Im Land der tanzenden Frauen

Sama ist 29, lebt in Iran und hat die Feministische Partei Kurdistan mitbegründet. In einer Region in Syrien haben Frauen viel mehr Rechte. Das wollte Sama sich ansehen - und riskiert für eine Reise dorthin ihr Leben.
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Sama Bahrami hat sich eine lange, dunkelbraune Perücke über ihre kinnlangen Locken gestülpt. Angespannt nestelt sie daran herum. Ihre Freundin Rozhîn kommt mit blonder Perücke und Sonnenbrille in den Flur der Frauenaktivistin, bei der die beiden übernachtet haben und fragt: „Na, wie seh ich aus?“. Sama reagiert nicht, sie ist im Moment nicht zu Scherzen aufgelegt. Bevor sie abgeholt werden, verstauen die beiden die Perücken doch wieder in ihren Reisetaschen und Samas Gesichtsausdruck entspannt sich. Ihr Verlobter hat ihr per Whatsapp Mut gemacht: Hier in Rojava wird schon niemand unterwegs sein von der iranischen Regierung.

Sama heißt in Wirklichkeit anders, sie will sich nicht zu erkennen geben. Die iranische Regierung darf nichts von ihrem politischen Engagement wissen.

Es ist der 8. März, internationaler Frauentag. Sama, 29, und Rozhîn, 34, die beide in Wirklichkeit anders heißen, haben eine weite Reise hinter sich, um zu sehen, wie dieser Tag hier gefeiert wird. Rojava: das ist der kurdische Name für eine Region im Norden Syriens – beziehungsweise der südwestliche Teil Kurdistans, ein Gebiet, das sich über Teile der Türkei, Syriens, des Irak und des Iran erstreckt. In den Wirren des syrischen Bürgerkrieges kam es 2011 in Rojava zu einer Revolution. Trotz fortlaufender Kämpfe gegen den IS wird hier seitdem eine Form von autonomer Rätedemokratie aufgebaut.

Wenn ihre Reise auffliegt, droht Gefängnis, vielleicht sogar die Todesstrafe.

Bei ihren Skypekonferenzen mit anderen Feministinnen hat Sama schon viel gehört von der zentralen Rolle, die Frauen in diesem neuentstehenden politischen System und in der Gesellschaft Rojavas spielen. Es klingt alles so hoffnungsvoll, so anders als bei ihr zu Hause im kurdischen Teil des Iran. Dort wird kein Frauentag gefeiert. Bei ihr zuhause muss sie höllisch aufpassen, damit nicht herauskommt, dass sie gerade – verbotenerweise - die „Feministische Partei Kurdistan“ mitbegründet hat. Und bei ihr zu Hause wartet Gefängnis, vielleicht sogar die Todesstrafe auf sie, wenn ihre Reise nach Rojava auffliegt.

Die Entscheidung, trotzdem hierher zu kommen, war keine leichte. Einige Male ist Sama schon ins Wanken geraten. Zum Beispiel, als sie eine Nacht und einen halben Tag an der Grenze zwischen Irak und Syrien aufgehalten wurden. Die Willkür der Grenzbeamten und die Ungewissheit, wann und ob sie Rojava jemals erreichen würde, zermürbten sie beinah. „Eine halbe Stunde warte ich noch, dann fahre ich zurück!“, hatte sie gesagt. Und dann wurden sie plötzlich doch durchgewunken.

Einen Tag später kommt Sama auf einem brechend vollen Platz in der Kleinstadt Amûdê an und beginnt zu ahnen, dass es sich gelohnt haben könnte. Die Feierlichkeiten zum 8. März nehmen ihren Lauf: Eine junge Frau, keine 18, spricht selbstbewusst und kämpferisch ihre Botschaft zum Internationalen Frauentag ins Mikrofon. Die Menge jubelt ihr zu. Alte Frauen machen Victory-Zeichen und schwenken ihre erhobenen Arme zur Musik. Ein kleines Mädchen hält ein Schild, fast so groß wie sie selbst, auf dem „Jin, Jîyan, Azadî“ steht – „Frauen, Leben, Freiheit“. Die Anspannung ist verflogen: Sama steht von dem ihr zugewiesenen Ehrenplatz in der ersten Reihe auf und reiht sich in die Kette der ausgelassenen Frauen in festlichen Kleidern ein. Jetzt hat sie keine Angst mehr. Jetzt tanzt sie.

Der Platz, auf dem gefeiert wird, trägt seit heute den Namen „Platz der Freiheit der Frau“. In seiner Mitte hat die Stadtverwaltung eine riesige Statue bauen lassen: die Mutter einer gefallenen Kämpferin.

Natürlich sehen sich Frauen auch in Rojava noch mit vielen Problemen konfrontiert: Ehrenmorde, Zwangsverheiratungen junger Mädchen und Frauenarmut sind nur einige Beispiele. Doch es wird viel dagegen unternommen: Frauen stellen ihre eigenen Verteidigungseinheiten (YPJ), es gibt Frauenhäuser, selbstverwaltete Frauenkooperativen und kostenlose Frauenakademien. Vor allem aber wird in der autonomen Verwaltung Rojavas darauf geachtet, dass Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen: In jedem Dorf, in jedem Stadtteil gibt es einen Frauenrat und alle politischen Führungspositionen werden jeweils von einem Mann und einer Frau gleichzeitig belegt.

>>> Schon seit sie klein ist, hat Sama immer wieder erfahren müssen, wie Frauen unterdrückt werden.



Sama ist begeistert vom Selbstbewusstsein und vom freiheitlichen Lebensstil der Frauen in Rojava, aber auch von der respektvollen Art der Männer. in Iran sei die Situation von Frauen eine ganz andere, vor allem die Situation kurdischer Frauen. Schon als Sama klein war, sagte ihr Vater ihr und ihren vier Schwestern immer wieder: „Seid vorsichtig in der Schule, redet nicht über Politik. Auf euch liegt so schon eine dreifache Schuld: ihr seid sunnitisch, ihr seid kurdisch und ihr seid Frauen.“

„Jede Woche zünden sich bei uns drei oder vier Frauen selber an“, erzählt Sama.


Je mehr sie sich politisch engagierte, desto mehr bekam sie zu spüren, was er meinte: „Egal was du tust, du bist immer besonders schuldig, wenn du aufgrund deiner Geburt eh schon dreifach schuldig bist“, sagt sie.

Einmal schrieb sie in Teheran für ihre Unizeitung einen Artikel über weibliche Genitalbeschneidung und erregte damit riesige Aufmerksamkeit. „Ich war total überrascht, niemand hatte eine Ahnung, dass diese Praxis bei uns so verbreitet ist“, erzählt Sama. Sie wollte über das Thema ihre Bachelorarbeit schreiben, doch bekam keine Erlaubnis.

Später wollte sie in Teheran ihren Master in Women’s Studies machen, sie hatte sogar schon einen Platz. Auch hierfür bekam sie keine Erlaubnis. Das sei eine übliche Praxis in Iran, Leuten aufgrund ihrer politischen Aktivitäten das Recht aufs Studium zu entziehen, erklärt sie bitter.

Obwohl sich die Situation schon verbessert habe, komme es auch immer noch zu sogenannten Ehrenmorden. Auch die ökonomische Situation kurdischer Frauen sei katastrophal. Die kurdischen Gebiete würden von der Regierung komplett vernachlässigt, was natürlich die gesamte kurdische Gesellschaft treffe – Frauen aber besonders, meint Sama, weil sie wirtschaftlich sowieso schon schlechter gestellt seien als Männer. Viele Frauen lebten in Abhängigkeit von ihren Vätern oder Ehemännern und stünden dadurch noch mehr unter Druck. „Jede Woche zünden sich bei uns drei oder vier Frauen selber an“, erzählt Sama. So auch eine junge Verwandte von ihr. Samas Stimme wird leiser und ihre Augen groß, als sie sich an den Besuch im Krankenhaus erinnert. „Sie hatte große Angst, sagte immerzu ,ich will nicht sterben`. Sie war einfach verzweifelt gewesen und hatte kein anderes Mittel gesehen, sich in ihrer Familie Gehör zu verschaffen. Nach einer Woche starb sie“.

Sama selbst wohnt auch bei ihrer Familie. Nach verschiedenen administrativen Jobs in Teheran, die sie inhaltlich wenig interessierten, ist sie wieder zu ihren Eltern zurückgezogen, um sich ganz ihren politischen Aktivitäten zu widmen – von denen ihre Eltern allerdings nichts wissen.
 
Viele der Gründungsmitglieder ihrer Partei leben in Europa oder den USA und wollen von dort über internationale Organisationen Druck auf die iranische Regierung ausüben. Für die wöchentlichen Skypekonferenzen sucht sich Sama verschiedene Internetcafés, benutzt Decknamen und falsche E-Mail-Adressen. Eines der Ziele ihrer Partei ist es, dass sich bestimmte Gesetze ändern: beispielsweise die Straffreiheit bei Ehrenmorden, das Mindestheiratsalter für Frauen von 9 Jahren oder die Todesstrafe für Homosexualität.

Sama und Rozhin selbst wollen in Iranisch-Kurdistan mit konkreten Hilfestellungen für benachteiligte Frauen beginnen, es geht vor allem ume Alphabetisierung und psychologischen Beistand. Vor allem geht es Sama um Empowerment. „Wir müssen zuerst an uns selber glauben und dies den anderen Frauen vermitteln“, sagt sie. „Die Frauen in Rojava sind so stark, so selbstsicher!“, das habe sie am meisten beeindruckt. „Selbst wenn ich zurück gehe und ins Gefängnis komme, bereue ich diese Reise nicht!“



Text: lou-zucker - Foto: Lou Zucker