Inside Iran (II): Teheran Taxi - mit Vollgas unterwegs auf iranischen Straßen

Auf der Achse des Bösen steht der Iran ganz oben: Das Land gilt als Paradebeispiel einer radikalen Theokratie, in der Mullahs alles Leben lenken. Wie sieht es aber im Land wirklich aus? Florian Grosser und Georg Fahrion haben den Iran bereist. Auf jetzt.de berichten sie in einer vierteiligen Serie von ihren Erlebnissen.
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Das Ticket heraus aus dem stadtgewordenen Alptraum ist gekauft. Ein Nachmittag noch bis der Zug abfährt, bis ich Teheran endlich verlasse. Zeit genug, um der gesichtlosen Stadt eine letzte Chance zu geben. Um doch noch irgendetwas Charmantes zu entdecken im grauen Millionen-Moloch. Vielleicht kann mir der Herr der Zeit dabei helfen. Valiasr, Herr der Zeit, so heißt die größte Straße der iranischen Hauptstadt. Gleich vor dem Bahnhof im Süden entspringt sie und führt stetig steigend auf das im Norden der Stadt liegende Elburs-Gebirge zu, das über der Dunstglocke des heißen Mittags schwebt. „Taxi, Mister?“, deutet ein kleiner Mann, Schurbart und schwarze Kappe, meinen sehnsüchtigen Blick dorthin richtig und führt mich zu seinem Motorrad. Schwarzer Süden Stotternd springt die Maschine des Kappenträgers an. Helmträger will er nicht sein, und auch dem Fahrgast wird der am Lenker baumelnde Kopfschutz, Security steht darauf, nicht angeboten. Links und rechts der Valiasr kleine Läden, die Telefonzubehör, Gemüse, Rasuren anbieten. Häuser mit selten mehr als zwei Stockwerken, noch seltener verputzt. An diesem Freitag im Ramadan sind die löchrigen Bürgersteige schwarz. Den Tschador mit den Zähnen zusammenhaltend, bugsieren die Frauen des Viertels ihre Wochenendeinkäufe nach Hause. Bazar, Khomeini-Moschee und Khomeini-Platz lassen wir rechts liegen, kommen an die Kreuzung von Valiasr und Khomeini-Straße. Süd-Teheran ist religiös dominiert, und dessen Bewohner verehren den von zahllosen Wandgemälden starrenden Revolutionsführer auch achtzehn Jahre nach seinem Tod noch vorbehaltlos.

Der Revolutionsführer ist überall: Ein Wandgemälde mit dem Konterfei Khomeinis. Bild: georg-fahrion Die Ampel steht auf rot und die nordwärts gerichtete motorisierte Karawane hätte, das zeigt eine digitale Uhr, 20 Sekunden auf die Erlaubnis zum Weiterfahren zu warten. Doch zucken nervöse Füße schon bei 17, 16, 15 auf Gaspedale, so dass der Süd-Nord-Strom sich zu früh nach vorne wälzt und sich hoffnungslos in den aus Westen kommenden verkeilt. Außer hupenden Händen bewegt sich nichts mehr. Blech auf Asphalt: Ein Standbild aus in der Hitze flimmernden Kraftfahrzeugen. „Salam“, grüßt ein Bub durchs offene Fenster des väterlichen Wagens, in den, so eng ist es, mein Knie hineinragt. Fremde Außenspiegel verbiegend, schiebt der Fahrer Maschine und mich in den Gegenverkehr. Die Verwünschungen der Spiegelbesitzer in unserem Rücken werden schnell leiser, als die Tour auf der falschen Straßenseite ihre Fortsetzung findet. Endstation dann an der Enqelab, der Revolutions-Straße. Der Motor des alten Gefährts ist zu keinen Zugeständnissen mehr bereit. Überrascht gestehe ich mir ein, dass Teheran aus der Motorradsattel-Perspektive Spaß macht. Geisterfahrer, dreispurig Die nächste zweirädrige Mitfahrgelegenheit nordwärts stellt sich brüllend vor: „Vahid mein Name“. Statt eines Helmes trägt er Kopfhörer. Ein voll aufgedrehter Mp3-Player ist sein Mittel gegen den Verkehrslärm, Schalmeienklänge sind im Fahrpreis inbegriffen. Was Gegenverkehr ist, weiß Vahid nicht. Nach einigen Fast-Kollisionen mit entgegenkommenden Autos beschließe ich, beim nächsten Stop abzusteigen. Aber angehalten wird nicht. Auch als auf den für uns vorgesehenen Spuren resigniert aus Autos gestiegen, Gymnastik gemacht, Ölstand kontrolliert wird, hat Vahid mit Stillstand nichts am Hut. Frohgemut rast er auf einen antiken Mercedes-Laster zu. Der rostige Stern auf der Motorhaube fliegt uns entgegen, doch mein Chauffeur hat die Kontrolle nicht verloren: Kurze Gewichtsverlagerung – und das Hindernis ist nicht länger eines.

Teheran Taxi: Ein Moped Bild: florian-grosser Langsam verliere ich das Bewusstsein für mein Geisterfahrdasein. Vielleicht ist es ja plausibel anzunehmen, dass uns die Geisterfahrer dreispurig entgegenkommen? Jedenfalls hat sich das Straßenbild verändert, seit ich zuletzt darauf geachtet habe. Möbelgeschäfte und Banken in mehrstöckigen Gebäuden. Und Bäume zu beiden Seite der Valiasr. Nur der Verkehr ist der alte. Da jetzt auch nach Süden Stau ist, bleibt Vahid nur der Bürgersteig, seinen Bewegungsdrang auszuleben. Kommentarlos verfolgen verdrießlich wiederkäuende Ziegen sein Treiben aus ihrem Gehege am Straßenrand. Schatten exklusiv Wir sind im Nordteil der Stadt, die Valiasr ist nun ein veritabler Boulevard. Die Luft ist frischer hier, sauberer. Im Schatten der Hochhäuser und Platanen ist die Fahrt der entspannte Gegenentwurf zur Hektik in Bahnhofs- und Bazarviertel. An den Steuern importierter Wägen und auf den Trottoirs bunte Kopftücher, die an weiblichen Hinterköpfen kleben. Den Blick freigeben auf viel blondiertes Haar. Tschadors sind keine zu sehen. Dafür Jeans, Kurzmäntel, hohe Absätze. Und Unmengen von bepflasterten Nasen. Die plastische Chirurgie boomt im Gottesstaat, in besseren Kreisen ist ein nose job als Statussymbol kaum zu überbieten. Special Invitees Arrivalis Welcom leuchtet es von einem umzäunten Fitnesscenter. Trotz orthografischer Mängel, die Botschaft ist klar: Nord-Teheran ist exklusives Terrain. Habitat der Reichen und Schönen, der westlich Orientierten. Und der Profiteure des Mullah-Regimes. Ahmadinedschad, heißt es, sei aus einem südlichen Viertel hierher gezogen, als er Präsident wurde. Am windschiefen Tajrish-Platz endet die Valiasr. Die Hausberge Teherans sind zum Greifen nah. 20 Kilometer hinter und 500 Höhenmeter unter mir liegt der Bahnhof. Zwischen ihm und mir eine Stadt, die ein Gesicht bekommen hat. Kein klassisch schönes. Ein zerfurchtes und leicht manisches, aber immerhin: Ein Charaktergesicht. ++++ Die erste Folge kannst du hier lesen.

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