Ich Strebersau

Die einen sind die "Streber", die anderen sind die "Coolen": Diese Einteilung müsste nach der Schulzeit vorbei sein, dachte unsere Autorin. Bis sie einen VHS-Kurs besuchte und feststellen musste, dass es immer noch sozial unverträglich ist, wenn man Vokabeln lernt.
valerie-dewitt

Ich freue mich, wenn mir auf dem Weg durch die Stadt zu einem Gegenstand (Baum, Auto, Orange) oder einer Tätigkeit (gehen, kaufen, essen) spontan die entsprechende Spanische Vokabel einfällt. „Oh“, denke ich dann, „kannst ja doch schon ein bisschen was!“ Ich lerne Spanisch an der Volkshochschule. Ich habe mir das für die Zeit nach meinem Studium vorgenommen, weil ich Spanisch schön finde, man es in vielen Ländern gebrauchen kann und ich außerdem Lust hatte, noch eine Fremdsprache zu lernen. Und auch, wenn die Volkshochschule für mich bisher immer eine etwas spießige Aura hatte, gefiel mir der Gedanke, eine Sprache zu lernen, ohne Prüfungen darüber schreiben zu müssen (Englisch, Französisch, Latein in der Schule) oder akut darauf angewiesen zu sein (Arabisch während des Auslandaufenthalts). Ich hätte aber nicht gedacht, dass die Volkshochschule dem Teil „Schule“ in ihrem Namen so viel Ehre macht. Zumindest was die Mechanismen unter den Schülern angeht.  

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Illustration: Julia Schubert

Einmal Streber - immer Streber?

Dazu ein Beispiel: Erste Spanischstunde nach den Weihnachtsferien. „Am Wochenende habe ich das Buch mal in die Hand genommen“, sagt eine Kurskollegin, während wir vor der Tür auf unsere Lehrerin warten, „hab es dann aber ganz schnell wieder weggelegt.“ „Ja, ich hab auch nix gelernt“, sagt eine andere Kurskollegin. Beide machen ein Gesicht, das wohl ein schlechtes Gewissen ausdrücken soll. Ich habe in den Ferien das Buch in die Hand genommen und nicht sofort wieder weggelegt. Ich habe sogar Vokabeln gelernt, weil es mir ja nichts bringt, wenn ich weiß, wie man ein Verb auf -ar konjugiert, wenn ich gar keine Verben kenne. Aber ich sage nichts. Natürlich nicht.  

Denn das passiert vor jeder Stunde, immer sagt irgendwer, dass er immer noch keine Vokabeln gelernt oder die Hausaufgaben nicht gemacht hat. Oder beides. Und meistens sagt es auch nicht einer, sondern mehrere. Noch nie habe ich jemanden ohne Aufforderung „Ich hab die Hausaufgaben gemacht“, sagen hören. Für das Nichtstun scheint es einen sehr starken Mitteilungsdrang zu geben, es ist sozial akzeptiert, nichts gemacht zu haben. Immer noch, wie damals, in der Schule, als die Leute, die schnell noch Hausaufgaben abschreiben mussten oder im Vokabeltest eine Fünf schrieben, die lautesten waren. Ich dachte allerdings, mit dieser Rollenverteilung sei es nach dem Schulabschluss vorbei, vor allem dann, wenn sich erwachsene Menschen freiwillig treffen, um etwas zu lernen. Aber es scheint dabei zu bleiben: Es gibt die Streber und es gibt die Coolen. Und es gibt einen ungeschriebenen Verhaltenskodex: Sich öffentlich Mühe zu geben ist verboten, öffentlich kundtut, dass man nichts gemacht hat, unbedingt erlaubt.  

Dazu ein weiteres Beispiel: Die Lehrerin fragt zu Beginn der Stunde reihum, wer in den Ferien Spanisch gelernt habe. Viele sagen „Nein“, alle anderen sagen „ein Bisschen“ und sie sagen es erstens leise und verschämt, und zweitens, indem sie den Daumen und den Zeigefinger ein winziges Stück auseinanderhalten, um zu demonstrieren, wie unfassbar klein dieses Bisschen ist. Als die Reihe an mich kommt, sage ich: „ein Bisschen“. „Ja“, wäre ehrlich gewesen. Es war nicht viel, es war nicht wenig, es war so, dass es mir etwas gebracht hat. Und wie ich so „ein Bisschen“ sage, habe ich einige der anderen ein-Bisschen-Sager im Verdacht, dass auch sie eigentlich hätten „Ja“ sagen müssen. Aber das geht nicht, so wie damals, in der Schule.  

Ich war eine gute Schülerin, ich hatte gute Noten und wenn mich etwas interessierte, dann lernte ich das auch, meistens fiel mir das nicht besonders schwer. Und ja, ich weiß, dass das ein Luxusproblem ist – aber so wie die einen hart an ihrem Image als Freigeister und Rebellen arbeiteten, indem sie nie lernten und schlechte Noten schrieben, musste ich hart daran arbeiten, nicht als Streber zu gelten, indem ich nie sagte, wenn ich gelernt hatte, nicht über meine Noten sprach und mich nicht immer meldete, wenn ich eine Antwort wusste. In den Charakterisierungen in der Abizeitung, die aus anonym gesammelten Kommentaren zu jedem einzelnen bestanden, stand zu meinem Namen unter anderem „Kein Streber“. Und das bedeutet natürlich eigentlich: „Hätte das Potenzial dazu gehabt.“  

Ich lerne an der Volkshochschule nicht nur Spanisch. Ich lerne auch, dass dieses seltsame sich-Winden, wenn man gerne etwas lernt, dieses komische „Ich hab nix gemacht“, wenn man sich in einem Kurssystem befindet, anscheinend nie aufhört, auch, wenn es keine Noten, Statuskämpfe und richtigen Lehrerautoritäten mehr gibt.

Zum Glück fliege ich bald in ein Land, in dem man Spanisch spricht. Das wird sicher sehr heilsam. Weil sie sich da dann einfach freuen, dass ich in den Ferien Vokabeln gelernt habe, und darum sagen kann, dass ich gerne drei Orangen kaufen möchte.

Text: valerie-dewitt - Foto: kallejipp / photocase.com

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