Ist "Occupy Wall Street" die Antwort auf die Tea Party-Bewegung?

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Dieser Protest musste langsam wachsen. Vor zwei Wochen schon packten ein paar hundert Amerikaner, die meisten gut ausgebildet und unter 30 Jahren, ihre Sachen und zogen in den Zuccotti Park nahe der New Yorker Börse. Seitdem campen sie dort, wo sonst Banker in gebügelten Hemden ihre Mittagspause genießen. Von den US-amerikanischen Medien wurden die Aktivisten kaum beachtet und irgendwie hat sich auch niemand vorstellen können, dass im Land der Tea Party-Bewegung eine linke, kapitalismuskritische Gegenbewegung entstehen könnte. Dann, am 15. Tag der Besetzung, nahm die New Yorker Polizei bei einer Kundgebung 700 der mittlerweile 1.500 Demonstranten fest. Bessere PR hätten die Aktivisten nicht bekommen können. Mittlerweile breitet sich die Bewegung auf die gesamten USA aus. Und auch in Deutschland könnte bald es Protestaktionen geben.  



"Ich denke schon, dass wir in Deutschland das Potential für eine ähnliche Bewegung haben“, sagt Detlev von Larcher von Attac Deutschland. Das Netzwerk Attac setzt sich europaweit für eine Steuer zur Eindämmung von Börsenspekulationen ein und ist geübt in Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik. „Bisher ist das aber noch nicht gebündelt. Durch die Aktionen in den USA kann es aber schon sein, dass es einen Schneeballeffekt geben wird“, so von Larcher. Der Attac-Mann ist überzeugt: Die Sorgen sind überall die Gleichen. Seit 2008 das Finanzsystem kollabierte, plagen sich Menschen in Europa und in den USA mit den Folgen. Tausende Amerikaner sind verschuldet, durch Sparprogramme und Firmenpleiten gehen immer wieder Jobs verloren. Und vor allem Studenten müssen sich in diesen Zeiten immer noch für ihr Studium verschulden. Das schürt Zukunftsängste, unter anderem bei der 21-jährige Amanda Clarke. Der New York Times schilderte die Studentin ihre Lage: „I’m graduating with tens of thousands of dollars in loans and there’s no job market.”  

Aber von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialen Abstieg fühlen sich auch viele Studenten in Deutschland bedroht, wie die Shell-Studie von 2010 zeigt: Hochschulabsolventen, heißt es darin, seien im Schnitt weniger zufrieden, weil sie nicht wissen, welche berufliche Zukunft sie erwartet. „Wenn ich mir die Umfragen ansehe, kann ich verstehen, dass junge Menschen in Deutschland Angst vor ihrer Zukunft haben“, sagt von Larcher. Seiner Meinung nach sei es gut möglich, dass auch in Deutschland die Frankfurter Börse oder andere öffentliche Plätze besetzt werden. Bei Facebook gibt es bereits mehre entsprechende Seiten, wie die von „Occupy Frankfurt“. Binnen weniger Stunden gefällt über 800 Menschen die Seite, hinter der sich – so heißt es in der Info – eine Anonymous-Gruppe aus Frankfurt verbirgt. Die deutschen Aktivisten wollen für den 15. Oktober mobilisieren. An diesem Tag soll es weltweit Proteste für mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit geben. Es gibt einen entsprechenden Hashtag: #globalchange.

Veränderung hatten sich viele der New Yorker Demonstranten versprochen und deshalb Barack Obama gewählt. Der hatte es im Januar 2009 – kurz nach Beginn der Bankenkrise - mit dem Slogan „Yes we can“ geschafft, George W. Bush abzulösen. Damals glaubten viele Amerikaner an den großen Umbruch: Obama sollte mehr soziale Gerechtigkeit schaffen und die Macht der Spekulanten eindämmen. „I believed I was voting for a president who would rein in Wall St. and reverse Bush’s aggressive foreign policies“, erklärt ein junger Mann auf dem Protestblog „wearethe99percent“ enttäuscht. „What I got was more of the same and worse.“  



Die steigende Zahl an Protestanten bekommt indes Unterstützung. Neben Schauspielern und dem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Joseph Stiglitz, stellt sich auch der Spekulant George Soros hinter die Demonstranten. Der 81-jährige Milliardär ist seit langem politisch engagiert und gilt als Gegner des deregulierten Finanzmarktes. Der "Washington Post" sagte Soros, die jungen Amerikaner hätten jeden Grund auf das Finanzsystem der USA wütend zu sein. In dem Artikel kommt auch ein 26-jähriger New Yorker zu Wort, der klare Worte für die Situation in den USA findet: „The american dream is dead or dying.“

Wird aus dem kleinen Protest nun eine Bewegung? Auf „occupytogether.org“ werden Aktionen aus den gesamten USA versammelt – die Kapitalismuskritiker, die offiziell weder zu der Hackergruppe Anonymous oder sonst einer Vereinigung gehören, können sich hier vernetzen. Für Donnerstag dieser Woche sind große Kundgebungen in New York und in Washington angekündigt. Es könnten viele werden, denn, darin sind sich zumindest die Verantwortlichen der offiziellen Webseite sicher, eine Sache eine die Mehrheit der Amerikaner: "The one thing we all have in common is that we are the 99 percent that will no longer tolerate the greed and corruption of the 1 percent."

Text: steffi-hentschke - Fotos: afp

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