"Ich mache Rap wieder geil!"

Gangsta-Rap ist am Ende. Doch für HipHop bietet dieser Umstand die Chance auf einen Neuanfang. Der Berliner Rapper Marteria hat die Zeichen der Zeit erkannt und legt los. Aber so richtig.
daniel-schieferdecker

Die HipHop-Szene hat sich wieder einmal selbst ins Aus geschossen. Genau wie vor zehn Jahren, als auf den sagenhaften Aufstieg von Rap in Deutschland der ebenso tiefe Fall folgte. Uninspirierte Trittbrettfahrerei und vorhersehbare Veröffentlichungen haben den selbst erbauten Elfenbeinturm damals zum Einsturz gebracht. Umziehen war also angesagt, und so hatte HipHop in den Plattenbauten der Nation für ein paar Jahre ein neues Domizil gefunden. Man agierte plötzlich vom Ghetto aus, hatte den Block kurzerhand zum neuen Königreich erklärt und beschritt mit stolz geschwellter Brust den steinigen Weg „vom Bordstein bis zur Skyline“. Doch heute liegt HipHop erneut reanimationsbedürftig da. Auf der Straße, die bis vor kurzem noch sein Zuhause war. Inhaltsleer, blutend und irgendwie hilflos. Offensichtlich unfähig, sich aus eigener Kraft wieder aufzurichten und sich aus den Fesseln der Festgefahrenheit zu befreien. Wo sind sie denn nun alle hin, die großmäuligen Szene-Vertreter, die sich bis vor kurzem noch als Alleinherrscher über das gesamte Genre gesehen haben? Die sich lauthals auf die fitnessstudiogestählte Brust geklopft und sich als größer, besser und stärker als alle anderen dargestellt haben? Wo sind sie? Jetzt, wo es drauf ankommt? Sie sind untergetaucht. Die Veröffentlichungsflut mittelmäßiger Tonträger hat sie zurückgespült in die Löcher, aus denen sie einst gekrochen kamen. Einer jedoch will nicht klein beigeben: Marteria. Er denkt gar nicht daran. Stattdessen wird aus der Not eine Tugend gemacht und das Scheitern der Anderen als Chance begriffen. Kein Wunder also, dass Marteria zur Veröffentlichung seines neuen Albums „Zum Glück in die Zukunft“ eine einfache wie einleuchtende Losung ausgerufen hat: „Scheiß drauf, wir machen Rap wieder geil!“ Und wenn man die Zeichen der Zeit richtig deutet, kommt da auf einem dicken Bassteppich etwas ganz Großes auf uns zugerollt. Etwas, das in der Lage ist, „den Karren für HipHop wieder aus dem Dreck zu ziehen“, um mal seinen Freund und Mentor Jan Delay zu zitieren, für den „Zum Glück in die Zukunft“ das „beste deutschsprachige HipHop-Album der letzten Jahre ist“. Aber fangen wir von vorne an. „Endboss“

Geboren wurde Marteria alias Marten Laciny vor 27 Jahren in Rostock. Aufgewachsen ist er in der Plattenbausiedlung Lichtenhagen. Seine Talente waren immer schon vielfältig, so war er Kapitän der Jugendmannschaft von Hansa Rostock und spielte in der U17-Nationalmannschaft unter Horst Hrubesch. Er arbeitete als Model für Boss und Valentino und schloss erfolgreich sein Schauspiel-Studium in Berlin an der Reduta-Schauspielschule ab. Doch bei all den verschiedenen Fähigkeiten und Interessen kristallisierte sich irgendwann eine wichtige Konstante heraus: Die Musik. Vor vier Jahren wagte Marten mit seiner Musik dann zum ersten Mal den Schritt in die Öffentlichkeit, und zwar unter seinem Alter-Ego Marsimoto – einer verstrahlt wirkenden Kunstfigur mit Helium-Stimme, angelehnt an das Werk seines geistigen Ziehvaters Madlib aka Quasimoto aus Kalifornien. Und dann ging plötzlich alles sehr schnell. Die Musikmedien waren sich einig, Künstlerkollegen ergingen sich in wahren Lobeshymnen und die HipHop-Szene bekam Schnappatmung: Eins, zwei, drei, Hype – so einfach kann es manchmal sein. Doch nach der ersten großen Welle öffentlicher Aufmerksamkeit mit zigfachen Label-Offerten und einem gefeierten Auftritt beim Bundesvision Song Contest im letzten Jahr, wurde es erst einmal wieder still um Marteria. Der Grund? Nicht mehr und nicht weniger als die schweißtreibende Arbeit an dem Rap-Album 2010. Dem Album, das Rap-Deutschland endlich aus der anhaltenden Knechtschaft kopulierender Kleinkrimineller befreien soll. Dem Album, das wieder eine Schneise schlagen soll für visionäre Freigeister voller Kreativität und Genialität. Dem Album, das HipHop wieder aufatmen lassen soll und imstande ist, die lästige Fremdscham-Automatik in Bezug auf hiesige Rap-Releases endlich einzustellen. Kurzum: Die Platte, die „Zum Glück in die Zukunft“ führt. „Ich will mit diesem Release ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für HipHop“, erklärt Marteria dann auch ohne Umschweife. „Natürlich ist das ein Vorsatz, den viele andere Leute auch haben, aber die meisten haben vergessen, worum es eigentlich geht.“ Und dabei scheint es doch eigentlich so einfach zu sein. Ein paar gute Ideen, ein paar fähige Leute und den unbedingten Willen, etwas wirklich Großes erschaffen zu wollen. Der Druck ist groß. „Ich verspüre tatsächlich einen gewissen Druck, dass es klappt“, gibt Marteria offen zu. „Man verschwendet ja nicht zweieinhalb Jahre seines Lebens, damit die Platte baden geht. Ich möchte natürlich, dass die Leute das verstehen und abfeiern. Ich will, dass diese Platte richtig reinhaut.“ „Verstrahlt"

Und die Aussichten dafür stehen nicht schlecht, ist es Marteria und seinem Produzententeam The Krauts doch schließlich gelungen, Altbewährtes mit Zukunftsweisendem zu kreuzen und damit einen stilistischen Neuanfang zu starten. Die Krauts waren immerhin schon für das Sounddesign von Peter Fox’ „Stadtaffe“ zuständig, und wo dessen Weg hingeführt hat, dürfte allgemein bekannt sein. Doch anstatt auf ein komplettes Orchester zurückzugreifen, werden auf „Zum Glück in die Zukunft“ nun analoge Sounds mit digitalen Elementen verknüpft, und auch die Einflüsse von DubStep, Grime und Elektro sind weiterhin unüberhörbar. „Digitalog“ nennen sie das, wenn die Kälte der Synthesizer auf die Wärme eines Samples trifft und Beats und Bass mit Inhalt und Gefühl verwoben werden. „Anstatt mit Skill-Flex-Attacken komme ich mit geilen Geschichten und tighten Rhymes um die Ecke, in die sich die Leute reinversetzen können. Es gibt auf der Platte keine gequirlte Scheiße über Nutten, die man in irgendeinem Club abgeschleppt hat. Ich habe ein Album eines 27-jährigen Berliners gemacht, und meine Generation möchte solche Geschichten einfach nicht mehr hören. Auf der Platte geht es daher vor allem um persönliche Dinge, die aber auch für Andere nachvollziehbar sind. Um Songs, die einen berühren und einem ein bestimmtes Gefühl vermitteln.“ Und dieses Gefühl ist groß. Ein Gefühl, das die negativen Konnotationen des Begriffes ‚HipHop’ auszuradieren imstande und in der Lage ist, HipHop wieder cool zu machen. Ein Gefühl, das einem kreativen Freigeist entspringt und auf einer ansprechend instrumentierten Grundlage genügend Platz zu seiner Entfaltung findet. Ein Gefühl, das ein deutschsprachiges HipHop-Album in dieser Form schon lange nicht mehr vermittelt hat. Doch Marteria hat es geschafft, und so zieht es ihn und uns mit seiner neuen Platte „Zum Glück in die Zukunft“. Denn er ist da, wo morgen ist.

"Zum Glück in die Zukunft" von Marteria erscheint am 20. August auf Four Music/SonyBMG.

  • teilen
  • schließen