Honorarkonsuln erzählen (VIII): Chile - das Land der Kaninchen, in dem Menschen verschwinden

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Die Natur darf man in Chile nie unterschätzen. Denn dann wird es hier richtig gefährlich. Vor allem, wenn man allein einen Vulkan besteigt. Ich erlebe es immer wieder. Ein Vater, ganz aufgelöst, kommt zu mir. Sein Sohn ist verschollen, allein zu einem Vulkan gegangen. Der Mann ist sehr verängstigt. Ich schalte also eine Suchmannschaft ein, doch dann bekomme ich einen Anruf von den Einsatzkräften, dass es derzeit zu gefährlich ist. Der Vater wird wütend, macht mir Vorwürfe. „Ihr Sohn hat sich doch selbst in Gefahr begeben“, entgegne ich. Und verweise darauf, dass er doch nicht verlangen könne, dass die chilenischen Rettungstrupps selbst ihr Leben am Vulkan riskieren.

Herbert Siller Foto: privat Es sind Fälle wie dieser, wegen denen ich immer wieder betonen muss, was hier passieren kann, wenn man die Natur falsch einschätzt. Chile an sich ist ja ein Traumland. Hier gibt es keine Schlangen, kein Ungeziefer, keine Seuchen. Es gibt keine Tiere, vor denen man sich fürchten muss. Wir haben Pumas, aber die tun Menschen nichts. Überhaupt ist hier die Tierwelt nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in Afrika. Wir haben eigentlich hauptsächlich Hirsche, Rehe, Hasen, Kaninchen. Vor hoher Kriminalität braucht man sich ebenfalls nicht fürchten. Chile ist eigentlich von allen südamerikanischen Staaten jenes Land, das Europa am ähnlichsten ist. Trotzdem: Die Natur ist gefährlich. Allein in den letzten Jahren sind zehn Bundesbürger spurlos verschwunden. Da verirrt sich einer im Wald – und plötzlich ist er verschollen. Jemand geht kurz mal an einem Vulkan spazieren und verschwindet für immer. Einmal gab es eine junge Frau, die ging an der Straße entlang. Dann hat sie die Straße verlassen – und ist nie wieder gefunden worden. Natürlich dreht sich bei mir nicht alles um Leute, die verschwinden. Mein Hauptgeschäft als Honorarkonsul ist ja eigentlich die Wirtschaftsförderung. Ich arbeite als Industrieberater und bin jetzt 71 Jahre alt. In Deutschland wäre das in meinem Alter nicht drin. Dort würde ich wahrscheinlich als Rentner auf einer Parkbank hocken und die Probleme der Welt diskutieren. Eigentlich muss man ja als Honorarkonsul mit 65 Jahren aufhören – denn da geht ein Beamter in Deutschland in Pension. Hier in Chile unvorstellbar: Ich kenne einen Professor, der arbeitet noch mit 78 an der Universität und das ist völlig normal. Die Botschaft ist mir hier glücklicherweise entgegengekommen. Ich kann mein Amt noch eineinhalb Jahre ausüben. Das finde ich wichtig, denn die Erfahrung, wie sie ältere Menschen haben, hat ein junger Mensch nicht. In der Botschaft arbeiten natürlich hervorragend ausgebildete Beamte, aber die wechseln in der Regel nach drei, vier Jahren. Wir Honorarkonsule dagegen sind hier verwurzelt. Da erlebt man natürlich einiges. Mich hat einmal ein Drohbrief erreicht. Absender: Der Sohn eines Professors aus Deutschland. Der wollte doch glatt ein paar Millionen erpressen. Und der wirkte von dem, was er so geschrieben hatte, unheimlich agil. Bei uns war natürlich die Aufregung groß. Dann stellte sich jedoch zu unserer Beruhigung heraus, dass der Mann gar kein Krimineller war. Sondern schizophren, also psychisch krank. Trotzdem hat es hier viel Staub aufgewirbelt. Oder die Colonia Dignidad von Paul Schäfer. Diese Siedlung, in der Deutsche streng abgeschirmt von der Außenwelt gelebt haben. Schäfer sitzt ja mittlerweile im Gefängnis. Der Mann hat jahrelang Kinder sexuell missbraucht. Das ist ein Riesenskandal gewesen. Ich habe damals zu dem Thema im chilenischen Fernsehen als Honorarkonsul auch Interviews gegeben. Mittlerweile versuchen die Menschen in der Colonia Dignidad, sich gegenüber der Außenwelt zu öffnen. Ich möchte mich an dieser Stelle aber nicht mehr ausführlich darüber äußern. Das ist ein genagter Knochen, um das mal so auszudrücken. Es ist in der Presse alles dazu gesagt worden. Wir haben hier zudem einen Missstand, der ganz aktuell ist. Es gibt ja psychologische Programme der deutschen Behörden, bei denen Kinder, die mehrfach kriminell wurden, ins Ausland geschickt werden. Die Behörden beauftragen bei uns in Chile Organisationen, die sich um die Betreuung der Kinder und Jugendlichen kümmern. Die sollen, so die Idee, dann nach ihrem Aufenthalt nicht mehr straffällig werden. Der deutsche Staat gibt dafür viel Geld aus. Man kann leider bei manchen Einrichtungen den Eltern in Deutschland nicht empfehlen, dass sie hier ihre Kinder herschicken. Ich habe unsere Botschaft darüber schon informiert. Unser Verhältnis ist sehr gut und ich hoffe daher, dass sich etwas bewegt. Ich habe hier in meiner Amtszeit aber auch sehr schöne Dinge erlebt. Ich habe eine Jüdin kennengelernt, die mittlerweile 95 Jahre alt ist. Eine unheimlich kluge Frau, die noch sehr vital ist. Während der NS-Zeit ist sie aus Deutschland geflohen, gerade noch rechtzeitig. Ihre Verwandten sind leider alle im KZ ermordet worden. Nun habe ich sie einmal am 3. Oktober, da mache ich nämlich immer eine Veranstaltung, eingeladen. Und sie sagt etwas, das werde ich nicht vergessen: „Das ist das erste Mal, das mich eine deutsche Institution eingeladen hat.“ Das hat mich sehr berührt. Mittlerweile telefonieren wir zwei Mal in der Woche. Ich kann übrigens jedem deutschen Studenten nur empfehlen, hier einige Semester zu studieren. Die meisten wollen nach dieser Erfahrung am liebsten hierbleiben.

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