Jagdszenen in Brandenburg

Alltag im Potsdamer Landgericht: Als der 21-jährige Afro-Deutsche Kay der Richterin erzählt, was ihm im Sommer 2008 passiert ist, seufzt sie nur kurz. Pro Jahr hört sie mehr als hundertmal Geschichten von Opfern rechter Gewalt. Wir haben einer davon zugehört.
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Es war am Abend des Halbfinales der Fußballeuropameisterschaft. Auf einem öffentlichen Platz in Rathenow feiert Kay mit Freunden den Sieg der Deutschen über die Türkei. Die Stimmung ist gut, bis Kay sich kurz zum Telefonieren von den anderen entfernt. Was er dabei nicht merkt: Ein in Rathenow bekanntes NPD-Mitglied beobachtet ihn, nähert sich von hinten und schlägt Kay ins Gesicht. Dann geht er wortlos an ihm vorbei. Kay blutet und läuft zu den umstehenden Polizisten. Als diese den Täter noch erwischen können und ihn auf den Überfall ansprechen, bekommen sie die Antwort: „Ich kenne keine Neger.“ Mit Kays Wunden hätte er nichts zu tun. Auch jetzt noch schüttelt der Angeklagte den Kopf, wenn Kay vom letzten Sommer erzählt. Der 28-Jähirge sagt nichts, lässt seinen Anwalt für ihn sprechen. Nur ein einziges Mal fällt auf, dass er überhaupt am Prozess teilnimmt. Als der Nebenklageanwalt durchsetzt, dass der mutmaßliche Neonazi sein T-Shirt ausziehen muss, weil die darauf abgebildete Band Path of Resistance aus der rechten Szene stammt. Am Ende muss er für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Die Liste seiner Vorstrafen ist zu lang, um ihm den Angriff auf Kay auch noch ohne Freiheitsstraße durchgehen zu lassen.

Wie alltäglich rechte Gewalt in Brandenburg ist, hat uns Kay nach dem Gerichtstermin im kurzen Interview erzählt. Kay, hast du Angst, wenn du in Rathenow bei öffentlichen Veranstaltungen teilnimmst? Angst kann man nicht sagen. Aber man geht da schon mit Vorsicht hin und macht sich Gedanken, ob etwas passieren könnte. Darauf ist man auch gefasst. Man respektiert die Rechten. Weil man ja weiß, was sie in der Vergangenheit schon alles getan haben. Sie sind wirklich sehr gewalttätig. Direkt nach dem Angriff eines Neonazis im Sommer 2008 hattest du Kontakt zu Polizisten, die in der Nähe waren. Im Gerichtsaal klang es nicht so, als hätten diese Rassismus hinter der Tat vermutet. Selbst als der offensichtlich stadtbekannte Täter auf die Nachfrage der Polizisten antwortete, er „kenne keine Neger“ und hätte deshalb noch nie Kontakt zu dir gehabt, schienen sie einen rechten Hintergrund auszuschließen. Hat die Polizei in Rathenow genauso viel Respekt vor den Neonazis wie die Bürger? Schwer zu sagen, aber man kann zumindest darüber spekulieren. Manche Situationen liefen sehr seltsam ab. Zum Beispiel wurde einmal ein Kumpel von mir zusammengeschlagen. Mehrere Neonazis haben damals auf ihn eingetreten, umstehende Polizisten haben zunächst nur zugesehen, bis sie ihm schließlich doch halfen, aber erst, als ein weiterer Freund von mir den Kumpel da raus gezogen hatte. Am gleichen Abend bin ich mit meiner Freundin nach Hause gegangen. Plötzlich waren da vier Neonazis, die Ärger machen wollten. Ich habe mich verteidigt, und wieder kamen Zivilpolizisten dazu, haben die vier laufen lassen und meine Freundin und mich mit den Händen nach oben an die Wand gestellt. Ich habe dann eine Anzeige erstattet, aber bis heute ist nichts deswegen passiert. Drei Jahre ist das jetzt schon her. Wie verhält es sich mit dem Begriff „Zivilcourage“ in Rathenow? Zivilcourage gibt es nicht wirklich, davon habe ich bisher noch nicht viel mitbekommen. Unter Jugendlichen ist es aber anders. Da merken die Rechten, dass sie sich nicht immer durchsetzen können, weil andere dazwischen gehen. Es ist ja so, dass die Rechten meistens auf Jüngere gehen. Die werden aber irgendwann älter und können sich dann wehren. Wenn jetzt Übergriffe passieren, dann gehen zehn Leute auf zwei los, meistens kommen sie aus dem Hinterhalt. Ein paar von denen stellen sich dann an den Rand und schauen zu, wie die anderen schlagen. Wie könnte man die Rechten in Rathenow deiner Meinung nach in den Griff kriegen? Durch Verbote. Zum Beispiel ein Verbot der NPD. Man kann auch eine gewisse Symbolik verbieten, was zumindest bewirken würde, dass sie bestimmte T-Shirts nicht mehr tragen dürften. Damit ist das Gedankengut nicht raus aus ihren Köpfen, aber bestimmte Zeichen wären von der Straße entfernt, und die Leute würden darauf nicht mehr hereinfallen und sagen können: Das ist ja schön, das will ich auch tragen! Beschäftigen tun sie sich ja erst später damit, was das eigentlich bedeutet. Auch an Schulen sollte das Thema viel mehr angeschnitten und für Aufklärung gesorgt werden.

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