"Ich will auch wollen!"

In ihrem neuen Roman erzählt Sarah Kuttner davon, wie schrecklich kompliziert es sein kann, seinen Platz zu finden. Aber leider erzählt sie es ein bisschen zu brav.
nadja-schlueter

Vom „Spiegel" nach dem ewigen Vergleich mit Charlotte Roche gefragt, stellte Sarah Kuttner klar, sie sage „nicht am laufenden Band ficken, kacken, kotzen". Das stimmt: Ihr neuer Roman „Wachstumsschmerz" ist sehr brav und ganz und gar nicht skandalträchtig. Statt „ficken" steht dort „vögeln" (und das auch bloß ein Mal) und gekotzt wird zwar, gekackt aber nicht. Kein Aufreger also, dieses Buch, sondern eine Geschichte über das Erwachsenwerden, als die es angekündigt wird und als die es auch über weite Strecken funktioniert. Zum Vorwurf kann man der Autorin nur machen, dass es ihr nicht gelingt, mit den Problemen ihrer Protagonistin konsequent umzugehen. Gerade, wenn man denkt, dass der Ich-Erzählerin alles über den Kopf wächst und irgendeine Art von Wende hermuss, flacht der Text ab. Es fehlt der große Knall, der etwas Neues wäre im Vergleich zu der klassischen Suche nach Orientierung, von der man schon so oft gelesen hat.

Zu Anfang sind Luises Probleme an Normalität kaum zu übertreffen und genau das macht einem den Einstieg so leicht. Man fühlt sich der Protagonistin nahe. Auch, weil sie in diesem plauderhaften Kuttner-Stil, manchmal auch in einem leicht genervten Ton erzählt, für den die hin und wieder auftauchenden „hochgezogenen Augenbrauen" einen guten Vergleich abgeben. Luise und ihr Freund Flo suchen nach einer gemeinsamen Wohnung. In den Text eingeschoben sind mit „Memo" überschriebenen Zwischenkapitel, die schon darauf hinweisen, dass die Beziehung der beiden scheitern wird, weil Luise hier alleine durch die ehemals gemeinsame Wohnung streift und trauert. Luise ist Anfang 30, Herrenschneiderin und außerdem recht erfolglos in der Kartei einer Agentur, die Schauspieler für schlechte Filme und Werbekampagnen vermittelt. Sie hadert mit ihrer beruflichen Lage und sie (und Flo übrigens auch) hat ziemlich große Angst vor diesem Schritt ins Erwachsenenleben, den das Zusammenziehen bedeutet. Das ist die Initialzündung für ihre Lebenskrise. Luise fragt sich, ob sie „von nun an vielleicht doch offiziell erwachsen sein muss." Sie fühlt sich aber gar nicht erwachsen, sondern eher so, als würde sie bloß erwachsen spielen.



All das muss man nicht aus dem Text herauslesen, weil es in teils etwas zu lang geratenen Passagen von der Protagonistin selbst durchgedacht wird. Die kommen zwar als Luises Gedanken getarnt daher, sind aber doch sehr eindeutig als Kuttners gesammelte Weisheiten erkennbar. Figuren wie Luises Schwester (Psychologiestudentin!) und vor allem der gleich einem gutem Geist auftretende Alte Erich sind scheinbar nur dazu da, ein paar der Grübeleien in einem Dialog unterzubringen. Dabei tauchen dann auch unweigerlich Thesen über die Generation auf, die zu viele Möglichkeiten hat. So als habe Sarah Kuttner sich umgesehen, welches Thema andere Autorinnen um die dreißig gerade umtreibt. Das ist schade, weil es von dem, was einen Roman ausmacht (oder diesen Roman ausmachen sollte), dem inneren Konflikt der Einzelperson, wegführt und uns nur noch einmal sagt, was wir schon wissen. Zum Glück ist Luise nicht ein absoluter Prototyp dieser zu genüge beschriebenen Generation. Immerhin schneidert sie Anzüge und schäkert grundsympathisch mit den älteren Männern, die in Unterwäsche vor ihr stehen, um sich vermessen zu lassen. Das ist eher untypisch. Und es sind nicht die vielen Möglichkeiten, die sie fertig machen, sondern dass ihr ständig jemand sagt, sie könne mehr aus sich machen, sei aber zu faul dazu. Den Wunsch, der aus diesem Vorwurf entsteht, spricht sie selbst aus: „Ich will auch wollen", sagt sie. Aber eigentlich will Luise nur ihren Schneiderjob und ihre Ruhe.

Der beste Kniff, um die Zuspitzung der Probleme zu verdeutlichen, ist der Autorin mit dem physischen Symptom gelungen, das Luise immer dann überfällt, wenn sie schrecklich unglücklich und gereizt ist: ihre Haut brennt und zieht. Dieses Gefühl ist so real, dass Flo sie besorgt fragt, ob sie „wieder Hautschmerzen" habe. Dadurch ist es kein allzu simples Bild für „sich nicht wohlfühlen in seiner Haut" (und für den titelgebenden „Wachstumsschmerz"), sondern eine psychosomatische Störung, die zeigt, wie schlecht es Luise wirklich geht und wie gefangen sie in sich selbst ist. Sie fühlt sich überfordert von dem, was sie tun könnte und sollte. Sie weiß nicht mehr, ob sie will, was sie hat, oder ob sie eigentlich etwas anderes haben wollen sollte. Das klingt kompliziert, aber genau das ist der Kern, um den sich die Geschichte dreht: Dieses wahnsinnig komplizierte Denken einer jungen Frau, von der verlangt wird, dass sie so langsam mal ihren Platz im Leben findet. Damit könnte man so viel anfangen und es in so viele Richtungen weiterspinnen. Man rechnet damit, dass Luise bald vor einem Scherbenhaufen steht, oder ein Erweckungserlebnis hat, oder am ganzen Körper Ausschlag bekommt. Der Knoten könnte sich weiter verstricken oder platzen.

Das Problem ist, dass er schlicht verschwindet. Luise trennt sich vom mittlerweile nur noch niedlichen, wehrlosen und irgendwie verblassten Flo, der ihrem Unmut und ihrer Streitlust nichts entgegenzusetzen hat. Danach geht es ihr wieder gut und nach nur zwei Wochen beschließt sie, dass sie Flo zurückhaben will. Dann will der aber nicht. Was folgt, ist der Liebeskummer nach einer verhältnismäßig langen Beziehung, das Einsamsein und irgendwie Zurechtkommen. Es gibt keine Hautschmerzen mehr, keine Zweifel am Job und dem Leben generell, nur noch Verletzsein, weil man plötzlich der Verlassene ist. Man weiß daher nicht mehr, worum es eigentlich geht: Um Luises Krise und ihre Angst vor dem Erwachsenwerden oder doch um die Beziehung – und darum, dass alle Probleme nur aus dem gescheiterten Zusammenleben resultierten. Man traut sich auch nicht, eigene Schlüsse zu ziehen, weil einem bisher alles vorgekaut wurde. Die Autorin lässt einen einfach allein mit der Frage, wo denn eigentlich die Luise mit den Hautschmerzen und der Überforderung hin ist und warum sie von einer viel seichteren Luise abgelöst wurde. Bloß gut, dass das Ende wenigstens offen bleibt, an dem Luise und Flo in einem Status des Dazwischen verbleiben. Der ist nämlich wieder so wunderbar kompliziert wie Luises Verletzen und es bereuen, ihr „wollen Wollen" und eigentlich doch nur schneidern wollen. Hätte das Buch diese Kurve nicht mehr gekriegt, wäre aus der Erwachsenwerden- Geschichte doch nur eine Liebesgeschichte geworden.

Man kann gut damit leben, wenn „Wachstumsschmerz" erfolgreich wird, weil der Roman es einem so leicht macht, weil er erzählt, wie furchtbar ganz normale Probleme sein können und wie schrecklich es ist, kein Kind mehr sein zu dürfen, sondern Entscheidungen treffen zu müssen. Was fehlt, ist die Drastik oder eine Idee, die diese Geschichte von anderen ihrer Art unterscheiden würde. Am Ende ist sie vielleicht doch ein bisschen zu brav. 

Text: nadja-schlueter - Foto: Fischer Verlag / fischerverlage.de

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