„Ich wollte es auf der Haut tragen“

Ein Besuch im Berliner „All Style Tattoo“-Studio, in dem fünf Tätowierte unserem Autor die Geschichte zu ihrem jeweiligen Motiv erzählt haben.
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Jo Anfangs hatte ich keine Vorlage für mein Motiv, es ist dann aus meinen eigenen Ideen und Recherchen entstanden. Es besteht aus zwei Teilen, einem spirituellen und einem stilistischem. Was die Kunstform angeht: Ich mag den Stil des Kubismus sehr gerne. Ein kubistisches Kunstwerk basiert meistens auf geometrischen Formen, das gefällt mir. Und zum Spirituellen: Ich bin definitiv ein gläubiger Mensch. Ich bin nicht streng gläubig erzogen worden, aber da ich in einem kleinen Dorf in Süddeutschland groß geworden bin, hatte ich schon früh einen Bezug zum Glauben. Ich bin heute nicht mit der Kirche im Einklang, ganz im Gegenteil. Ich sehe Religion einfach spirituell. Durch ein persönliches Erlebnis, den Tod meiner Mutter, habe ich mir viele Gedanken über mein Verhältnis zu meinen Eltern gemacht. Ich kann nur Gutes darüber sagen, hatte eine wunderbare Kindheit und konnte meine Gedanken frei ausleben, habe gelernt, Respekt zu haben und viel Liebe mitbekommen. Die heilige Maria steigt im Motiv über zwei Grabsteinen auf, deren Symbole einmal für „Vater“ und einmal für „Mutter“ stehen. Das sind hebräische Schriftzeichen. Die Schriftzeichen, die im oberen Teil des Motivs eingearbeitet sind, das ist das sechste Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren, damit du lange lebst auf Gottes Erden.“ Das Tattoo ist für mich eine persönliche Danksagung an meine Eltern.


Gienna Ich wollte alle meine 25 Lebensjahre in diesem Motiv verarbeiten. Es sollte ein besonders Tattoo auf meinem linken Arm sein, der zuvor sehr vernarbt war. Also auch ein Tattoo auf der Herzseite. Die Figur im Motiv bin ich. Ich stehe am Abgrund – bleibe dort aber auch stehen und habe einen Weg vor mir, der nach oben führt. Den Schlüssel für die Entscheidung, diesen Weg auch zu gehen, trage ich im Kopf. Die Piekkarte auf meinem Kleid steht für Schutz und Abwehr, damit alles Schlechte von mir fern bleibt. Die Schreibmaschine mit den Flugzeugflügeln und dem Brillengestell steht für meine Mutter, meine Oma und meinen Opa, die alle bereits verstorben sind. Meine Mutter war Optikerin, meine Oma war Sekretärin, und mein Opa war Flugzeugmechaniker. Sie sind nun im Himmel, und deswegen führt mein Weg auch nach oben. Im Baum sind einzelne Metaphern verarbeitet. Der Baum trägt Früchte, und die sollen symbolisieren, dass trotz all der Scheiße, dir mir bisher zugestoßen ist, doch etwas aus mir geworden ist.


Emu Ich bin Zimmermann und war dreieinhalb Jahre auf Wanderschaft. In dieser Zeit habe ich verschiedene Leute kennen gelernt und Reisekameraden gehabt, von denen sich viele das Handwerkszeichen auf den Unterarm tätowieren ließen. Ich wollte es auch auf der Haut tragen – aber an anderer Stelle, nämlich auf der Brust. Ich wollte das alte Handwerkszeichen mit der Axt, mit der Säge, mit dem Hobel und mit dem Zirkel im Mittelpunkt meines Motivs haben, um es mit dem Neuen zu vereinen. Daher auch die Handkreissäge und die Kettensäge drum herum. Der Fortschritt hat uns ja diese neuen Maschinen und Techniken geschenkt, damit wir ein bisschen weniger Mühe bei der Arbeit haben, daher auch die Flügel als Zusatz. Heute braucht man als Handwerker nun mal beides: Tradition und Moderne. Der herzförmige Krug bedeutet ganz einfach, dass mir mein Beruf sehr am Herzen liegt, und dass ich Feuer und Flamme dafür bin. Übrigens ist das Tattoo auf meiner Brust auch zum Logo meiner Firma geworden, als ich mich selbstständig gemacht habe.


Christian Ursprünglich wollte ich mir einen Engel auf den Rücken tätowieren lassen. Dann hatte ich die Idee, dass dieser Engel das Gesicht meiner Frau haben könnte, weil ich meine Frau immer als Engel bezeichne. Wir haben ein Foto von ihr machen lassen, auf dem sie schon auch sehr wie einer aussieht. Damit bin ich dann ins Tattoo-Studio gegangen, die Tätowiererin hat dort noch die passenden Flügel entworfen und dazu gezeichnet. Sie hat einen wirklichen Engel erschaffen. Es hat schon recht lange gedauert, das Motiv auf die Haut zu bringen, fünf Sitzungen zu je 3 Stunden waren es. Irgendwann kamen wir auf die Idee, auch noch einen Himmel als Hintergrund zu tätowieren. Der Hintergrund macht das Bild erst komplett und gibt die Stimmung wieder, in der ich mir einen Engel vorstelle. Meine Frau findet das Tattoo übrigens klasse, sie ist begeistert davon. Sie ist auch tätowiert, ihre Tattoos sieht man sogar auf meinem Tattoo. Sie hat Blumen auf dem Rücken, die über die Schulter nach vorne wachsen. Sie trägt aber kein Porträt von mir auf der Haut. Das war bisher noch nicht im Gespräch. Sie hat nur den Anfangsbuchstaben meines Namens in ihr Tattoo eingearbeitet. Unsere Tattoos verbinden uns und drücken unsere Liebe aus.


Robert Mein Tattoo ist aus vielen verschiedenen Einflüssen entstanden. Ich studiere Englisch und bin großer Schottland-Fan – daher auch der Dudelsack im Motiv. Und ich höre ziemlich gerne Punkrock, die Band Dropkick Murphys zum Beispiel. In das Banner im Motiv wird noch ein Schriftzug kommen, nämlich die Textzeile „She had excuses and she chose to use them“ aus dem Dropkick-Murphys-Song „The State Of Massachusetts“. Der Spruch ist für mich persönlich wichtig, da ich in meinem Studium relativ viel geschludert habe. Er soll eine Erinnerung daran sein, dass man immer Entschuldigungen für etwas haben kann. Man muss sich selbst entscheiden, ob man sie benutzen möchte – und dann muss man auch die Verantwortung dafür übernehmen. Idee für den Hahn habe ich vom Hahn der Looney Toons, das eigentliche Motiv ist ein Bild aus dem Internet, das der Tätowierer für mich geändert hat. Außerdem ist mein chinesisches Sternzeichen der Hahn, das passt also auch ganz gut. Tattoos von „All Style Tattoo” , Simplonst. 59, 10245 Berlin

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