Ich hätte es so gern gemocht.

Die erste Woche "Gottschalk Live" ist vorbei. Unsere Autorin zieht etwas wehmütig Bilanz.
kathrin-hollmer

Ich sage es gleich vorweg. Ich mag Thomas Gottschalk. Von „Piratensender Powerplay“, den „Supernasen“ und „Zärtlichen Chaoten“ habe ich früher jede Wiederholung angeschaut. Für „Wetten, dass ...?“ habe ich manche Samstagabende extra zu Hause verbracht und habe wehmütig bei der letzten Sendung sogar das Vorprogramm gegkuckt. Die Idee, Gottschalk fast täglich im Fernsehen zu sehen, hat mir gleich gefallen. Vier Mal in der Woche darüber zu plaudern, was tagsüber wichtig war, halte ich auch so für eine gute Idee. Zwei Gründe also, aus denen ich überzeugt war, dass seine „bunte halbe Stunde“ funktionieren wird. Zwei Gründe, die mich am 23. Januar aus der Redaktion zur S-Bahn-Station sprinten und noch in Jacke und Stiefeln den Fernseher anschalten ließen.

Thomas Gottschalk an seinem neuen Arbeitsplatz in der ARD. 

Jetzt ist die erste Woche „Gottschalk Live“ vorbei. Bei der Premiere am Montag habe ich noch großzügig beide Augen zugedrückt. Wegen der vielen und schlecht getimten Werbung, für die es im Nachhinein schon genug Kritik gab, dafür, dass Gottschalk am meisten über sich (seinen angeblichen Cousin aus Polen, seine Connections zur frisch getrennten Heidi Klum und den Paparazzi-Fotos mit seiner Sekretärin) geplaudert hat, für den Studiogast Bully, der irgendwie nicht ausreden durfte, für die Ratlosigkeit, die man ihm und dem noch undefinierten Konzept angemerkt hat. Das kann es noch nicht gewesen sein, davon war ich überzeugt.  

An den kommenden Tagen wurde dann gnadenlos mit Schlüsselreizen gespielt. Hunde, Katzen, Eisärbabys, Kinder. Zwischen viel zu vielen Studiogästen. Wim Wenders, der zugeschaltet über seine Oscar-Nominierung sprach, war noch nachvollziehbar, doch dann muss in derselben Show noch Franz Beckenbauer ins Studio kommen und auch noch jeden Tag das Eisbären-Baby aus dem Wuppertaler Zoo eingeblendet werden (total knuffig, schon klar). Die knuddeligen Kinder aus dem Film „Fünf Freunde“ müssen mit ihrem Hund auftauchen, bevor auch noch eine Katze zugeschaltet wird, die ein Feuer in einem Haus gemeldet hat. Simultan übersetzte Belanglosigkeiten mit den Opernsängern Anna Netrebko und Erwin Schrott waren ebenso überflüssig wie das Fremdschämen mit Kati Witt, die die Bedeutung von „big“ und „tall“ nicht ganz auf die Reihe kriegt, und Karsten Speck, der nach seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis immer noch nicht sympathischer ist. Erst am Donnerstag redet Gottschalk ein bisschen über aktuelles Tagesgeschehen, über die „Timeline“ auf Facebook, das EU-Embargo gegen den Iran und den Putsch in Papua-Neuguinea (damit der Politikredakteur mal was zu tun hat). Leider endet der Monolog in Witzchen über Eva Padberg und Gisele Bündchen sowie Pierre Sarkozys Lebensmittelvergiftung.    

Was hätte ich mir erhofft? Ehrlich, ich weiß es nicht. In der ersten Show versprach Gottschalk, nicht über den Euro-Rettungsschirm und Wulff zu sprechen. Aber worüber überhaupt? Ich frage mich, wofür die Redaktion da ist. Warum man auf Social Media macht, wenn man dann Facebook-Kommentare löscht (und dann abstreitet). Ich frage mich, ob es neben Kinostarts und Fernsehpremieren nicht doch andere Themen und Gesprächspartner gibt. „Tagesgeschehen“ kann doch nicht bedeuten, in jeder Sendung Heidis und Seals Trennung anzusprechen und manchmal eine Zeitung in der Hand zu halten.  

Nach einer Woche muss ich sagen, dass ich die Show so gern gemocht hätte. Harald Schmidts (noch dazu gelungene) Parodie tut mir richtig weh und doch kann ich mich mit der Vorabend-Version von Thomas Gottschalk einfach nicht anfreunden. In einem Gastbeitrag in der „Bild“ schreibt er, dass er auf seinem neuen Sendeplatz erst „zu einer neuen Form finden“ muss: „Das wird nicht von heute auf morgen klappen, aber ich weiß, dass ich das hinkriegen kann.“ Ich glaube einfach mal, dass er das schafft. Bis dahin bleiben mir immer noch die „Supernasen“.

Text: kathrin-hollmer - Foto: dpa

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