It is still a beautiful world

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„Tarnation“ ist mehr als nur ein Film. Er ist Liebeserklärung, Therapie, Autobiographie und Zeitdokument in einem. Seit Jonathan Caouette elf Jahre ist, filmt er seine Umgebung und sich selbst. Jetzt hat er eine Auswahl dieser Aufnahmen zusammen geschnitten mit Familienfotos, Szenen aus anderen Filmen, Tonband- und Anrufbeantworteraufnahmen und Musik. Wie ein Bewusstseinstrom hat Jonathan die Bilder aneinandergereiht, intuitiv und subjektiv, und doch erzählt er in „Tarnation“ eine Geschichte. Seine eigene Geschichte und die seiner Mutter. Diese Film-Collage kommt jetzt in die deutschen Kinos.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Jonathan in jüngeren Jahren „Tarnation“(der Begriff ist ein Schimpfwort und heißt so viel wie „verdammt!“) beginnt mit Aufnahmen aus dem Jahr 2001, Jonathan wohnt mit seinem Freund David in New York. Über das Telefon erfährt er von der Lithium-Überdosis seiner Mutter Renee. Davon ausgehend macht sich Jonathan auf eine Reise zurück ins Texas der 50er Jahre, mit Hilfe von Fotos und eingeblendeten Textzeilen erzählt er die Geschichte seiner Mutter, bei der als Zwölfjährige eine psychische Störung diagnostiziert wurde und die zwei Jahre lang mit Elektroschocks behandelt wurde. Doch die Elektroschocks haben die Krankheit – falls sie vor der Behandlung überhaupt wirklich existiert hat – nur verschlimmert. In den folgenden Jahrzehnten muss Renee immer wieder ins Krankenhaus und die Psychatrie, auch nach der Geburt ihres Sohnes Jonathan. Der wächst bei Pflegeeltern und den Großeltern auf. Von den Pflegeeltern wird er misshandelt und missbraucht und zu den Großeltern, die seine Mutter immer wieder in die Psychiatrie einweisen lassen, hat er ein gespaltenes Verhältnis. Jonathan entwickelt eine Persönlichkeitsstörung, eine so genannte „Depersonalisationsstörung“, anhaltende oder wiederkehrende Phasen völliger Distanziertheit vom eigenen Körper oder Geist. „Ich habe das Gefühl, in meinem eigenen Traum zu leben“, sagt Jonathan. Das Filmen war für ihn nach eigener Aussage schon immer „Lebens-und-Überlebens-Strategie“. Es habe ihm die Möglichkeit gegeben, sich von seiner Umgebung abzugrenzen, Distanz zu halten und sich so zu verteidigen gegen den Horror, der große Teile seines Lebens bestimmt habe. Die Fertigstellung des Films und seine öffentliche Präsentation auf dem Sundance Festival und in Cannes haben wie eine Therapie auf ihn gewirkt und seine Beziehung zu seiner Mutter intensiviert.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Der kleine Jonathan mit seiner Mutter Renee Der Film funktioniert auf zwei Ebenen: Bild und Ton sind assoziativ angeordnet und ziehen den Zuschauer wie in einen Sog hinein in eine Welt, die von außen betrachtet ziemlich kaputt scheint, aber, erst einmal im Sog gefangen, auch Schönheit entfaltet. Mit diesem Bewusstseinstrom gibt Jonathan die Welt wieder, wie er sie sieht. Auf der zweiten Ebene stehen die immer wieder eingeblendeten Textzeilen, die nüchtern von Krankheit, Misshandlung und Vergewaltigung erzählen und dem Film eine vertraute, erklärende und chronologische Struktur geben, an der man sich als Zuschauer dankbar festhält. In seiner Art ist „Tarnation“ einzigartig, der Film schlägt ein neues Kapitel der Dokumentarfilmgeschichte. Es werden weniger äußere Ereignisse dokumentiert und kommentiert, als vielmehr das Innenleben, die Gedankenwelt eines Menschen. Dieser Film ist von der ersten Szenenauswahl bis zum letzten Schnitt (den Jonathan alleine mit Hilfe eines Computerprogramms vorgenommen hat) das subjektive Werk einer einzigen Person. „Tarnation“ ist Jonathan Caouette. Doch so persönlich „Tarnation“ auch ist, er ist doch auch das Portrait einer ganzen Gesellschaft, der 50er Jahre in Amerika. Einer Zeit, in der auf Persönlichkeitsstörungen mit Überforderung und medizinischer Unwissenheit reagiert wurde und deren Fehler sich über die Generationen bis in die heutige Zeit transportiert haben. Jonathan selbst sieht sowohl seine als auch die psychische Krankheit seiner Mutter als Ergebnis äußerer Einwirkung: Bei Renee war es die Erlektroschock-Therapie, bei ihm selbst der Konsum von zwei mit PCP versetzen und in Formaldehyd getränkten Joints im Alter von 14 Jahren.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Jonathan und Renne in New York Aber trotz all des Leids behält sich Jonathan eine positive Einstellung sowohl zu seiner Familie als auch zu seinem Leben. „Ich glaube, dass jeder in meiner Familie liebt“, sagt er. Und so ist „Tarnation“ auch eine Liebeserklärung geworden, an das Leben, trotz alledem, und an Mutter Renee. Und am Ende steht die Erkenntnis: „It is still a beautiful world.“

„Tarnation“ läuft ab Donnerstag in Köln, Berlin, Düsseldorf, Hamburg, und Dresden in ausgewählten Kinos. Weitere Städte sollen in den nächsten Wochen folgen.

[Bilder: Arsenal]

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