Immer conscious bleiben: Jan Delay hält mich für mittelmäßig

Einmal vor Jan Delay rappen: armin-wolf aka efelowe hat das in dieser Woche getan - im Rahmen eines Wettbewerbs konnte er dem Hamburger HipHopper via Webcam sein Talent beweisen. Für jetzt.de ließ sich Armin, der im Juli Praktikant in der jetzt.de-Redaktion war, dabei filmen. Sein Ziel: Er will noch dieses Jahr ein eigenes HipHop-Album produzieren, von dem mehr Leute erfahren als seine besten Freunde und das deutschem HipHop einen neuen Sound verleiht. Auf dem Weg dahin, sagt er, muss man die Regeln des Game lernen, immer representen und vor allem: Niemals aufgeben.
armin-wolf

Ein sommerlicher Nachmittag in München. Via Webcam soll Armin mit Jan Delay in Kontakt treten, leider klappt die Verbindung nicht richtig. Deshalb sind alle etwas genervt, als es endlich losgeht: Armin vor dem Computer, Jan da drin. Das Spiel beginnt: Jan gibt drei Stichworte vor (leider etwas leise: Harry Potter, St. Pauli, FC Bayern) und Armin legt los. Spontan, ohne weitere Vorbereitung (im Hintergrund übrigens michael-moorstedt, der anschließend Jan Delay interviewt hat. Das Gespräch kannst du hier lesen)

Auf der nächsten Seite liest du, wie Armin aka efelowe das ganze erlebt hat.

Ich hatte mir vorgenommen so richtig zu glänzen. Und weil ich, meiner eigenen bescheidenen Meinung nach, auch dazu in der Lage gewesen wäre, bin ich jetzt enttäuscht. Aber vielleicht fangen wir besser von vorne an: Ein Kumpel hatte mir irgendwann Anfang des Jahres den Link zu einem dieser seltsamen Online-Contests geschickt. freestyle4jan stand da drauf. Ziel der Veranstaltung war, per Videokonferenz mit Jan Delay in Kontakt zu treten (die notwendige Webcam gab es umsonst) und ihm dann eifrig etwas vorzurappen. Danach würde Herr Delay seine Meinung abgeben, und der beste Freestyle würde mit zwei Backstage-Pässen für ein Konzert von Jan Delay mit Band prämiert. Zusätzlich gäbe es noch einen von Jan produzierten Beat zum Eigengebrauch obendrauf. Ich weiß jetzt schon, dass ich diese Karten und den Beat garantiert nicht gewinnen werde. Eigentlich sollte ich mich darüber nicht ärgern, denn ursprünglich hatte ich mich mehr spaßeshalber angemeldet, vielleicht war auch die Gratis-Webcam kein schlechtes Argument, ob ich überhaupt rappen würde, wusste ich damals noch nicht. Irgendwie war mir die ganze Angelegenheit auch nicht so wichtig – als die Webcam kam, habe ich mich gefreut, aber das Ding lag sechs Wochen in der Ecke bevor ich es überhaupt angeschlossen habe. Dann kam ein erster Termin, und ich habe mir die Zeit nicht freigeschaufelt, weil mir mitgeteilt wurde, dass es auch noch eine zweite Runde gäbe. Als diese dann näher rückte, hatte ich schon etwas mehr Laune mitzumachen, aber dann kam mir kurzfristig etwas dazwischen. Also habe ich nach einer dritten Runde gefragt, denn auf einmal hatte ich mächtig Lust, mal mit Jan Delay zu schwatzen und ganz allgemein zu zeigen, was ich kann.

efelowe Freestylen ist nämlich an und für sich eine ziemlich geile Sache. Vor allem, wenn du auf der Bühne stehst, der Beat wummert dir aus dem Monitoren so richtig in den Bauch, und du tauchst ein in diesen Fluss, in den Flow, in dem dein Mund einfach nur auf- und zugeht und Worte herausfallen. Du kannst richtig spüren, wie dein Gehirn sich einzig und allein darauf konzentriert, den perfekten Reim, die perfekte Zeile butterweich auf den Takt zu legen, um fünf, zehn Minuten am Stück einen völlig schlüssigen Text spontan zu erschaffen, den es nie mehr geben wird, der nur jetzt in diesem Augenblick existiert. Wer schon einmal Teil einer wirklich guten Jam-Session war, weiß, welches Gefühl ich meine. Das Gefühl, Teil der Musik, ja das Instrument selbst zu sein und einfach diesen dicken, fetten Musenschmatz zu spüren. Mein Instrument ist mein Mundwerk, und es wahrhaft großartig, wenn man nur mehr kreative Stimme ist! Die Leute, die dir zuhören, gehen in die Knie vor dir, weil gerade die Symbiose von Stimme und Stimmung, von Schöpfung und Augenblick stattgefunden hat und du selbst warst es, der das vollbracht hat – unbeschreiblich geil! Natürlich ist das längst nicht immer so, jedenfalls nicht bei mir. Zum einen, weil HipHopper an sich zu cool sind, um wirklich auf die Knie zu gehen, zum anderen, weil es auch wirklich ideal laufen muss, damit das alles auch tatsächlich so passiert wie gerade beschrieben. Ich muss locker sein, aber nicht zu sehr, denn eine Grundanspannung sollte man immer behalten. Die Anspannung ist der Knoten, der platzen kann. Selbstverständlich muss ich Lust haben zu freestylen und ich muss eine gewisse Emotionalität aufbauen. Ob albern, ob liebestrunken, ob selbstbewusst – völlig egal, Hauptsache ich spüre etwas Bestimmtes bewusst. Und, am aller wichtigsten: Ich muss das Geschehen um mich herum, die Blicke die auf mir liegen und die Ohren die auf mich hören, ausblenden können. Schließlich übertrage ich beim Freestyle meine Gedanken direkt an die Außenwelt. Die sind vielleicht nicht inhaltlich privat oder gar peinlich und wahrscheinlich nehmen die meisten Zuhörer nicht wahr, dass ich mein Inneres nach außen kehre, aber diese Gedanken sind eben doch intim. Man überlegt nicht, was man sagt. Man spricht den Gedanken direkt aus, ohne rationale Überlegung, ohne abzuwägen, die einzigen Prämissen sind Rhyme und Flow. „Solides Mittelmaß“ war Jans Kommentar, auf meine Performance in Runde Drei. Damit hat er recht gehabt. Umgeben von einem Kamerateam, mitten im Großraumbüro der jetzt.de-Redaktion, und nachdem ich es mit drei Stunden Verspätung endlich geschafft hatte, eine stabile Verbindung aufzubauen, bei der alles funktionierte, außer der Bildübertragung, nachdem ich mir aussuchen konnte, ob ich über Harry Potter, den FC Bayern oder über Weiß-ich-nicht-mehr rappe und das ganze dann auch noch a capella passieren sollte, war einfach nicht mehr drin als solides Mittelmaß. Meine Inspiration war irgendwo in der Nähe des Erdmittelpunktes zu suchen, das einzige was ich an Emotionalität gespürt habe war: „Was zur Hölle soll ich mit den Themen anfangen!?“, aber über Ratlosigkeit sollte ich ja nicht rappen … Zu guter letzt ging da nix mit ausblenden, denn hinter irgendwelcher Musik konnte ich mich nicht verstecken und überhaupt war ich viel zu unentspannt. Schon während ich die ersten Worte aussprach, und irgendwas über Frank Ribéry und den FC St. Pauli faselte, war mir klar, dass das nichts wird mit dem Glanzpunkt. Keine Backstagepässe, kein Exclusive-Beat mit dem man sich promoten könnte. Das sollen keine Ausreden sein. Ich war wack und, was mich viel mehr nervt, ich war unprofessionell. Deshalb werde ich heute Abend gleich auf die nächstbeste Open-Mic-Session rennen, und dort werde ich dann entweder brennen, oder endgültig aufhören mit Rap! Wobei, das hab ich schon mehr als einmal gesagt, und dann war da wieder dieser Augenblick, diese 16 Zeilen die besser waren, als alles was ich je zuvor ausgespuckt habe … Nee, nee, nee, ich werde garantiert nicht aufhören mit Rap, ich werde einfach wann anders glänzen!

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