„In zwanzig Jahren wird man sich denken: So war es 2008 jung zu sein!“

Mit der Tourdokumentation „A Cross The Universe“ will die französische Band Justice ihren eigenen Rock’n’Roll-Mythos erschaffen. Ein Treffen mit Xavier de Rosnay und Gaspard Augé.
xifan-yang

Es ist Mitternacht in Las Vegas. Pinke Blumengirlanden aus Plastik baumeln von der Decke einer Heiratskapelle. Kerzen sorgen für die nötige Instantromantik. Gaspard Augé wankt und versucht, den Worten des Pfarrers zu folgen. Will er dieses Mädchen neben sich zu seiner angetrauten Ehefrau nehmen, in guten so wie in schlechten Zeiten? „Hein?!“ Auf den hinteren Plätzen prustet es los. Xavier de Rosnay fällt vor Lachen fast auf den Boden. Gaspard hält inne. Er schaut auf die halbleere Wodkaflasche in seiner Hand. Gluckgluck. Schnitt. Irgendwo in Suburbia, auf dem Parkplatz vor einer Mehrzweckhalle. Drinnen warten bereits mehrere tausend Menschen. Ein Hasenkostüm und zwei Nackte flitzen vorbei. Der Tourmanager trägt eine Kiste mit Waffen in den Backstageraum. Gaspard und Xavier stehen vor dem Hintereingang rum und rauchen. Plötzlich wird es laut. Ein Unbekannter rennt auf sie zu, Wortgefechte, Faustschläge folgen. Jemand nimmt eine Bierflasche und zielt damit auf den Fremden. Sirenen, Polizeiwagen. Schnitt. Xavier blutet, die ganze Innenfläche seiner rechten Hand ist von einer tiefroten Lache überzogen. Egal. Zusammen mit Gaspard geht er Richtung Bühne. Kurz bevor der Vorhang aufgeht bleiben sie stehen. Xavier hält den Kreuzanhänger seiner Kette hoch, er und Gaspard küssen sich auf den Mund, zwischen ihren Lippen das Kreuz. Applaus brandet auf. Als das Licht auf der Bühne angeht, breitet Gaspard seine Arme aus. Wie Jesus. Groupie-Hochzeit a la Justice:

Berlin Mitte, eine kleine Tagesbar am Hackeschen Markt. Da sitzen sie nun und reden über ihren neuen Film, die Tourdokumentation „A Cross The Universe“, die vor einigen Wochen erschienen ist. 18 Monate seit Veröffentlichung ihres Debüts „Cross“ waren Justice rund um die Welt auf Tour. Regisseur Romain Gavras, Sohn des legendären Filmemachers Constantin Costa-Gavras und So-Me, Art Director von Ed Banger, begleiteten Gaspard und Xavier mit der Kamera auf ihrer Reise durch Amerika, angefangen im staubigen Texas, über das verschneite Montreal im Norden bis an die Westküste nach Seattle. Der seit Monaten durch die Blogosphäre geisternde Trailer hatte nicht zuviel versprochen. Justice deklinieren sich einmal durch das gesamte A bis Z-Verhaltensrepertoires des Rock’n’Roll. Man sieht viele Groupies, die obligatorische Gewaltsimulation und Popstars, die ihre Notdurft überall verrichten – oder, um den Pressezettel zu zitieren, „surreale, abscheuliche und paranormale“ Dinge, die eben so passieren, „wenn eine Horde von Fröschen in Amerika landet.“ Frosch Nummer eins kratzt sich am Kinn, Nummer zwei zieht eine abwesende Grimasse. Spontane Assoziation: Da sitzen ein Welpe und ein Pornodarsteller aus den 70er Jahren. Einer putzig, einer grimmig. Was ist aus seiner frisch Angetrauten aus Las Vegas geworden? Gaspard der Grimmige, 29 Jahre alt, zuckt mit den Schultern. „Ich habe sie nie wieder gesehen.“ Weiter zu dem Putzigen - Xavier, 26 Jahre alt. Er ist winzig (höchstens 1,70 m) und hat riesige Knopfaugen. Schon wieder hat er seine schwarze Lederjacke an, überhaupt sieht man ihn auf allen Fotos, in allen Interviews und auf allen Auftritten nur mit dieser Lederjacke. Ob die wohl stinkt? Unwahrscheinlich, denn sowohl Gaspard als auch Xavier haben offenbar eine gute Kinderstube genossen. Da sitzen sie also, die Rebellen der elektronischen Musik. Es sind zwei sehr höfliche und aufmerksame Rebellen. Warum dann diese Aggression, diese Zerstörungswut?

Es fing in der Pariser Vorstadt an. Nicht in jenen Stadtteilen, in denen regelmäßig Autos brennen, sondern in den beschaulicheren Vororten der französischen Hauptstadt, ganz weit weg von der „Banlieue“. Xaviers Mutter ist Zahnärztin, sein Vater arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus. Gaspard kommt aus einer klassischen Bohème-Familie. Seine Mutter ist Kuratorin in einem Kunstmuseum, sein Vater Schauspieler. Nach Baseballschlägern und „Stress“ hört sich das weniger an. „Wir fanden es lustig mit anzusehen, wie viele Deppen in Frankreich wegen dieses Videos ausgerastet sind“, sagt Xavier über das Skandalvideo des Frühjahrs, in dem eine Banlieu-Clique randalierend und prügelnd durch die Pariser Innenstadt ziehen. Die Ausstrahlung des Musikclips, für den ebenfalls Romain Gavras als Regisseur verantwortlich zeichnet, wurde von allen französischen Fernsehsendern boykottiert. Auf YouTube war es umso erfolgreicher, was erwartungsgemäß Eltern wie Jugendschützer aufbrachte, oder wie man sagt, „alarmierte“. Lächerlich, findet Xavier. Es sei doch nur ein Video: „Ja, der Clip ist gewalttätig und stressig. Es soll die aggressive Stimmung des Songs ästhetisch widerspiegeln. Das ist alles.“ Man hätte es genauso gut mit Rednecks aus Texas drehen können. Allerdings hätten die Jugendlichen aus der Banlieue einfach „besser dazu gepasst.“ Wer sei denn überhaupt so blöd, von einem Musikvideo Rückschlüsse auf die Realität zu ziehen: „Wir sagen nicht, ob es gut oder schlecht ist, was die Jugendlichen in dem Video machen. Wir sagen nicht mal, dass es wahr ist.“ Egal, irgendwann werde man sich sagen, dass „Stress“ eines der besten Musikvideos des Jahrzehnts gewesen sei. Gaspard und Xavier hatten genau den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Den ewiggleichen Rumpelrock der „The“-Bands konnte niemand mehr hören und Techno bewegte sich seit Jahren nicht von der Stelle. Minimal Techno aus Berlin dominierte weltweit die Tanzflächen. Ed Banger und allen voran der vor nichts Halt machende Sound von Justice kamen da wie ein Befreiungsschlag: Wir scheißen auf Reinheitsgebot und Szenenetikette, war die Botschaft aus Paris. Uns ist nichts zu peinlich, um es nicht auf einer Party zu spielen, nicht mal Judas Priest und „La Boum“ hintereinander. Gleichzeitig sprossen fast täglich gleich gesinnte Bands wie Boyz Noize und Digitalism aus dem Boden. In ehemals reinen Techno-Clubs wurden Stroboskoplichter durch Konzertscheinwerfer ersetzt, DJ-Pulte wurden zur Bühne ausgebaut. Der Moshpit war im Rave angekommen. Vielen aus der alteingesessenen Elektroszene war das zuviel Stumpfsinn auf einmal. Xavier lehnt sich vor, die Knopfaugen weiten sich: „Wir haben immer gesagt, dass wir nicht die Absicht hatten, irgendwas revolutionieren zu wollen.“ Intelligente elektronische Musik? Alles Bullshit: „Wenn du in einen Club gehst um zu tanzen, willst du nicht schlau sein. Du willst dabei nicht mal schlau aussehen.“ Musik zu produzieren basiere im Grunde auf einem simplen Reiz-Reaktions-Schema. „Es ist, wie auf einen Knopf zu drücken. Musik muss unmittelbare Gefühle erzeugen. Gute Laune oder schlechte Laune. Glück oder Trauer. Lust auf Party oder Lust auf Schlägerei. So einfach ist das.“ Xavier beendet Erklärungen gerne mit „So einfach ist das.“ Jedes Mal, wenn er dass sagt, nickt Gaspard der Grimmige. Dann Pause. Mehr von "A Cross The Universe":

Für Pedro Winter, Ed Banger-Chef und ehemaliger Manager von Daft Punk, sind Justice das Beste, was dem Label je passieren konnte. Sie sind das Zugpferd der Firma, die wie ein Familienclan funktioniert, in dem jeder seine bestimmte Rolle zu erfüllen hat. Pedro Winter alias Busy P spielt den Familienvater, Mr. Oizo den erfahrenen Techno-Onkel, die 20-jährige Uffie aus Miami die kleine sexy Schwester und DJ Mehdi den B-Boy-Bruder mit Migrationshintergrund. Xavier und Gaspard erfüllen die Rolle der erfolgreichen Draufgängerjungs. Wie in Hiphop-Cliquen gibt bei es Ed Banger eine Art unsichtbaren Gruppenkodex, der aus einzelnen Musikern ein großes Partykollektiv formt und ein Plattenlabel zu einer Lifestylemarke werden ließ, das neben Musik auch von den Familienmitgliedern designte Sneaker und Kopfhörer (die so genannten „Ed Phones“) vertreibt. Justice sind Internetkinder der zweiten Generation. Während der Legende nach für Lily Allen oder die Arctic Monkeys noch MySpace der wichtigste Erfolgskatalysator war, wurde die internationale Karriere von Justice als eine der ersten maßgeblich von MP3-Blogs vorangetrieben. Der Werdegang von Justice ist exemplarisch für den Aufstieg vieler Elektrokünstler der letzten Zeit, die sich zunächst mit Remixen anderer Bands eine gewisse Blogpräsenz verschaffen, und erst mit steigender Bekanntheit Plattenvertrag und Eigenproduktionen in Angriff nehmen. Die Sternstunde von Xavier und Gaspard schlug 2003, als sie anlässlich eines Remix-Wettbewerb aus dem „Never Be Alone“, dem Original der britischen Band Simian, das Partyphänomen „We are your friends“ machten, eine Hymne gewordene Stimmungskanone, die auch fünf Jahre später immer noch von keiner Party wegzudenken ist, egal ob im Indie-Club oder in der Großraumdisse. „Unsere Dokumentation zeigt nur Dinge, die ästhetisch sind“, erklärt Xavier. Deshalb sieht man im ganzen Film keine Drogen. Fertige Drogenopfer seien eben nicht sehr ansehnlich: „Wir wollen auf keinen Fall so enden wie Pete Doherty, was würden überhaupt unsere Eltern und Freunde denken?“ Heißt das, Justice sind im privaten Leben Langweiler? „Wie wir uns in der Doku aufführen, das sind nicht wir. Das sind Rollen, mit denen wir die Leute unterhalten wollen.“ Gaspard wacht aus seinem Dämmerzustand auf. Er winkt ab: „Rock’n’Roll ist immer eine Illusion gewesen. Jungsein bedeutet heute, sich selbst mit allen erdenklichen Mitteln zu feiern. Wir leben in einer hedonistischen Zeit, wie in den 70ern und 80ern, nur mit anderen Klamotten und anderer Musik.“ Das gelte jedoch nur für das Wochenende. Unter der Woche würden die allermeisten ein angepasstes Leben führen. „Wir betrachten die 70er heute als ein Jahrzehnt ausufernder Lebensexperimente. Dieser Eindruck ist verfälscht. Wir haben doch keine Ahnung, was damals passiert ist. Oder nimm die 80er. Damals gab es Dokumentationen wie 24 Hours Party People. In Wirklichkeit war es nur ein kleiner Teil, der so feierte.“ Über den großen Rest der Langweiler wisse man nichts: „Wir haben einfach akzeptiert, was man uns aus dieser Zeit an Bildern und Filmen hinterlassen hat.“ „A Cross the Universe“ sei eben solch ein Zeitdokument: „In zehn bis zwanzig Jahren wird es lustig sein, sich diese verrückten Leute anzuschauen, die auf unseren Konzerten austicken. Und dann wird man sich denken: Hey, so war es 2008!“ So wie im Film müsse es ja gar nicht gewesen sein. Angeblich ist Xavier wirklich verheiratet, mit einer 35-jährigen Schwedin. Er will irgendwann mit ihr in einer entlegenen Waldhütte leben und dort Kinder großziehen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Vielleicht kann man den Erfolg von Ed Banger und Justice ganz einfach erklären: Sie bedienen sich von allem und von nichts. Die glorifizierende Bildsprache des Rock’n’Roll macht man sich ebenso zueigen wie die Vermarktungsstrategien des Hiphop. Die Künstler bei Ed Banger beherrschen die Coolnesscodes der Subkultur genauso gut wie den großkotzigen Auftritt des Mainstreams. Blickt man hinter die gelungen inszenierte Kulisse erwartet einen: Gähnende Inhaltsleere. So wie eine Bühnenshow von Justice immer zwischen Erlösung und Negation laviert, ist das Image, mit dem sie spielen: Explizit und nichtssagend. Hinterlassen wird ein flexibles Vakuum mit der coolstmöglichen Ästhetik. Spätabends tritt fast die gesamte Ed Banger-Posse anlässlich der Film-Veröffentlichung im Club Maria am Berliner Ostbahnhof auf. Justice spielen „No Diggity“ von Blackstreet, danach ihren eigenen Song „Waters of Nazareth“. Die Bässe sind so laut, dass man sich fast auf dem Konzert einer Grindcore-Band wähnt. Erhöhter Shutter Shade-Alarm auf der Tanzfläche. Ein paar sehr junge Gäste tragen die Lederjacken mit dem Kreuzlogo aus dem „Stress“-Video. Man fühlt sich wie auf der Hauptversammlung einer neonfarbenen Version der Turbojugend. Gaspard Augé kommt die Bühne runter. Eine Mädchentraube wartet unten an der Treppe. Eine aus der Gruppe zückt ihre Digitalkamera, sie will ein Foto. Gaspard stellt sich apathisch dazu. Auf seinem T-Shirt steht: „I’m a temporary success.“

  • teilen
  • schließen