Inside Iran (I): Heilige und Hooligans - ein Stadionbesuch in Teheran

Auf der Achse des Bösen steht der Iran ganz oben: Das Land gilt als Paradebeispiel einer radikalen Theokratie, in der Mullahs alles Leben lenken. Wie sieht es aber im Land wirklich aus? Florian Grosser und Georg Fahrion haben den Iran bereist. Auf jetzt.de berichten sie in einer vierteiligen Serie von ihren Erlebnissen.
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Freitagabend in Teheran. Mit Kinos, Bars, Theatern und Clubs stehen uns die zu Hause gängigsten Optionen für diese Zeit der Woche nicht offen. Ist im Iran denn eigentlich gar nichts erlaubt, was Spaß macht!? Doch: Fußball ist erlaubt! Wie unschwer in Erfahrung zu bringen ist, spielt heute einer der Traditionsklubs des Landes. In Richtung Azadi-Stadion, zum Spiel des Clubs „Esteghlal Teheran“, wälzt sich vielspurig der Verkehr. Unser Taxifahrer Mohammed liebt Fußball, hasst Ahmadinedjad und hat am Steuer die Ruhe weg. Als er die richtige Ausfahrt verpasst, legt er seelenruhig den Rückwärtsgang ein, um auf der Stadtautobahn zurückzusetzen. Mofas und Mehrtonner brettern gefährlich nah an unserem rostigen Wagen aus einheimischer Produktion vorbei. Dann haben wir es geschafft, nehmen die eben versäumte Abzweigung und erreichen kurz darauf die gewaltige Betonschüssel.

Steht auf, wenn ihr für Esteghlal seid: Im Stadion von Teheran Bild: georg-fahrion Umgerechnet 50 Cent kostet der Eintritt ins Vergnügen, nummerierte Sitze gibt es nicht. In den Gängen unter den Tribünen wird Tee ausgeschenkt. Wer etwas für die Seele tun, göttlichen Beistand oder auch nur Beruhigung erbitten möchte vor nervenaufreibenden 90 Minuten, kann dies im Gebetsraum tun. Unter neugieriger Beobachtung der Esteghlal-Fans nehmen wir Platz im zur Hälfte gefüllten Rund, inmitten von 40 000 Männern. Die Gegenwart von Frauen ist im Gottesstaat unerwünscht, wenn Männer Sport treiben. Nach einigen lobenden Worten über die iranischen Bundesliga-Spieler Hashemian, Mahdavikia und Karimi ist die Fankurve bereit, uns zu adoptieren. Schnell werden wir von unseren Sitznachbarn mit Tee und Fanartikeln in Esteghlal-Blau ausgestattet. Noch ehe der Anpfiff ertönt, gibt es Aufregung. Ein Zuschauer ist vom ungesicherten Oberrang auf die untere Tribüne gestürzt. „Sieht ganz so aus, als wäre der tot“, meint ein Sitznachbar ungerührt. Spätestens jetzt ist klar, dass ein Stadionbesuch im Iran ein weniger kalkulierbares Vergnügen ist als in Zentraleuropa, wo familienfreundliche Hochsicherheitsarenen wie Pilze aus dem Boden schießen. Tatsächlich sind erst 2005 nach einem WM-Qualifikationsspiel sieben Zuschauer beim Verlassen des Azadi-Stadions in einer Massenpanik zu Tode gekommen. Unter dem Jubel der Fanscharen laufen die Helden schließlich ein. Gegner ist heute Mes Kerman, ein Team aus der Provinz. „Zu denen gibt es eigentlich nichts zu sagen“, meint der Emotionslose von eben, „die sind nur hier, um zu verlieren.“ Vor Anpfiff muss noch gemeinsam gebetet und die Nationalhymne gesungen werden. Schließlich betrachtet Ayatollah Khomeini das Geschehen mit gestrengem Blick von einem überlebensgroßen Plakat über der Haupttribüne. Sportlich hat die erste Halbzeit kaum etwas zu bieten. Einsamer und zweifelhafter Höhepunkt bleibt ein kläglich verschossener Elfmeter. Enttäuscht und leise fluchend löschen die Zuschauer die Kurzfilme des Fehlschusses von ihren Fotohandys, die sie eben noch in freudiger Erwartung des vermeintlich sicheren Torjubels in die Höhe gereckt haben. In der Pause ist Zeit für einen weiteren Tee. Stärkung ist nötig, denn die halbzeitliche Völkerwanderung ist eine physische Herausforderung. Da alle die erwarteten Esteghlal-Tore aus der Nähe erleben möchten, ziehen die Fans in die gegenüberliegende Kurve um, die während der ersten Hälfte leer geblieben ist. Die Gänge im Stadioninneren sind derart mit Menschen verstopft, dass viele eine Abkürzung nehmen: Verlässt man das Stadion, kann der obere Rang zügig über die gewölbte Außenwand erklommen werden... Und dann fällt es, das erste Tor. Ausgerechnet die Gäste haben getroffen. Die blauen Scharen werden missmutig, erste Pfiffe sind zu hören, und Väter erklären ihren Söhnen, dass die talentfreien Großverdiener die kindliche Zuneigung gar nicht wert sind. In ihrem Frust über den Spielstand wollen ein paar pubertierende Jungs ihre Weltgewandtheit demonstrieren und geben ihre Rudimentärkenntnisse englischer Fäkalausdrücke zum Besten. Plötzlich steht es 1:1. Eine weite Flanke hat sich in den Gästestrafraum verirrt, und einem Esteghlal-Angreifer ist es gelungen, den Ball über die Linie zu drücken. Großer Jubel auf den Rängen. Zu einem Sieg gegen den Underdog reicht es allerdings nicht mehr. Beim Schusspfiff ertönt eine unentschlossene Mischung aus Pfeifen und Klatschen. Es ist Freitagabend in Teheran, noch nicht einmal zehn Uhr. Nicht nur uns scheint der Gedanke zu missfallen, dass ein mittelmäßiges Gekicke bereits das gesamte Entertainment gewesen sein soll. Wie man sich dann allerdings zur ausstehenden Portion Aufregung verhilft, ist reichlich unkonventionell: Der Weg zu den bereitstehenden Bussen artet in eine einzige Rangelei aus. Endlich sind auch wir, stolpernd und stoßend, bis ins Innere eines der alten Mercedes-Ungetüme vorgedrungen. Doch als dann etwa 15 Halbstarke damit beginnen, den Bus mitten auf dem Highway durch Tritte gegen die Fensterscheiben zu entglasen, nimmt ein unerhörter Gedanke Gestalt an: Wäre es vielleicht klüger gewesen, einmal der Langeweile Raum zu geben und nach ein, zwei Stündchen in der Teestube schlafen zu gehen?

Text: florian-grosser - und georg-fahrion

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