Daft Punk mit Pharrell Williams und dem Gitarristen Nile Rogers bei den MTV Video Music Awards 2013

Der Vorwurf ist extrem: „Get Lucky“, legen Blogger und Musikportale wie laut.de nahe, soll ein Plagiat sein: „DER Sommerhit des Jahres ‚Get Lucky’, der Daft Punk wohl einige Millionen reicher gemacht hat“, heißt es zum Beispiel auf blog.rebellen.info, „scheint komplett geklaut zu sein. Der Koreaner Zack Kim veröffentlichte 2011 den Track ‚Robot Dance’ auf der Videoplattform. Schaut, bzw hört man sich das Video an bleiben eigentlich keine Fragen offen. Aber hört selbst und bildet euch eure eigene Meinung:“  

http://www.youtube.com/watch?v=25vyzIkNNwE

Das ist Blödsinn – aber schwer zu erklären. Deshalb das Ergebnis gleich vorweg: „Ganz eindeutig nicht geklaut.“ Sagt Heiko Maus. Der Musikwissenschaftler erstellt in Plagiatsfragen Gutachten für Gerichte und berät Firmen in musikrechtlichen Fragen. Um zu erklären, warum das so ist, muss man etwas ausholen.

Denn der erste Eindruck erscheint freilich krass: Es klingt ja tatsächlich sehr ähnlich. Was da allerdings so ähnlich klingt, sind lediglich die Harmonien, die Akkorde also, die unter den Songs liegen. Wen es genau interessiert: h-moll, D-Dur, fis-moll und E-Dur. Oder, denn Gutachter messen das in Harmoniestufen, die I. (Tonika), III. (Dur-Parallele), V. (Dominante) und IV. (Subdominante) Stufe (wenn man annimmt, dass der Song in h-moll steht, was sich diskutieren ließe, hier aber nicht wichtig ist).

Entscheidend ist aber: Die Harmoniefolge ist so gebräuchlich, dass sie keinen urheberrechtlichen Schutz genießt. „Auf die benutzten Akkorde kann jeder Musiker kommen, der etwas Gitarre spielt“, so Maus. Geschützt würden deshalb hauptsächlich Melodien.  

Harmonien sind nur die Grammatik der Musik

Das hat rein praktische Gründe: Ließe sich eine derartige Akkordfolge nämlich schützen, gäbe es keine neuen Pop-Songs mehr – beziehungsweise hätte es sogar nie welche gegeben. Die Harmoniefolge I/VI/IV/V (also zum Beispiel C-Dur, a-moll, F-Dur, G-Dur) findet sich etwa in Ben E. Kings „Stand By Me“ genauso wie in Elton Johns „Crocodile Rock“, Green Days „Jesus of Suburbia“, in „Eternal Flame“ von The Bangles, „You Are Not Alone“ von Michael Jackson oder „Baby“ von Justin Bieber. Und in Millionen weiteren Stücken. Das wären alles Plagiate, hätte einer der Künstler die Akkorde für sich sichern können  

Wer kein Instrument spielt, stellt sich Harmonien zum Verständnis am besten vor wie Wortkombinationen beim Schreiben: Wer einen Satz baut wie „Draußen ist es kalt“, der hat freilich etwas erschaffen. Schützenswert ist es aber noch lange nicht, weil es allgemeingebräuchlich ist. Jeder, der sprechen kann, bekommt das hin. Für einen Roman, einen Zeitungstext, einen Blogeintrag oder einen Aphorismus braucht es ein echtes Thema, eine zündende Idee, eine echte Geschichte, muss aus den Wörtern etwas Eigenes geformt werden.

So ist es in der Musik auch: Das geniale Moment von "Get Lucky" liegt in der Melodie, in der Art, wie einer der ohrwurmigsten Refrains des Jahres entsteht, obwohl die Harmonien dieselben bleiben wie in der Strophe. Zack Kim gniedelt stattdessen nur sehr anstrengende Töne, die keinen echten Song ergeben. Die Harmonien, die er verwendet, sind lediglich Wörter und Grammatik – wer die beherrscht, ist aber noch lange kein Schriftsteller. Vermutlich weiß Zack Kim das. Der Gitarrist hat schließlich bislang selbst noch keine Ansprüche angemeldet.

Wer übrigens mal Songs hören möchte, die richtig änhlich sind, der klicke hier: "12 Songs That Sound The Same" - von Cat Stevens über Mireille Mathieu, Dido zu Coldplay, Joe Satriani und wieder zurück ...


Text: jakob-biazza - Foto: Reuters