Im Tal rechts

In einer österreichischen Kleinstadt geraten Jugendliche und Roma aneinander. Steine fliegen, Schüsse fallen. Medien berichten von einem per Facebook organisierten Mob. Aber ein Ortsbesuch zeigt: Die Wahrheit ist komplizierter.
christian-endt

Dem Parkplatz ist nichts mehr anzusehen. Ein paar Autos stehen verstreut herum, auf einer Weide nebenan grasen zwei Pferde, Touristen schlendern vorbei, ein Fahrschüler macht seine ersten Versuche mit Kupplung und Gaspedal.

Nur wenige Tage vorher sah es hier ganz anders aus: Es flogen Steine. Angeblich fielen Schüsse. Angeblich schlugen Männer mit Eisenstangen auf Autos ein. Ein Großeinsatz der Polizei war nötig, um Schlimmeres zu verhindern. Auf dem Parkplatz waren fahrende Roma und einheimische Jugendliche aneinander geraten.

“Jugendliche attackieren Roma in Bischofshofen”: In Varianten war diese Meldung anschließend in nahezu allen großen österreichischen Medien zu lesen, auch die Süddeutsche Zeitung hat die Geschichte aufgegriffen. Immer wieder war zu lesen, die Jugendlichen hätten sich über Facebook verabredet. Experten bestätigen das Bild, das sich angesichts solcher Meldungen in vielen Köpfen formen dürfte: das Bild eines ländlichen, latent fremdenfeindlichen Österreichs. Hohe Berge, schmale Täler, braune Einwohner. Der Jugendkulturforscher Manfred Zentner aus Wien sagt etwa: "Mich überraschen die Ereignisse nicht. Rassismus ist in unserer Jugend ein großes Problem.” Das Bild wäre stimmig. Aber ganz so leicht ist es nicht.

Der Parkplatz, auf dem die Roma mit Erlaubnis der Stadt campen dürfen.

Bischofshofen, 60 Kilometer südlich von Salzburg gelegen, kennt man vor allem wegen seiner Skisprungschanze. Jedes Jahr findet hier ein Wettkampf der Vierschanzentournee statt, zehntausende Zuschauer kommen dann in den Ort. Auch jetzt, an einem verregneten Montag Vormittag, sind die Straßen belebt, in den Cafés sitzen Leute, in der Innenstadt reiht sich ein Gasthaus ans nächste. Viele sind frisch renoviert und bunt angestrichen, blau, gelb, grün. Es gibt beinahe Vollbeschäftigung, die Einwohnerzahl steigt.

Etwa drei- bis viermal im Jahr machen Roma-Gruppen mit ihren Wohnwagen hier Station. Sie bleiben meist für zwei, drei Tage, die Stadt stellt ihnen dann den Parkplatz der Sprungschanze zur Verfügung, gegen Gebühr auch einen Sanitär- und einen Müllcontainer. Ein bewährtes Prozedere. Normalerweise gebe es keine Probleme, das sagt die Stadtverwaltung und das sagen auch die meisten Anwohner, die erzählen, wie sie beim Spazieren oft freundlich von den Roma gegrüßt werden.

Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Bischofshofen, da kann man Berichte über Fremdenfeindlichkeit oder gar Antiziganismus nicht gebrauchen. Außerdem ist auch in Österreich gerade Wahlkampf. “Wir distanzieren uns von jeder Form des Rassismus”, sagt Jakob Rohrmoser. Der Bürgermeister ist ein freundlicher, gelassener Mann. Er trägt einen Trachtenjanker, in seinem Büro steht kein Computer, dafür auf dem Fensterbrett eine Marienfigur. Rohrmoser hat eine Liste mit allen 48 hier lebenden Nationalitäten vorbereitet, als Beleg für die Weltoffenheit seiner Stadt. Bosnier, Türken, Deutsche, Marokkaner, Kirgisen, Letten wohnen hier, er zeigt die Liste. Der Pfarrer sei Pole, der Jugendseelsorger komme aus Indonesien. Bischofshofen nehme “eine Vorreiterrolle in Sachen Integration” ein, sagt er. Rohrmoser schaut auf die große Kastanie im Hof. “Wir haben bisher nie Probleme mit Rechtsextremismus gehabt.”

Fremdenfeindlichkeit gibt es trotzdem in Bischofshofen, wie überall. Ein älterer Herr mit einem SUV in der Garage steht vor seiner Haustür und sagt, wenn die Roma da seien, müsse man sofort "alles wegräumen und abschließen, die klauen ja sonst alles." Ob er von konkreten Diebstählen wisse? In den letzten Jahren nicht, räumt er ein, "aber die sind halt so, das weiß man doch! Woher sollten sie auch sonst das ganze Geld haben für ihre großen Autos und Wohnwagen?"

Am Sonntag vor knapp zwei Wochen erreichen etwa hundert Roma mit französischen Nummernschildern den Parkplatz. Am Abend wirft ein Unbekannter einen Stein durch die Scheibe eines ihrer Autos. In der folgenden Nacht eskaliert die Situation: Als Jugendliche in die Nähe des Parkplatzes fahren, stehen dort Roma mit Eisenstangen in der Hand. Mehrere Zeugen wollen gehört oder gesehen haben, wie Schüsse fallen. Die Polizei kommt mit drei Wagen, sie regelt das Gelände ab und schaltet die Scheinwerfer der benachbarten Skisprungschanze an, zur besseren Übersicht.

Oft mit den Roma Fußball gespielt

Etwa zwanzig Jugendliche, so heißt es später in den Berichten, hätten sich über Facebook formiert und die Fahrzeuge der Roma mit Steinen beworfen, von rechtsextremen Ausdrücken ist die Rede.

Ein paar der Jugendlichen, die in der Nacht dabei waren, sind sofort zu einem Gespräch bereit. Sie warten vor der Country Lounge im Stadtzentrum von Bischofshofen, man geht erstmal an ihnen vorbei. Die Jungs sehen nicht so alt aus, wie sie sind - nämlich zwischen 17 und 19 -, und ihre “Tschick” rauchen sie so verkrampft, wie es eher harmlose Typen tun. Rechtsradikale stellt man sich anders vor.

Nervös sitzen sie am Tisch, halten keine Sekunde still, rauchen eine nach der anderen. “Wir werden jetzt überall als Nazis hingestellt”, sagen sie. Dabei hätten sie überhaupt nichts von den Roma gewollt. Sie hätten sich auf einem anderen Parkplatz in der Nähe getroffen, das täten sie öfters - der Ort sei klein, da fahre man abends manchmal spazieren. Die Roma seien zu ihnen gekommen und hätten sie bedroht: “Wir bringen euch um!” Mit Eisenstangen hätten die Roma dann auf ihr Auto eingeschlagen und sie durch den ganzen Ort verfolgt, bis zur Polizeistation. Völlig unschuldig seien sie in die Auseinandersetzung geraten. Einer erzählt, er habe schon oft mit campierenden Roma Fußball gespielt.

Bischofshofen, von der Skisprungschanze aus betrachtet.

Auch die Polizei sagt inzwischen, es habe keinen organisierten Gewaltaufruf via Facebook gegeben. Man habe auch keine Hinweise auf rechtsextreme Beschimpfungen. “Wir wissen auch nichts von einer rechtsradikalen Szene in Bischofshofen”, sagt Postenkommandant Johannes Wagner. Die Roma hätten auf eine Anzeige verzichtet und seien am folgenden Tag abgereist.

Tatsache ist: Ein Stein ist auf das Roma-Lager geflogen und hat eine Scheibe zerstört, da ist die Polizei sicher. Das war vermutlich auch ein Grund, weshalb die Roma am nächsten Tag gereizt waren. Tatsache ist auch: Es gab fremdenfeindliche Facebookposts. In einer öffentlichen Gruppe, in der man andere vor Verkehrskontrollen warnen kann, schrieben die Jugendlichen eine Warnung, man solle die Umgebung der Skischanze meiden: Die Roma seien gefährlich. Dieser Eintrag, der erst nach der angeblichen Flucht gepostet wurde, ist der Ausgangspunkt einer hitzigen Debatte, in der irgendwann weiter unten im Thread von einer “Endlösung” die Rede ist, von Molotow-Cocktails und von einem “Zigeunerzug”, bei dem “vielleicht auch mal ein Wohnwagen brennen” sollte. Wegen dieser Postings ermittelt der Verfassungsschutz des Landes Salzburg, es besteht Verdacht auf Verhetzung.  

Die drei Jugendlichen in der Country Lounge sagen, sie wüssten, wer diese Kommentare geschrieben habe. Die Verfasser seien aber an dem Abend nicht vor Ort gewesen. Und die, die auf dem Parkplatz waren, hätten nicht solche Kommentare verfasst.

Die Einzelteile der Zeitungsberichte sind richtig. Aber einen organisierten Mob, der das Roma-Camp attackierte, gab es wohl eher nicht. Ob der Steinwerfer, die Facebook-Hetzer und die Jugendlichen, die den Roma am Montag Abend zu nahe kamen, etwas miteinander zu tun haben, lässt sich nicht sagen.  

Während die Jungs in der Kneipe ihre Geschichte erzählen, haben sie das erste Bier schnell leer. Als sie ein zweites bestellen, sagen sie: "Schreib einfach, wir sind die Alkoholiker-Nazis von Bischofshofen. Is eh schon wurscht."  



Text: christian-endt - Fotos: christian-endt

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