Ich war auf Vieles vorbereitet, als ich vor einer Weile auf der Party zum 17. Geburtstag einer Bekannten war. Auf Hakenkreuze allerdings nicht. Ich dachte, Chart-Songs, die ich nicht kenne, und Elektromusik, die ich nicht mag, würden da auf mich zukommen. Darauf hatte ich mich eingestellt. Worauf ich aber nicht vorbereitet war: dass die Jungs, die vor dem Laptop sitzen, auf YouTube die Playlist pflegen und sich von den Mädels dafür das Bier bringen lassen, Neonazi-Zeug spielen.  

Den heiser gegrölten Text konnte man nicht richtig verstehen, auf dem Bildschirm aber waren Hakenkreuze zu sehen und Hitler-Zitate zu lesen. Und außer mich und meinen Begleiter schien das niemanden zu stören. Ich stand auf. Ich fragte die Typen vor dem Laptop, ob sie eigentlich wissen, was das für Lieder sind. Keine Antwort, nur zweifelnd verkniffene Augenbrauen. Ich tat ihnen den Gefallen nicht einfach wieder zu gehen, sondern sah sie weiter herausfordernd an. "Warum", brachte dann einer von ihnen doch heraus, "ist doch nicht schlimm." Ich sagte "Ihr spielt Neonazi-Songs, das IST schlimm!" und ging. Ich hatte keine Lust darauf, eine Nachhilfestunde in Geschichte zu geben, und ehrlich gesagt auch nicht darauf, die Party zu zerstören.  

Das Video der Schüler, die bei ihrer Abschlussfeier ein Lied einer Neonazi-Band gesungen haben, ist inzwischen nicht mehr auf YouTube.

Heute musste ich wieder an dieses "Ist doch nicht so schlimm" denken. Bis vor wenigen Stunden war auf YouTube ein Video zu sehen, in dem Schüler bei ihrer Abschlussfeier das Lied "Verlorene Träume" von Sleipnir singen. Es sind keine betrunkenen Schüler, die da ein Lied von einer der bekanntesten Neonazi-Bands Deutschlands mitgrölen, sondern Schüler, die ganz offiziell auf einer Bühne stehen, vor ihren Eltern und Lehrern. Passiert ist das Ganze in Kirchberg (Hunsrück) in Rheinland-Pfalz bei der Abschlussfeier der Realschule im Juni 2012 in der Stadthalle. Im Netz wird darüber gerade viel diskutiert: Im Liedtext stehe nichts Rechtsradikales, es sei egal, wer singt, weil es zum Anlass passe, sagen die einen. Die anderen – die meisten – aber sind empört über ein Lied mit Neonazi-Hintergrund zu einer Schulabschlussfeier.  

Die Lehrer und sogar die Schulleitung sollen von der Liedauswahl gewusst haben. Der YouTube-User "GamerCommander", der das Video online gestellt hat, schrieb "Unser Abschlusslied gespielt von der Schulband war ein guter Abend!". Weil in vielen Kommentaren die Liedauswahl kritisiert wird, hat er noch ergänzt: "Kleine Information für euch, dieses Lied ist nicht verboten und wurde von Lehrern sowie der Schulleitung erlaubt." Der User "BVEboStar" kommentierte: "Die Lehrer wussten das teilweise… Viele sind einfach rausgegangen, als wir angefangen haben zu singen…" Das Blog "Meet In Montauk" zitiert das Antifaschistische Infobüro Rhein-Main: "Erste Recherchen ergaben, dass sich durchaus mehrere Schüler_innen des Jahrgangs gegen Nazis positionieren. Warum sich eine Gruppe mit einem derartigen Lied durchsetzen konnte, werden die anwesenden Lehrer_innen, Eltern und Schüler_innen beantworten müssen." Nur "mehrere" positionieren sich gegen Nazis? Das ist nur eine von vielen Fragen an die Verantwortlichen der Schule. Doch dort ist immer noch niemand erreichbar, weder telefonisch noch per Mail.

Zuerst dachte ich, da haben sich die Schüler, die sich um das Abschlusslied kümmern sollten, einfach gedacht, oh, netter Songtitel, im Text kommen die Worte "Schule" und "Freunde" vor – passt. Rassistische Parolen sind keine enthalten und ohne das Vorwissen über die Band könnte man auf die Neonazi-Idee dahinter vielleicht nicht kommen. Doch wer dieses Lied ausgesucht hat, kennt die Band und auch die Hintergründe. Auf dem Blog "Störungsmelder" hat auch schon ein angeblicher Mitschüler kommentiert: "Ich war Schüler der Klasse 9d, ich habe mit diesen Abschluss gefeiert! Und es ist eine Neonazi-Band, da hat jeder Recht! Und wir haben auch nach einem Lied geschaut, aber wir haben uns entschieden, dass wir das von Sleipnir nehmen. Weil es einfach am besten (wie schon gesagt von ihnen) unsere Gefühle ausdrückt. Einfach nur so einen Aufstand zu machen, weil das Lied (obwohl in dem Lied kein wort von Rechts oder sonstigem vorkommt) von so einer Band kommt, kann ich nicht verstehen!"

Beunruhingend ist, dass die Neonazi-Szene mit Aktionen wie den "Schulhof-CDs" Erfolg zu haben scheint. Sleipnir-Songs sind auf mehreren der teilweise indizierten CDs, die Neonazis auf Schulhöfen verteilt haben, um so an Schüler heranzukommen. Wie viele Bands in der Szene hat die Band Sleipnir ihre Strategie in den vergangenen Jahren geändert. Ihre Songtexte enthalten nicht mehr vordergründig rassistische Inhalte oder nehmen Bezug auf den Nationalsozialismus, sondern beschäftigen sich mit Themen wie Freundschaft.

So kommt es, dass manche Lieder von Sleipnir und anderen Bands sich vielleicht erst einmal harmlos anhören. So kommt es auch, dass die Jungs von der Party und auch die Schüler aus Kirchberg "Is doch nicht so schlimm" denken, statt die Alarmsirenen beim Stichwort Neonazi zu hören. Natürlich gehört das zur Taktik, um neue Mitglieder anzuwerben. Wenn das eine Lied ja "nicht so schlimm ist", dann kann das alles nicht so schlimm sein, sollen die potentiellen neuen Sympathisanten denken. Und ignorieren, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Sleipnir als rechtsextremistische Band einschätzt, die dem in Deutschland verbotenen rechtsextremen Netzwerk Blood and Honour nahesteht und mehrfach auf Veranstaltungen der NPD auftrat. Ist eben schon schlimm!

Aufgrund der Entwicklung der Diskussion unter diesem Text und auf vielfachen Wunsch der User haben wir uns entschlossen, die Kommentarfunktion für diesen Beitrag zu deaktivieren. Wir bedauern diese Entscheidung im Sinne der vielen vernünftigen Kommentare, die damit auch verschwinden, aber leider hat die Diskussion eine Form angenommen, die wir auf jetzt.de so nicht stehen lassen möchten und die nichts mehr mit der Diskussionskultur zu hat, die wir normalerweise auf jetzt.de pflegen.

Vielen Dank für euer Verständnis,

Eure jetzt-Redaktion 

Text: kathrin-hollmer - Screenshot: YouTube