„Ich wollte einfach nur tot sein.“ Mobbing an der Schule

Seit Februar läuft die bundesweite Aktion „Mobbing - Schluss damit“.
anna-tillack

Seit Februar läuft die bundesweite Aktion „Mobbing - Schluss damit“. Eltern, Kinder und Lehrer können auf der Seite mobbing.seitenstark in Online - Fragebögen Rede und Antwort stehen. Die Resonanz ist mit 1500 Besuchern pro Tag hoch, die Initiatoren sind zufrieden. Dass an Schulen gemobbt wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Dennoch scheint das Problemfeld nicht brachzuliegen wie so viele andere, denn es hat sich was getan in der letzten Zeit. Betroffene finden im Netz zunehmend Gehör, können in immer mehr Foren anonym über ihren Kummer sprechen, Infomaterial downloaden oder eines der zahlreichen Helpdesks aufrufen. Und so werden schrittweise Fortschritte erzielt, denn wenn die Schritte bislang auch klein sind, so stimmt zumindest die Richtung. Der Hauptschullehrer Werner Ebner aus Baden Württemberg ist vor einigen Jahren auf eigene Faust losgezogen und hat die Internetplattform schueler-mobbing zur Verfügung gestellt. Mittlerweile gibt es 600 Themenbereiche und über 4000 Beiträge, zu denen man sich äußern kann.

„Ich wollte einfach nur tot sein“, liest man im Blog einer Jugendlichen. Die Ursache für diese gänzlich entmutigt und verzweifelt klingende Aussage ist nicht in einem schwerwiegenden Schicksalsschlag zu suchen, wie der unwissende Forumsgast vermuten könnte. Vielmehr ist es der ganz normale Wahnsinn, der tägliche Schulalltag, der das Mädchen in eine derartige Verfassung stürzte. Für Betroffene stellt die Plattform einen Lichtblick dar, denn hier finden sie Gehör und Unterstützung. In jedem zweiten Forumsbeitrag liest man von Angstzuständen, Schweißausbrüchen, Händezittern, Stottern und Appetitlosigkeit. Ein Forumsgast spricht seine Peiniger direkt an: „Heute schreibe ich euch hier, damit ihr wisst, was ihr mir jeden Tag aufs Neue antut. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, frage ich mich, was ihr euch wieder für mich ausgedacht habt. Wie ihr es diesmal wohl wieder schafft, das ich am Abend weinend auf meinem Bett liege und das Verlangen bekämpfe, mir die Pulsadern aufzuschlitzen.“ Der Hauptschullehrer Werner Ebner erzählt von einer 15-jährigen Schülerin, die durch Mobbing ein körperliches und geistiges Wrack wurde, „innerlich und äußerlich unbeweglich, völlig starr wie bei einer Lähmung“. Es war ein langer Weg, bis das Mädchen wieder halbwegs hergestellt war: „Der erste Schritt ist natürlich raus aus der Schule, dann folgt medizinische Unterstützung und schließlich psychologische Betreuung.“ Werner Ebner hat es sich zum Ziel gemacht, Mobbing zu bekämpfen und deshalb auch die Plattform im Internet zur Verfügung gestellt. Bereits seit einigen Jahren können Schüler mit all ihrer Verzweiflung also online gehen, sich über Mobbing an sich informieren, ihren Schmerz und ihre Wut offen äußern und außerdem professionelle Hilfe unter dem sogenannten „Mobbing Help Desk“ in Anspruch nehmen. Ebner erinnert auch daran, „dass es in jeder Stadt kostenlose Beratungsstellen gibt, bei denen man anonym bleibt.“ Eine Klassifizierung des typischen Opfers ist schwierig, was Werner Ebner auch in der Dokumentation seiner langjährigen Arbeit zeigt. Da heißt es als Fazit: „Opfer sein kann jeder!“ Der Schulalltag zeigt allerdings, dass schwache und stille Schüler prädestiniert sind, Opfer des Mobbing zu werden. Und der Stempel des Außenseiters wird schnell aufgedrückt. Das sind dann die, die in der Schule allein in einer Bankreihe sitzen und während der Pausen in den dunklen Gängen zurückbleiben. Sie machen sich unsichtbar, verkriechen sich wie ein gejagtes Tier. Es ist nicht leicht, das Ich von der körperlichen Hülle zu trennen, die so gehasst wird. Manchmal gelingt diese Trennung nicht mehr: „Ich bin tot, und das schon lang. Durch euch. Dadurch, das ihr mich, im Laufe der Jahre, so sehr gequält habt, dass mein Herz schwarz und kalt geworden ist. Meine Selbstachtung habe ich schon lange aufgegeben.“ Jeder kennt sie, aber die wenigsten haben den Mut, den magischen Kreis zu überschreiten, den die Peiniger um das Opfer gezogen haben. Zum Einen, weil man den Unmut der Täter um keinen Preis auf sich ziehen will, und zum Anderen, weil unsere Gesellschaft gerne wegsieht. Das würden die Schüler „bei den Erwachsenen nachahmen“, weiß Werner Ebner. Er erzählt, dass nun endlich die Politik aufmerksam geworden ist. Dafür sind unter anderem die Weblogs und seine Arbeit verantwortlich, in der er all seine Projekte, Befragungen und Erfahrungen als Lehrer sorgfältig dokumentiert hat. Der Projektbericht ist als Download auf www.schueler-mobbing.de verfügbar und gibt Auskunft über die körperlichen Folgen von Mobbing, das typische Täter-Opfer Profil und jede Menge praktische Hilfestellungen, wie das Anlegen eines Mobbingtagebuchs. In einer Grafik wird dokumentiert, dass sich immerhin acht Prozent der Befragten „sehr unsicher“ in der Schule fühlen. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg beschloss zu handeln und so gibt es inzwischen ein detailliertes Programm zur Gewaltprävention. Demnach sind derzeit 54 Stellen für Schulpsychologen vorgesehen, weitere sollen folgen. Außerdem stehen seit dem Schuljahr 2003/2004 75 Gewaltpräventionsberater/innen für die Schulen zur Verfügung. Ebner begrüßt ebenso Streitschlichtungsprogramme von Schülern für Schüler, die im Schulalltag stark an Akzeptanz gewonnen haben und die steigende Zahl von Infoveranstaltungen. „Hauptansatzpunkt allerdings muss die Ausbildung der Lehrer sein, in der bei all dem Fachwissen oft die Pädagogik außen vorgelassen wird.“ Und hier wird der Hauptschullehrer fast streng, wenn er darauf hinweist, dass die Schüler mehr und mehr die Erziehungsperson in der Lehrkraft brauchen, die für die Vermittlung von Werte sorgt. Außerdem muss man erstmal lernen, mit einer derart leistungsorientierten Gesellschaft klarzukommen, die nebenbei noch fordert, schön zu sein und im Trend zu liegen. „Ganz schön viele Ansprüche, denen ein junger Mensch da genügen muss.“ Und genau darin sieht Werner Ebner auch eine beliebte Angriffsfläche für das Mobbing. Wenn man ihm glauben darf, dann ist die wirksamste Medizin „das Reden und Gehört werden“. Was ist aber, wenn ein Opfer nicht reden, oder sich nicht outen will? „Es ist Voraussetzung, dass die Schüler selber aktiv werden. Ansonsten können wir nicht eingreifen.“ Mehr Info dazu gibt’s am 12. Juni in der ZDF-Doku 37 Grad um 22.15 Uhr Links zu ähnlichen Seiten: www.schueler-gegen-mobbing.de www.work-on-peace.de www.freedom-writers.de www.fassmichnichtan.de

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