Irgendwas mit Medien

Werbung? Journalismus? Marktforschung? PR? Viele, die nicht genau wissen, wo sie später hinwollen, studieren Kommunikations-wissenschaft - und werden enttäuscht.
christian-helten


Für mich kommt Jens Vogelgesangs Buch gut zehn Jahre zu spät. Vor zehn Jahren wusste ich, dass ich ein bisschen mit Sprache umgehen konnte und dass die Arbeit bei der Schüler- und bei der Abizeitung mir Spaß gemacht hatte. Ob ich Journalist werden wollte, wusste ich nicht. Die Werbebranche fand ich auch spannend, ebenso konnte ich mir vorstellen, später PR für irgendeine tolle Marke zu machen. Kurz: Ich war der klassische „Was mit Medien“-Typ – und begann, Kommunikationswissenschaft zu studieren.

Das wollen immer noch ziemlich viele Menschen. Die Nachfrage im Fach Kommunikationswissenschaft ist seit Jahren konstant hoch, die Unis bemühen sich, mehr Studenten zuzulassen. Trotzdem gehen viele leer aus: Vergangenen Sommer bewarben sich in München mehr als 2200 Studienanwärter für den Bachelor in Kommunikationswissenschaft. Es gab 234 freie Plätze. An anderen Instituten im deutschsprachigen Raum sah es ähnlich aus, auch an der Universität Hohenheim in Stuttgart, an der Jens Vogelgesang als wissenschaftlicher Mitarbeiter lehrt und forscht. Er hat vor kurzem ein Buch herausgebracht, einen Interviewband mit dem Titel "Kommunikationswissenschaft studieren". In 31 Interviews beantworten Professorinnen und Professoren Fragen, die ich mir vor zehn Jahren auch gestellt habe – oder hätte stellen sollen. Denn die Offenheit des Fachs Kommunikationswissenschaft bringt es nicht nur mit sich, dass sich wie ich damals viele davon angesprochen fühlen, die noch gar nicht so genau wissen, wohin die berufliche Reise später mal gehen soll. Sondern auch, dass viele enttäuscht werden, weil sie sich etwas anderes von ihrem Studium erwartet haben. Ich zum Beispiel war überrascht von dem mir ziemlich hoch erscheinenden Statistik-Anteil in München, und als langsam deutlich wurde, was ich später mal machen wollte, sah in manchen Seminaren kaum Bezug zu meinem Berufsziel.  

Das Buch ist eine Art "Frequently Asked Questions"-Sammlung, die helfen kann, solche Missverständnisse auszuräumen. Gleichzeitig gibt sie denjenigen, die bereits genauere Ziele haben, Hinweise, wie diese zu erreichen sind. „Im Grunde wollte ich mit dem Buch das Fach vorstellen“, sagt Vogelgesang. Er habe mit Kollegen an der Uni und auf Tagungen immer wieder dieselben Gespräche geführt. Darüber, welche Erwartungen die Studierenden an ihr Studium haben und welcher Grad an Selbstständigkeit in einem Fach notwendig ist, an dessen Ende ein so offenes Berufsfeld steht. „Ich hatte außerdem den Eindruck, dass wir den Studierenden vielleicht nicht genau sagen, was wir von ihnen verlangen. Das Buch ist auch ein Versuch, das expliziter zu machen.“

In einem Fach wie Medizin ist das Berufsziel relativ klar, und auch die Inhalte unterscheiden sich von Standort zu Standort nicht sonderlich. In der „Was mit Medien“-Welt ist das anders. Schon die Bezeichnung der Studiengänge ist von Stadt zu Stadt verschieden. In Passau studiert man „Medien und Kommunikation“, in München „Kommunikationswissenschaft und Medienforschung“, in Mainz einfach nur „Publizistik“ und in Dortmund oder Eichstätt „Journalistik“. Studienanfänger können mit solchen Labels oft nicht viel anfangen und wissen nicht, was sie bekommen. Was auf den ersten Blick verwirren mag, kann aber auch hilfreich sein. „Die Bezeichnungen deuten unterschiedliche Abstraktionsstufen an“, erklärt Vogelgesang. München biete einen breiteren Ansatz, ein Studiengang mit dem Titel „Journalistik“ hingegen sei schon relativ speziell. Wer schon weiß, ob er später zum Beispiel in der Marktforschung oder in der Unternehmenskommunikation arbeiten möchte, kann sich an den Namen also schon mal orientieren. Zusätzlich sollte man in den Modulhandbüchern der Studiengänge nachlesen, welche Schwerpunkte in den höheren Semestern möglich sind.

Vogelgesangs Buch ist ein guter Ratgeber für alle „Was mit Medien“-Menschen. In seinen Interviews erklärt er durch gezielte Fragen das Fach, vergisst aber nicht, andere Felder zu diskutieren, die für Uni-Neulinge interessant sein können. Es geht um die praktischen Fragen des Studiums (Wie hat ein gutes Referat auszusehen? Wie viel Zeitaufwand ist für die Nachbereitung von Vorlesungen nötig?) und generelle Fragen des Studentenlebens (Stress und Leistungsdruck, Nebenjobs und die Frage, ob man von zu Hause wegziehen oder lieber in der Nähe der Heimatstadt bleiben sollte). Schließlich muss man sich nicht nur für ein Studium und eine Richtung für das darauffolgende Berufsleben entscheiden, sondern sich auch außerhalb der Uni wohlfühlen.

Und falls man nach der Lektüre immer noch nicht sicher ist, wo es hingehen soll, ist das vielleicht auch nicht so schlimm. Als Jens Vogelgesang sich an der Freien Universität Berlin einschrieb, wusste er das nämlich auch noch nicht.

"Kommunikationswissenschaft studieren" von Jens Vogelgesang ist im Verlag für Sozialwissenschaften erschienen.




Text: christian-helten - Foto: kallejipp / photocase.com

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