporteurin Margit Biebel-Potgieter, die seit knapp drei Jahren Honorarkonsulin auf der Gewürzinsel Grenada in der Karibik ist, wie schwer das Leben nach einem Hurrikan ist, aus welchen Gründen sie einmal eine Deutsche im Gefängnis besuchen musste – und warum Misswahlen hier so beliebt sind.
bernd-klopfer

Wieso lässt man einen Touristen ohne Rückflugticket nach Grenada fliegen? Ich habe mich das oft gefragt. Denn hätte eine gewisse Dame ein solches Ticket besessen, dann wäre meine erste Zeit als Honorarkonsulin ruhiger verlaufen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die damals knapp 60-jährige Frau vor mir steht: Ohne Geld, ohne Rückflugticket, stattdessen mit offenen Hotelrechungen. Ziemlich schnell habe ich gemerkt, dass mit der Frau etwas nicht stimmt. Denn sie benimmt sich von Anfang an komisch, ist total durcheinander, wirkt niedergeschlagen. Gott sei Dank kenne ich auf Grenada einen deutschen Psychologen. Der hat mir dann erklärt, was mit der Frau los ist. Nämlich, dass sie eine akute Psychose hat.

Eine Honorarkonsulin bei der Arbeit: Margit Biebel-Potgieter (rechts) besucht einen wieder aufgebauten Kinderhort auf Grenada, der durch den Hurrikan Ivan zerstört worden war. Für mich ist das natürlich ziemlich belastend gewesen. Man tritt seinen Dienst an und schon steht man vor einer Belastungsprobe. Dazu kommt: Der Frau fehlt nicht nur das Geld. Alles ist viel komplizierter. Es gibt nämlich auch keine Familie, an die ich mich wenden kann. Niemand, einfach niemand. Vielleicht hat sie ja Verwandte gehabt, aber wir haben niemanden ermitteln können. Dabei wäre es echt wichtig gewesen, mit irgendjemandem zu sprechen, der die Frau kennt. Denn die wurde richtig hysterisch. Die hat geschrien, ist richtig ausfallend geworden. Was also tun? Ich wende mich an die Botschaft. Will der Dame irgendwie helfen, dass sie nach Hause kommt. Das ist aber gar nicht so einfach. Wie gesagt: Es gibt keine Angehörigen. Für die Dame wird der Aufenthalt in Grenada nun richtig hart: Sie muss, bis alles geklärt ist, ins Gefängnis. Dort hat sie sich ebenfalls fürchterlich benommen. Ich habe sie trotzdem jeden Tag besucht. Habe ihr Obst, Bücher vorbeigebracht. Zehn Tage lang blieb sie im Knast, denn auf Behördenebene mussten wir klären, wer den Heimflug bezahlt. Denn die Deutschen fühlten sich nicht zuständig – schließlich konnte die Dame als Touristin ohne Rückflugticket einreisen. Übernommen hat es dann letztlich die grenadinische Immigrationsbehörde. Es ist aber nicht das einzige Problem gewesen. Denn eine psychisch verwirrte Person lässt man ja nicht allein heimfliegen. Glücklicherweise hat sich dann das Auswärtige Amt darum gekümmert. Ich frage mich noch heute, wie es diese Frau überhaupt geschafft hat, einzureisen. Zum Glück ist es der einzige Fall gewesen, bei dem ich mit der Polizei zu tun hatte. Das heißt jedoch nicht, dass es mir langweilig wird. Im Gegenteil: Vor drei Jahren hatten wir hier eine richtige Katastrophe. Einen Hurrikan, was in der Karibik nun mal vorkommt. Doch der Ivan, der im September 2004 über uns hereinbrach, war verheerend. Ich sehe es noch heute vor mir: Wind mit einer Sturmstärke von bis zu 300 Stundenkilometer, der Regen wie eine graue Wand. Und dann diese gespenstische Ruhe, als das Auge direkt über uns war, bevor der Sturm aus der anderen Richtung wieder auf uns einbrach. Unser Dach fliegt weg, dann Fenster und Türen, Bäume, Wassertanks, die Matratzen der Nachbarn, alles Mögliche fliegt durch die Luft. Ein apokalyptisches Szenario. Betroffen war eigentlich fast jeder. Danach gab es vor allem eines: Engpässe, bei Baumaterial, Nahrungsmitteln, bei fast allem. Die Straßen waren kaum passierbar, wir haben vieles zu Fuß erledigt. Meine Familie hat danach sechs Monate lang ohne Strom und Telefon gelebt. Etwas anderes hat uns damals noch viel härter getroffen: Wir sind Weingroßhändler und beliefern die Hotels mit südafrikanischen Weinen. Aber beliefern sie mal Hotels, wenn es keine mehr gibt. Für Grenada ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle. Wenn man sich das vorstellt, bekommt man eine Ahnung davon, was für ein Unglück der Hurrikan war. Wer heute als Tourist zu uns kommt, merkt davon aber nichts mehr. Die Infrastruktur ist wiederhergestellt. Mir ist es wichtig, das zu betonen, dass man hier wieder einen wunderschönen Urlaub verbringen kann. Die alten Häuser aus der englischen Kolonialzeit hat der Hurrikan zudem nicht zerstört. Überhaupt sind die Grenadiner nicht so leicht unterzukriegen. Die Menschen hier sind fröhlich und feiern so gern Karneval wie die Leute im Rheinland. Allerdings im August, das ist noch eine Weile hin. Wir fiebern derzeit dem 1. Dezember entgegen. Dann nämlich ist die „Miss World“-Wahl. Wir in Grenada lieben Misswahlen. Wenn es irgendwo eine lokale Veranstaltung gibt, sind die immer gut besucht. Für uns nimmt nun 2007 eine junge Deutsch-Grenadinerin namens Vivian Burkhardt teil. Vielleicht haben wir ja heuer eine Chance. In den 70er Jahren hat eine unserer Frauen sogar gewonnen. Diese Leidenschaft für Misswahlen ist für einen Deutschen wahrscheinlich komisch. Ich habe mich daran gewöhnt.

Text: bernd-klopfer - Foto: privat

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