"Ich war jemand, der ich nicht sein wollte"

Warum wird man Soldat? Wie verändert einen das Soldatsein? Auf diese Fragen gibt es viele Antworten. Eine gibt Jakob, der bei der Bundeswehr war und dann wieder raus ist. Für jetzt.de erzählt er von seinem Einsatz im Kosovo, von den Toten, vom Stolz der Kameraden und von seinem Verständnis für Oberst Klein.
anke-luebbert

Jakob Rieß (Name von der Redaktion geändert) ist 31 Jahre alt und lebt in Norddeutschland. Mit 18 verpflichtete er sich bei der Bundeswehr. Nach drei Jahren quittierte er den Dienst. Für jetzt.de erinnert er sich an diese Zeit als Soldat. Er erzählt von seiner Ausbildung und seinem Einsatz im Kosovo. Er erzählt, welchen Einfluss der Beruf auf sein Leben und seine Persönlichkeit hatte: "Ich hatte mich erst in den letzten Monaten vor dem Abi entschieden, Berufssoldat zu werden. Ich wollte zur Marine. Zur See fahren, auf der Gorch Fock, einem Rahsegler. Die weite Welt sehen, nebenbei studieren. Ich wurde dann als einer von 2000 Bewerbern auf 160 Stellen in der Offiziersausbildung der Marine ausgewählt und habe mich ein paar Monate lange gefühlt wie der König der Welt. Das Gefühl hielt eine Weile an. Es gab wahnsinnig schöne Momente. Zum Beispiel erinnere ich mich an eine Situation wie auf einem 80er Jahre Kitsch-Poster aus dem Obi-Baumarkt: im Klüvernetz liegen und in der Bugwelle der Gorch Fock springen Delphine. Aber verglichen mit dem, was ich bis dahin in meinem Leben so gemacht hatte, war der Alltag auf der Gorch Fock auch unfassbar hart. Durch das Wachsystem hatten wir nachts oft nur vier Stunden Schlaf, dazu die körperliche Arbeit im Rigg, das Ziehen an Tauwerk und Segeln. Außerdem der Unterricht - Meteorologie, Navigation, Schifffahrtsrecht. Kaum Privatleben. Wenn ich Freunde getroffen habe und die mir von ihren Problemen erzählt haben dachte ich häufig „Was willst du denn?“, weil mir ihre Dinge so banal erschienen. Irgendwann haben mir die ersten Kumpels gesagt, dass ich mich verändert hätte. Ich hatte die Befehlsstruktur verinnerlicht, war autoritär, herablassend gegenüber denjenigen, die einen geringeren Leistungsanspruch an sich selbst hatten als ich. Auch meinen Freunden gegenüber. Zu dieser Art von Herablassung neige ich, Antriebslosigkeit und Faulheit finde ich abstoßend. Aber die Zeit in der Bundeswehr hat das so verstärkt, dass es für meine Freunde unerträglich wurde.

Dazu kam, dass ich den Großteil meiner Vorgesetzten nicht als Vorbild sehen konnte. Ich dachte: „Wo die sind, will ich in 12 Jahren nicht sein“. Wenn ich sie im zivilen Leben getroffen habe, fand ich ihre Interessen komisch, die haben sich seltsam gekleidet, viele hatten gescheiterte Beziehungen. Ich hatte den Eindruck, meine Vorgesetzten hatten sich seit ihrer Schulzeit menschlich kaum weiterentwickelt. Sicher liegt das auch daran, dass die Bundeswehr eine Gesellschaft für sich ist, die mit „draußen“ wenig zu tun hat. Den Ausschlag für meinen Ausstieg hat ein Gespräch mit einer Freundin gegeben, die mir - unter anderem - einen enormen Frauenverschleiß vorgeworfen hat. Ich habe nur noch für die Wochenenden gelebt, hatte einen One-Night-Stand nach dem anderen. Weil mein Alltag nur Pflicht und Zwang war, habe ich versucht, die freie Zeit exzessiv auszunutzen. Alles drehte sich um Spaß haben und Kopf-frei-kriegen. Dadurch, dass mir meine Freunde mein Verhalten gespiegelt haben, habe ich mich mit ihren Augen gesehen und verstanden, was mit mir passiert. Ich wurde jemand, der ich nicht sein wollte. Ich habe dann entschieden, dass ich einfach nicht der Richtige für diesen Job bin. Die Bundeswehr zu verlassen, wenn man sich einmal verpflichtet hat, ist nicht einfach. Ich konnte nicht sofort raus, sondern bin erstmal aus der Offiziersausbildung ausgeschieden und in die Truppe versetzt worden. Das nannte sich „Nachdienzeit“. Ich habe die Teilstreitkraft gewechselt, blieb Zeitsoldat. Ende der 90er hieß das für mich auch: ab in den Auslandseinsatz, in den Kosovo. Der Einsatz war der erste der Art der Bundeswehr. Unser Mandat war schwierig, weil wir im Grunde nichts tun konnten. Schießen durften wir nur zur Selbstverteidigung. Selbst wenn neben uns jemand bedroht worden wäre, hätten wir nichts tun können. Wir haben die Meldungen vom Roten Kreuz gelesen, und die anderer Verbände, wo wieder jemand getötet wurde, was sich die Menschen dort antaten, und fühlten uns hilflos. Schlimm fand ich tote Kinder am Straßenrand zu finden, die wir nicht mal beerdigen durften, weil das nicht unser Einsatzbereich war. Einige meiner Kameraden - genauso jung oder jünger als ich - sind mit der Situation nicht klargekommen. Und die wurden mit ihrer Seelennot alleine gelassen. Es fehlten die Erfahrungen. Manche sind an dem Konflikt dann auch gescheitert. Soldat werde ich ja, weil ich ein ganzer Kerl bin, Mordseier in der Hose habe, Krieg spielen will. Und dann merkt man einerseits, dass einem die Situation nahe geht und andererseits, dass man selbst nichts tun kann. Weil es einem nicht erlaubt wird. Weil die Spielregeln eigentlich nur die Täter schützen. In dieser Zeit habe ich Respekt vor der Waffe entwickelt. Vorher war das ein Spielzeug im Gürtel, im Einsatz hast du mit der Waffe plötzlich Macht. Du kannst potentiell jemanden damit umbringen. Das habe ich bei den Übungen gespürt, wenn ich den Finger am Abzug hatte. Man geht auch mit Menschen anders um, wenn sie eine Waffe tragen. Ich habe in der Bundeswehr auch Leute getroffen bei denen ich dachte „na, ob der eine Waffe tragen sollte?“ Für mich war es extrem schwierig, mir die nötige Distanz anzutrainieren, eine Art von emotionaler Kälte, die man entwickeln muss, um notfalls sofort auf jemanden schießen können. Ohne nachzudenken. Im Kosovo gab es eine Situation, in der ich wahnsinnig froh war, dass ich mich gegen die Karriere in der Bundeswehr entschieden hatte. Unser Feldlager ist nachts von ein paar – vermute ich - besoffenen Serben beschossen worden. Der zuständige Befehlshaber der NATO hat daraufhin entschieden, einen Luftangriff auf ihre Feuerstellung fliegen zu lassen. Am nächsten Tag haben wir ihre Leichen gesehen. Ich habe damals gedacht, dass ich nie Entscheidungen treffen möchte, in denen es um das Leben von Menschen geht. Ich möchte nicht damit klarkommen müssen, dass meine Entscheidung den Tod von Menschen zur Folge hatte. Ich hätte auch nicht in der Rolle von Oberst Klein in Afghanistan stecken wollen, der das Bombardement des Tanklastzugs in Afghanistan befohlen hat. Ich hätte genau so gehandelt wie er. Und das finde ich schrecklich. Schlimm fand ich, dass uns damals nahe gelegt wurde, ein Tagebuch zu schreiben – für uns selber – das dann später aber eingesammelt und gelesen wurde. Ich hatte da meine ganzen Bedenken und Unwohlsein auch aufgeschrieben. Insgesamt war ich mit meinen Problemen in dieser Zeit ziemlich alleine. Klar die Kameraden, die den gleichen Dienstgrad hatten wie ich, mit denen konnte ich reden. Aber nicht mit den Vorgesetzten, das waren auch einfach die falschen Leute, die waren ja alle 100 Prozent überzeugt von dem was sie taten. Sie haben mir deutlich gemacht, was sie davon halten, dass ich den Dienst quittiere, mich geschnitten oder mir gesagt, dass sie mich für einen schlechten Soldaten halten. Nach wie vor bin ich sehr froh, dass ich den Absprung geschafft habe. Übrigens bin ich absolut kein Gegner der Bundeswehr, gar nicht. Ich bin auch nicht gegen Auslandseinsätze. Ich bin auch immer noch Reservist. Wenn ich jetzt Reserveübungen mache, sind das für mich Spiele für Erwachsene, eine Abwechslung von meinem Beruf. Aber Berufssoldat möchte ich nicht mehr sein."

Text: anke-luebbert - Foto: PNetzer / photocase.com

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