Husten für Fortgeschrittene

In der Erkältungssaison gilt: Lass hören, wie du niest, und ich sag dir, wer du bist. Eine Typologie der Verursacher von Erkältungsgeräuschen.
therese-meitinger

Das Kätzchen-Pfü


Das Perfide am Kätzchen-Pfü ist, dass man es kaum hört. Man sieht eher die Vorzeichen, also wie jemand die Nase zusammenkneift oder die Augen halb zumacht, ganz so, als wolle er gleich loströten, aber dann geht es eben nicht los. Statt explosionsartiger Geräusche dringt lediglich ein gedämpftes Zischen aus dem Atemapparat – und auch das ist nur dann vernehmbar, wenn der Verursacher des Kätzchen-Pfü sich nicht vorsorglich noch ein Taschentuch vor die Nase gedrückt hat. Wer so niest, ist wohlerzogen. Das Kätzchen-Pfü kann von dem Kollegen stammen, der jedes Mal fragt, ob man wirklich nicht friert, wenn er das Fenster jetzt aufmacht. Man kann es auch bei der Praktikantin beobachten, die leise spricht und gern Feldsalat mit Nüssen isst oder Minestrone. Die Erkältung hat sie sich eingefangen, als sie einer darbenden Kollegin Minztee mit Ingwerkeksen gebracht und die Tante sie zum Dank ungeniert-extrovertiert angehustet hat. Ehrlich gesagt hat das das Mädchen ziemlich genervt. Gesagt hat sie aber nichts, sie meldet sich halt nie, wenn sie etwas stört. Irgendwann in ferner Zukunft aber wird das Mädchen die Übeltäterin niederbrüllen, weil sie die Tür zu laut geschlossen hat oder die Druckerpatrone leer ist. Vielleicht wird sie ihr bei der Gelegenheit noch eine Teekanne hinterherwerfen und irre lachen. Besser wäre, sie gewöhnt sich das mit dem Kätzchen-Pfü ab. Erkältungsviren nach innen zu niesen, ist schließlich alles andere als gesund.



Das Platzhirsch-Tröten


Das Platzhirsch-Tröten ist das exakte Gegenteil des Kätzchen-Pfü. Der Tröter markiert. Er hustet alles mit seinen Viren voll und lässt die Luft mit seinem Schnäuzen erbeben. Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Mein Auto! Mein Haus! Mein Erkältung! Der Tröter ist in den allermeisten Fällen ein Mann, es sollen aber auch schon vereinzelte Tröterinnen gesichtet worden sein. Angeblich. Wirklich glücklich kann der Tröter nur als Vorgesetzter sein. Nur dann ist sichergestellt, dass er beim Hochrotzen nicht gestört oder Füße-auf-den-Schreibtisch-knallen schief angesehen wird. Sowieso erwartet der Tröter von seinen Untergebenen, dass sie alle seine Lebensäußerungen rückhaltlos unterstützen. Wenn er könnte, würde er sie vertraglich zu Leberkäs- und Zigaretten-Bringdiensten verpflichten, und zwar in der Mittagspause. Dass das faule Pack sich täglich eine Stunde lang seinem Zugriff entzieht, ist ihm eh ein Dorn im Auge. Aus diesem Grund ist er auch gar nicht so unglücklich über die Erkältung, eignet sich die damit verbundene Geräuschkulisse doch hervorragend, um Prioritäten klarzustellen. Fehlen dem Tröter jedoch die beschriebenen Machtressourcen, stößt er bei seiner Umgebung schnell auf Unverständnis. Und spätestens zu Hause sind sowieso alle Tröter gleich: Sie schlafen auf dem Sofa. Dass sie auch im Schlaf nicht aufhören können, ihre Umgebung zu markieren, dafür hat ihre Freundin kein Verständnis.    



Die verhängnisvolle Stille


Die verhängnisvolle Stille kann jeden überfallen. Es braucht nur eine mündliche Prüfung, ein Vorsingen, eine Trauung oder irgendeinen anderen Anlass, der so wichtig ist, dass man ihn nicht durch unpassende Geräusche stören möchte. Nur wegen einer läppischen Erkältung abzusagen kommt natürlich nicht infrage. Also müssen Blocker her. Das Unheil nimmt seinen Lauf, sobald man die Arztpraxis betreten und angefangen hat, Arzt oder Ärztin in ihrer hippokratischen Meinungsfindung zu beeinflussen. Meistens würden Allgemeinmediziner den triefnasigen Patienten nämlich lieber ins Bett stecken, wo er sich die nächsten Tage bei Hühnersuppe mit Nudeln erholen soll. Eigentlich wollen sie nur Aspirin, Echinacea oder Globuli verschreiben. Mit einigem Schauspieltalent  („Meine Eltern sollen einmal stolz auf mich sein können“) gelingt es schließlich doch, ihnen die Tragweite ihres Handelns zu verdeutlichen und das Blocker-Rezept zu ergattern. Erleichtert spült man die Pillen runter, und tatsächlich: Die Stille tritt ein. Zwar fühlt man sich wie unter Wasser und muss sich die Prüfungsfragen dreimal stellen lassen. Vielleicht verpasst man auch um ein Haar den Moment, zu dem man die Ringe anreichen soll, aber das ist dann eben der Preis, den man zahlen muss. Nur dass das eben nicht stimmt. Den Preis für die Stille zahlt man, sobald die Wirkung der Blocker nachlässt. Dann schlägt das Erkältungselend nämlich mit geballter Wucht zu, man liegt fiebernd darnieder und fühlt sich als infektiöser Schleimbeutel vor dem Herrn. Der Arzt hatte eben doch recht: „Die Erkältung dauert so lange, wie sie dauert“, hat er gesagt.  


Die Hustkulisse


Die Hustkulisse ist vor allem bei öffentlichen Veranstaltungen zu beobachten. Besonders zuverlässig tritt sie als bronchiales Dauerrascheln in überfüllten Vorlesungen auf oder in Theateraufführungen, in denen viel geflüstert und bedeutsam geschwiegen wird. Aber auch in tränenreiche Filmszenen platzen diese nur vordergründig unterdrückten Keucher gern hinein. Ihre Verursacher haben eben ein untrügliches Gespür für Momente erhöhter Aufmerksamkeit, und oft sind sie überzeugt, dass die ihnen am meisten zusteht. Aus unerfindlichen Gründen wird sie ihnen im Alltag meist verwehrt: Ihre Naturlyrik findet nicht den erhofften Zuspruch und den Listenplatz für den Stadtrat hat sich ein anderer geschnappt. Heldenhaft haben sie das hingenommen. Aber jetzt, mit dem ersten Virenkontakt, können sie nicht länger schweigen. Ihr Erkältungsschicksal ist eines der schwersten! Sollen ruhig alle sehen, wie man leidet, vielleicht erkennen sie so ja die Schändlichkeit ihres Tuns ... Fairnesshalber muss erwähnt werden, dass die Hustkulisse auch von einem Grippekranken stammen kann, der seine schmerzenden Glieder ins Seminar oder die Oper geschleppt hat, weil er extrem pflichtbewusst oder sehr verliebt ist. Der nervt dann zwar auch nicht weniger, leidet aber doppelt und dreifach: am Husten, an den bösen Blicken der anderen, vielleicht auch an gebrochenem Herzen. Fiebernd sehnt er sich nach Ruhe – doch das kann, wie wir wissen, erst recht sein Verhängnis sein.

Text: therese-meitinger - Illustrationen: Katharina Bitzl

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