Jetzt geht wieder alles von vorne los. Das große ABC der Casting-Show

Seit zehn Jahren warten wir angesichts des Herumgecaste aller Sender auf einen Sieger, der total sympathisch ist, eine supergute Stimme hat und mit der auch noch feine Lieder singt. Vergeblich. Passiert ist trotzdem eine ganze Menge - Grund genug für ein ABC der Castingshows
jochen-overbeck

A wie Auszeichnungen Es weiß vielleicht nicht jeder, aber "Deutschland sucht den Superstar" ist astreines Qualitätsfernsehen. Schon zwei mal erhielt die Show den Deutschen Fernsehpreis - 2003 in der Kategorie "Beste Unterhaltungssendung" und 2006 für ihr Bühnenbild. B wie Bohlen, Dieter Ex-Sänger von Modern Talking, Jurymitglied bei "DSDS" und "Das Supertalent", Produzent und Songwriter von Alexander Klaws, Mark Medlock und anderen. Vor allem aber: Der Onkel der Nation. Der Dieter Bohlen gehört allen. Wenn er an einer Hamburger Kreuzung einem Bettler Geld gibt, ist das genauso eine Nachricht wie sein Auftritt vor Gericht. Bisweilen schreibt er Bücher, die sich fast so gut verkaufen wie die von Bushido. Ganz wichtig: Den Dieter Bohlen darf jeder duzen. C wie Cloud Dancer Ein klassischer Dieter-Bohlen-Ausdruck: eher sinnfrei, aber trotzdem leicht verständlich und prägnant. Vor allem aber ist "Cloud Dancer" eines von stolzen drei Alben, die Mark Medlock, Gewinner der vierten "DSDS"-Staffel, innerhalb eines Jahres auf den Markt warf. Das vierte soll in Arbeit sein.

D wie D! Künstlername des "Popstars"-Jurymitglieds und -Choreographen Detlef Soost. In der ProSieben-Castingshow ist er so eine Art Hybrid - einerseits gnadenloser Drill Instructor und Feldwebel, andererseits auch total emotional. Nebenher besitzt er eine Tanzschulkette.


E wie Eurovision Song Contest Die immer um Jugendlichkeit bemühte Schlagersause und Deutschlands Casting-Stimmen, das ist eine traditionell mühsame Verbindung: 2005 sang sich Gracia Bauer souverän und völlig zurecht auf den letzten Platz, vergangenes Jahr gelang den No Angels dasselbe Kunststück. Vielleicht ganz gut, dass die "Popstars"-Band "Monrose" 2007 schon im Vorentscheid baden ging. F wie Fuller, Simon Der Typ, der "Pop Idol" erfand, was wiederum die Blaupause für "Deutschland sucht den Superstar" war. Auch sonst hat der Brite offenbar ein ganz gutes Händchen: Er entdeckte Madonna und S Club 7, machte die Spice Girls zu Stars und managt so nebenbei die Beckhams und die Motorsportabteilung von Honda.

G wie Geld Dass die mehr oder weniger erfolgreiche Teilnahme an einer Castingshow zu unermesslichem Reichtum führt, ist ein Irrglauben. So machen vor jeder neuen "DSDS"-Staffel mit hübscher Regelmäßigkeit ein paar Vertragsinterna die Runde durch die Boulevardpresse, die zumindest nahelegen, dass der größte Teils des Kuchens beim Sender bleibt. Auch um letzten "Popstars" gab's Schlagzeilen: Die BILD-Zeitung rechnete nach - und kam für die Siegerband der letzten Staffel, Queensberry, auf maue 5,88 Euro Stundenlohn pro Mitglied. H wie Hilbert, Lukas Als "Popstars"-Jurymitglied mitverantwortlich für den - Gott sei's gedankt - sehr kurzen Erfolg der Rockformation Nu Pagadi. Sämtliche Versuche, danach eine Solokarriere zu lancieren, schlugen fehl, was bei Songtiteln wie "Weihnachten wär geiler, wär der Weihnachtsmann 'ne Frau" nur so mittelmäßig überraschte. Hilbert wird's verkraften, das Auftragsbuch des ehemaligen Panikorchester-Mannes ist gut gefüllt: Zuletzt schrieb er für Yvonne Catterfeld, Christina Stürmer, Peter Maffay und Truck Stop.


I wie Internet So eine Art Zentralarchiv der Peinlichkeiten. Der schiefe Auftritt der No Angels beim Eurovision Song Contest? Die wirklich absurd schlechten Videos von Nu Pagadi? Der weinende Daniel Küblböck? Dauerkandidat Menderez, der sich an "Beat It" von Michael Jackson versucht? Diese etwas eigenartige Dame, die "Ich hab die Haare schön" singt? Längst vergesene Flop-Formate wie "Fame Academy"? All das findet sich bei Youtube und Co, garniert von hunderttausend weiteren Clips. Das meiste davon ist verstörend.

J wie Jury Die Jury ist die Herzkammer jeder Casting-Show. Während man bei "Popstars" unter den Juroren tatsächlich so etwas wie Diskussionen und einen Entscheidungsprozess wahrzunehmen meint, ist das Prinzip bei "Deutschland sucht den Superstar" ein einfaches: Dieter Bohlen sagt, was Sache ist. Die anderen sind die anderen und als solche völlig austauschbar. Aktuell auf den billigen Plätzen: Musikmanager Volker Neumüller und MTV-Moderatorin Nina Eichinger. K wie Klaws, Alexander Der deutsche Ur-"Superstar" schwächelt momentan ein bisschen. Nach einem Engagement im Musical "Tanz der Vampire" versuchte er es mit einem deutschsprachigen Album - und floppte. Momentan verdingt er sich als Schauspieler - in der Sat.1-Telenovela "Anna und die Liebe" spielt er den Besitzer eines Coffeeshops. L wie Leidensgeschichte So pervers es klingt: Schicksal macht Quote. Michael Hirte, das amtierende "Supertalent", spielt Mundharmonika. Dass er die Show für sich entscheiden konnte, lag aber vor allem an seiner Biografie: Seit einem LKW-Unfall vor 18 Jahren ist er auf einem Auge blind und schwer behindert. Anderes Beispiel: Als während der letzten "Popstars"-Staffel die Mutter einer Kandidatin starb, wurde das den übrigen Mitbewerberinnen vor laufenden Kameras mitgeteilt, was CDU-Generalsekretär Roland Pofalla prompt "fassungslos" machte. Der Sender reagierte gelassen - und teilte mit, Pofalla habe die entsprechende Folge nicht einmal gesehen.


M wie Menschenwürde Da steht einer und kann nicht singen. Die Kamera hält gnadenlos drauf, am Ende gibt's noch ein paar Beleidigungen. Norbert Schneider, Chef der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, warf "DSDS" vor, so die Menschenwürde zu verletzen. Kritik kam zuletzt auch vom Klerus: "Wer Menschen verachtet, beleidigt Gott", sagt Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirchen in Deutschland.

N wie No Angels Quasi das Mutterschiff des deutschen Casting-Pops und gleichzeitig, so stand's zumindest neulich in der Zeitung, "die erfolgreichste Girlband Kontinentaleuropas". Lösten sich 2003 nach zehn Top-10-Singles auf. Dass Nadja, Lucy, Sandy und Jessy seit 2007 wieder gemeinsam Musik machen, hat einen immensen Vorteil: Sie bringen nicht mehr die ganze Zeit Soloalben raus. O wie Overground Klassische deutsche Casting-Band: ein Nummer-Eins-Album, ein paar Skandälchen, danach hieß es Bye-Bye. Die wohl etwas zähen Solokarrieren der vier Mitglieder lassen sich bequem über Myspace verfolgen. P wie Preluders Im Prinzip die weibliche Ausgabe von Overground, der die Band in einer Finalsendung von "Popstars" unterlag. Zwei Alben gab's trotzdem, 2006 löste sich die Band auf. Q wie Quereinsteiger Das Problem an einer Laufbahn als Casting-Popper: So richtig nachhaltig ist das alles selten. Deshalb suchen sich viele ehemalige "DSDS"- und "Popstars"-Sternchen nach einer Weile völlig neue Betätigungsfelder. Ross Antony, früher mal bei Bro'Sis, ist mittlerweile so eine Art Moderatoren-Allzweckwaffe bei RTL. Martin Kesici, der 2003 die SAT.1-Show "Star Search" gewann, wurde Kneipier: Seine "Titty Twister Bar" in der Berliner Kulturbrauerei eröffnete im vergangenen Herbst.


R wie Resteverwertung Warum immer nur die Gewinner ranlassen? Der Berliner Rapper Bushido rekrutierte aus den Resten der fünften "Popstars"-Staffel 2007 die Girlband Bisou. So richtig erfolgreich war er damit aber nicht. Schon die zweite Single "Die Sonne geht auf " schaffte es nicht einmal mehr in die Top 100. S wie Star Search Der Prototyp aller Castingshows umfasste auch Comedy und Tanz und lief erstmals 1983 in den USA. Während dort unter anderem Justin Timberlake, Britney Spears, Christina Aguilera, Destiny's Child und Usher über das Format entdeckt wurden, wollte der deutsche Ableger nicht so recht funktionieren und wurde nach zwei Staffeln eingestellt. Die Spürnase der US-Kollegen hatte die deutsche Jury aber ohnehin nicht: Den späteren Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz ließ sie im Achtelfinale durchrasseln. T wie Telefonieren Immer total wichtig: Dass total viele total oft anrufen. Aus der guten und so basisdemokratisch wirkenden Tradition des Televotings ist mittlerweile eine wohl geschmierte Geldverdienmaschine geworden. Beim Finale der letzten "DSDS"-Staffel riefen laut dem Internet-Dienst "Quotenmeter" die Zuschauer satte sechs Millionen mal an - rechnet man noch die SMS-Stimmen dazu, hätte das dem Sender einen Gewinn von etwa vier Millionen Euro beschert.

Ü wie Überraschungen Ja, gibt es. Mit Daniel Küblböck schaffte es gleich in der ersten Staffel einer aufs Treppchen, der gar nicht singen konnte. Die Klaviatur der Medien beherrscht er dennoch ganz gut: Er zog für RTL in den Dschungel, für RTL II in den Big-Brother-Container, spielte in der Krankenhausserie "St. Angela" mit, veröffentlichte ein Buch und drehte mit "Daniel, der Zauberer" einen wirklich irritierenden Kinofilm. Musik macht er auch - die aktuelle Single heißt "Born in Bavaria" und ist schon harter Tobak.


V wie Volksmusik Auch die Schunkel-Fraktion wollte's wissen. Unter dem Label "Superstar der Volksmusik" wurde 2007 ein neuer Genre-Held gesucht. Einen richtigen Sendeplatz wollte den Machern allerdings niemand freiräumen, sodass die Berichterstattung in Boulevardmagazinen und im Frühstücksfernsehen stattfinden musste. W wie World Idol Hach, war das schön. 2003 durften die Gewinner aller damals existenten "Pop Idol"-Sendungen gegeneinander antreten. Es gewann ein pausbäckiger Norweger namens Kurt Nielsen, Zweite wurde die Amerikanerin Kelly Clarkson. Alexander Klaws landete mit einer wirklich schlimmen Version von Michael Sembellos "Maniac" sehr weit hinten. Y wie Young, Will Der Gewinner der britischen Casting-Show "Pop Idol" konnte mit einer sanften Bossa-Version des Doors-Klassikers "Light My Fire" auch in Deutschland punkten. Seine Idee war die Neuinterpretation des Rock-Klassikers indes nicht. José Feliciano lieferte die Blaupause für den Hit bereits 1968.

Z wie Zickenkrieg Vor allem bei "Popstars", wo die Kandidatinnen Tisch und Bett teilen, essentiell für die Quote. So wurde auch vor der Findung von Queensberry eifrig gehauen, gestochen und gekratzt.

Text: jochen-overbeck - Illustration: katharina-bitzl

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