Hype zwischen postsozialistischer Platte und Indie-Tüddelei

Zu Besuch beim Iceland Airwaves Festival in Reykjavik im achten Jahr seines Bestehens.
markus-goeres

Es begann vor acht Jahren als kleiner Showcase für Gus Gus, Quarashi und ein paar andere isländische Indie-Bands. Mittlerweile ist das Iceland Airwaves Festival in Reykjavik für Liebhaber alternativer Musiken eines der wichtigsten weltweit. Nicht, weil es so groß geworden wäre – mit etwa 5.000 Besuchern, von denen wahrscheinlich ein Drittel ausländische Journalisten und Musikindustrielle waren, ist es immer noch das Gegenteil eines Riesen-Events. Sondern, weil es auf eine wahrhaft berückende Weise den Do-It-Yourself-Gedanken mit Anspruch, Tüddeligkeit und einem ambitionierten Booking verbindet.

Was für den ausländischen Besucher vielleicht der Indie-Himmel auf Erden ist, bleibt für isländische Bands jedoch meist nur ein Hype, der an ihrer Realität vorbei geht. Mit jedem Jahr ist das Iceland Airwaves um das Doppelte gewachsen, da es für so ziemlich jede isländische Band die Gelegenheit bietet, aufzutreten und sich einem Fachpublikum vorzustellen. Der Traum von der Karriere bleibt für die Bands aber in der Regel unerfüllt.

Aber der Reihe nach: Ein Shuttlebus bringt uns vom Flugfhafen in die nördlichste Hauptstadt Europas. Von Feen und Elfen allerdings keine Spur. Reykjavik empfängt uns mit dem Charme einer postsozialistischen osteuropäischen Hafenstadt. Kaum alte Bausubstanz, viel Beton, in Platten gegossen und mit Dehnungsfugen versehen – eine Notwendigkeit in einer Stadt, die permanent von Erdstößen mittlerer Stärke erschüttert wird. Wir wohnen bei Alex McNeil, einem Exil-Kanadier, den die Liebe vor Jahren nach Island zog. Aus der Reykjaviker Musikszene ist er und seine Band Kimono inzwischen nicht mehr wegzudenken. Er ist der beste Führer, den man sich wünschen kann, um sich in der Gemengelage dieses Festivals, das sich zwischen sieben Clubs, doppelt so vielen Off-Venues, Plattenläden und Cafés abspielt, zurecht zu finden.

Wir studieren den Festival Reader, stolpern neben schwer Aussprechbarem über die üblichen Verdächtigen, die in keinem Festival-Line-Up diesen Jahres fehlen dürfen: We Are Scientists, Kaiser Chiefs,The Go!-Team. Die Band The Whitest Boy Alive muss hier besonders erwähnt werden, denn mit ihrem Indie-Techno schaffte sie es wie keine andere Band auf dem Festival die Zuschauer im ausverkauftem Club zum Ausrasten zu bringen. Von den Heerscharen isländischer Bands (ausländische A&R-Typen und Musikjournalisten erkennt man übrigens daran, dass sie permanent die Nase in den Festival-Reader stecken, um sich meist erfolglos die Namen der Vernastaltungsorte und Bands zu merken), gilt es insbesondere zwei hervorzuheben, die ausnahmsweise englische Namen tragen. Zum einen Lay Low, eine Singer/Songwriterin, deren Debüt just zum Festival erschienen ist. Zum anderen Benny Crespo’s Gang, eine Band, die genauso gut das neue große Ding auf dem Conor Oberst-Label "Saddle Creek" sein könnte und ind der ebenfalls Lay Low mitspielt. Der Trend auf Island geht zur Zweitband. Und der Traum von der Karriere?

Die Veranstalter behaupten zwar immer wieder, dass das Festival tatsächlich isländischen Bands zu Popularität und internationalem Durchbruch verhelfe und verweisen dabei gerne auf den hohen Anteil der Besucher aus der Musikindustrie. Doch Alex McNeil bezweifelt das. Er hat noch von keiner einzigen Band gehört, bei der es so war. Es ist sogar noch schlimmer: "Die Veranstalter sollten wenigstens mal damit anfangen, die lokalen Bands zu bezahlen", sagt Alex. Die einzige Band, die am Ende tatsächlich einen Vertrag mit nach Hause nehmen könnte, heißt Datarock - und die kommt aus Norwegen. Für den musikliebenden Gast ist es dennoch ein Erlebnis: Wo bekommt man schon eine viertägige Party inklusive Wellness geliefert. Die gesamte deutsche Indieprominienz ist jedenfalls begeistert. „Lass dich zur blauen Lagune fahren“, empfiehlt Jan Schwarzkamp vom Magazin "Visions" und "Spex"-Chefredakteur Uwe Viehman stimmt zu: „Du bist ein neuer Mensch, wenn du da raus kommst...“ Man kommt eben in die Jahr - auch im Indiebetrieb. Mich eingeschlossen. Markus Göres ist Journalist und Mitbetreiber des Labels Rewika Records Fotos: Maria Riesenhuber, Markus Göres

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