Ist das echt?

Laien-Videos und -Fotos, wie derzeit von den Kämpfen in Syrien, bereichern täglich die Nachrichtensendungen. Wenn sie echt sind. Das festzustellen macht viel Arbeit. Aber es lohnt sich.
kathrin-hollmer

Vor einiger Zeit war es noch eine Sensation, heute ist es ganz normal, wenn in der "Tagesschau" wackelige, unscharfe Videos von Demonstranten eingeblendet werden und oben links im Bildschirm "Internet-Video" steht. Die Laien-Videos und -Fotos sind oft mit dem Handy aufgenommen und zeigen Demonstrationen, wie derzeit in Syrien oder Libyen. Vorbei an der Pressezensur werden die Bilder und Videos ins Netz gestellt und ergänzen - verpönter Bürgerjournalismus hin oder her - die Arbeit von Korrespondenten und Agenturen um wertvolle Informationen. Sofern sie echt sind. Sind sie das nicht, sind solche Fotos und Videos gefährliche Propagandawerkzeuge.  

Videos aus dem Internet ergänzen immer öfter die klassischen Nachrichten.

"Möglicherweise handelt es sich um gestellte Bilder, um interessengesteuerte Motive", sagte der n-tv-Chefredakteur Volker Wasmuth im Gespräch mit dem Online-Magazin "Medien Monitor". Der Sender verwendet gar kein Material von YouTube oder anderen Videoplattformen. Ganz anders die ARD: Dort nutzt man immer mehr Video- und Bildmaterial aus dem Internet. Um dieses Material zu finden und auszuschließen, zum Beispiel eine Fake-Video in den Nachrichten zu zeigen, gibt es seit April 2011 das "Content Center" unter der Leitung von Michael Wegener. Jeden Tag sichtet die Redaktion 50 bis 70 Videos. Was zur Nachrichtenlage passt, wird genauer untersucht.

Michael Wegener nennt das einen "Indizienprozess". Zuerst kommt die redaktionelle Verifizierung: "Wir fragen uns: Wann und wo soll das Video gemacht worden sein? Kann es wirklich schon heute entstanden sein? Ist die Skyline der Stadt zu erkennen?", zählt Michael Wegener auf. Die Redakteure vergleichen die Orte und Gebäude mit Fotos von Google Earth und mit Fotoagenturen und stellen sicher, dass es auch andere Quellen dazu gibt. Danach wird die Quelle verifiziert. "Wir sehen nach, wie lange es den Twitter-, Facebook- oder YouTube-Account schon gibt, wie viele Follower er hat, was in den Kommentaren steht. Manchmal haben wir auch schon mal zusammengearbeitet, das macht es leichter. Außerdem setzen wir uns mit demjenigen in Verbindung, auch um die Rechte am Material zu klären. Wir können nicht einfach ein Video von YouTube in den Nachrichten senden", sagt Michael Wegener.

Als nächstes nehmen die Redakteure Kontakt zu Experten auf, die sich vor Ort auskennen. "Das können Einheimische oder Korrespondenten sein, die die Sprache sprechen und uns sagen, was sie davon halten und ob sie schon etwas davon gehört haben." Am Schluss folgt noch eine technische Verifizierung. Mit verschiedenen Programmen überprüfen die Redakteure, ob das Material digital bearbeitet worden ist, etwa mit Photoshop, oder ob ein Video geschnitten ist.  

"Diese Indizien werden dann zusammengetragen und wir entscheiden, ob wir es für glaubwürdig halten", sagt Michael Wegener. Bis ein Video wirklich gesendet werden kann, dauert es etwa drei bis fünf Stunden. Trotz der gründlichen Recherche kann auch mal ein Fake-Video durchrutschen. "Im Februar gab es einen Korrespondentenbericht mit einem Video, in dem eine Person an einem Tag an einem Ort aufgetaucht ist und am Tag darauf ganz woanders", erzählt Michael Wegener, "Wir sagen das den Zuschauern aber auch ehrlich - das, was wir wissen, aber auch das, was wir nicht wissen. Auch die Einblendung 'Internet-Video' zeigt dem Zuschauer, dass das Material nicht aus einer herkömmlichen Nachrichtenquelle stammt."

Das alles ist viel Arbeit, dennoch sind die Informationen wichtig für die Nachrichten. "Das sehen wir zur Zeit vor allem an Syrien. Da gibt es keine unabhängigen Nachrichtenquellen, sondern nur das syrische Staatsfernsehen. Wir können unsere Informationen nicht nur von dieser einen Seite beziehen", sagt Michael Wegener. Das Content Center ist seiner Meinung nach ein wichtiges Rechercheinstitut. Neben der Verifizierung von Videos recherchieren die Redakteure, was an Bildern und Nachrichten in den sozialen Medien und auf Blogs passiert, besonders von Orten, aus denen der Sender kein eigenes Material von Korrespondenten hat. Wichtig ist für Michael Wegener auch, dass sie selbst ihre Social Media Accounts pflegen: "Man kriegt aus dem Internet nur etwas Relevantes heraus, wenn man etwas Relevantes hineingibt."

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