In meinem Eisblock gefangen

Unser Autor hat Angst vor zuviel körperlicher Nähe - auf einer Kuschelparty versuchte er eine Therapie.
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Rolf ist Anfang Vierzig. Er trägt Halbglatze, ist stark behaart. Mit geschlossenen Augen soll ich seinen Körper ertasten. Mich fröstelt, als er mich berührt, mit den Fingerspitzen über meine Brust hinauf zu den Schultern gleitet. Voll Scham berühre ich Rolfs Hände, die haarigen Unterarme. Ich schwitze. Ich hasse Nähe. Aber darum geht es ja hier: Ich bin auf einer Kuschelparty.

München, Truderinger Straße. Es ist Freitagabend, kurz vor halb acht. Ich stehe vor einem Tanzstudio im Hinterhof eines Industriegebiets. Es ist finster und kalt, meine Hände sind feucht. Ein paar Minuten zögere ich, dann gehe ich hinein. Im Flur treffe ich auf eine Dame, Mitte Vierzig. Sie ist brünett und trägt Strickjacke. Mit dem autoritären Blick einer Klofrau schaut sie hinter einem Plastiktisch hervor. Als ich näher trete, hellt sich ihre Miene auf. „Zur Kuschelparty?“, fragt sie. Ich höre Mitleid in ihrer Stimme, das macht mir Angst. Widerwillig zahle ich zwanzig Euro. Die Brünette heftet mir ein Namensschild an die Brust. „Andreas“ steht darauf geschrieben.

Der Boden des Tanzsaals ist zur Hälfte mit Gymnastikmatten bedeckt. Bunte Lichterketten erinnern an ein Striplokal, durchs Fenster fällt die grelle Nachtbeleuchtung einer Esso-Tankstelle. Die Matten sind mit bordeauxrotem Stoff bezogen, aus den Lautsprechern der Stereoanlage fließt weicher Latino-Pop. Um mich herum unterhalten sich etwa zwanzig Menschen in Leggins und Jogginghosen, die meisten scheinen sich zu kennen. Ich bin neu hier, trage Jeans und stehe im Abseits.

Manche sagen, ich sei distanziert. Andere nennen mich einen Eisblock. Die Wahrheit ist: Ich habe Angst vor Nähe. Ich kriege Schweißausbrüche, wenn ein Fremder im Aufzug dicht hinter mir steht. Herzklopfen, wenn ich den Atem eines Unbekannten im Nacken spüre. Die Kuschelparty wird mich therapieren, mein Gefühl für Nähe stärken. So steht es auf der Homepages des Veranstalters.



Binnen kurzer Zeit füllt sich der Saal. Bass hämmert aus den Boxen, jemand hat die Stereoanlage laut aufgedreht: Dr. Alban, „Sing Hallelujah“. Aufwärmphase: Manche tanzen, andere machen seltsame Bewegungen zum Takt der Musik. Mir ist heiß, ich verschwinde hinter einem Tisch mit Getränkekartons und Pappbechern. Dr. Alban und der Geschmack von lauwarmem Orangensaft erinnern mich an wilde Feiern in Party-Kellern meiner Schulfreunde – damals in der fünften Klasse. Arme und Beine fliegen jetzt durch den Saal, ein Mittfünfziger mit hölzernem Hüftschwung winkt, will mich zum Tanzen animieren. Ich deute entschuldigend auf den Becher in meiner rechten Hand, versuche zu lächeln.

Countrymusik, ein Banjo erklingt. Der Mittfünfziger hakt sich unsanft ein, wirbelt mich im Kreis herum. Kurz danach finde ich mich in einer Polonaise wieder. Ich grinse angestrengt, bin wehrlos. Die Gruppenleiterin möchte, dass die Polonaise zum Massagekreis wird. Sie ist winzig, trägt ein türkisfarbenes Kleid und nennt sich selbst „Trainerin“. Sie dreht die Musik leiser, Enya singt jetzt „Only Time“. Etwa dreißig Menschen stehen hintereinander in einem Kreis, massieren sich gegenseitig. Mechanisch streichle ich einen fleischigen Nacken, über meinen Hinterkopf gleiten lange Fingernägel. Ich kriege Gänsehaut.

Nächste Aufwärmübung. Bei der Partnerwahl zögere ich zu lange, stehe wieder allein da – bis der haarige Rolf kommt. Mit geschlossenen Augen sollen wir uns gegenseitig ertasten. Ich beobachte Rolf, wie er mit den Händen über meine Brust streicht. Er lächelt zufrieden.

Pause. Die Gruppenleiterin reicht Frischkäse-Schnittchen und Sekt in Pappbechern. Der Sekt steigt mir zu Kopf, ich lasse mir rasch nachschenken und trinke hastig. Eine Dame mit buntem Schal prostet mir zu, rückt an mich heran. Sie fragt, ob ich aufgeregt sei, so kurz vor der eigentlichen Kuschelphase. Ich nicke stumm und lasse mir ein drittes Mal Sekt einschenken.

Wenig später liege ich im Arm einer zierlichen Frau mit Kurzhaarschnitt. Auf den Matten um mich herum ist ein unruhiges Menschenknäuel entstanden, neben mir liegt Jörg in Embryonalstellung. Die Frau mit den kurzen Haaren drückt mir ihren Busen in den Rücken, spielt an meinem Ohr. Ich werde müde und schließe die Augen, der Sekt tut sein übriges dazu.

Nach einer halben Stunde wache ich auf. Die Frau mit den kurzen Haaren liegt jetzt in Jörgs Arm, überall haben sich Paare gebildet, die sich streicheln, manche knutschen. Mir ist plötzlich kalt, ich kriege Herzklopfen. Ich will hier raus. Keiner bemerkt, als ich den Raum verlasse und die Tür leise schließe.

Eine halbe Stunde später sitze ich in der U-Bahn, fahre nach Hause. Eine rundliche Frau mit roten Haaren kommt auf mich zu, will sich zu mir setzen. Rasch nehme ich meine Tasche vom Schoß und besetze damit den Platz neben mir. Die Frau bleibt kurz stehen, geht dann kopfschüttelnd weiter. Ich bin ein Eisblock, an Nähe reicht es mir für heute.

Text: andreas-glas - Foto: photocase.de/grenzverkehr

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