Justin Bieber - der YouTube-Aufsteiger des Jahres

Er hat im vergangenen Jahr die steilste Karriere seit den Arctic Monkeys hingelegt. Es kann also nicht schaden, sich endlich mal mit Justin Bieber zu beschäftigen
christina-waechter

Für Menschen, die schon etwas länger auf dem Erdenrund herumspazieren, ist die Bieber-Manie völlig unerklärlich. Der 16-Jährige sieht zugegebenermaßen hübsch aus, ist aber beileibe nicht atemberaubend schön. Er spielt Gitarre und singt über Mädchen, die er glücklich machen will – und strahlt dabei genau null Sexappeal aus. All das klingt verhältnismäßig lahm? Vielleicht. Trotzdem sorgt Bieber, wo immer er auftritt, für Massenhysterien, die mitunter in richtig kleine Ausschreitungen ausarten. So wurde Anfang dieser Woche ein Gratis - Konzert Justin Biebers in Sydney abgesagt, weil die Polizei nicht mehr für seine oder die Sicherheit der Gäste sorgen konnte. Als er einen Tag später in Neuseeland landete, wurde seine Mutter im Flughafen von rasenden Teenager-Fans zu Boden geworfen und leicht verletzt, Bieber dagegen wurde im Tumult nur der Hut geklaut. Die neue Single von Justin Bieber, ft. Sean Kingston: “Eenie Meenie“

Selbstverständlich hat der Knabe mit dem Milchzahn-Appeal auch eine rührende Geschichte zu erzählen, was ihn wiederum von den Dutzenden austauschbaren Disney-Kinderstars unterscheidet: Seine Mutter Pattie Mallette war gerade einmal 18 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Am 1. März 1994 erblickte ihr Sohn Justin in der 30.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Stratford, Ontario das Licht der Welt. Pattie, eine streng gläubige Christin, zog ihren Sohn von Anfang an alleine auf und verdiente den Lebensunterhalt mit mies bezahlten Aushilfsjobs. Ihr Sohn Justin brachte sich nach und nach selbst Klavier, Trompete und Gitarre bei, bekam für einige Stunden Schlagzeugunterricht – doch für viel mehr fehlte das Geld.

In der Schule behielt er seine musikalische Begabung für sich, bis er mit 12 Jahren an einem Talent-Wettbewerb in seiner Heimatstadt teilnahm. Um den Verwandten und Freunden, die an diesem speziellen Tag nicht dabei sein konnten, den Schmerz zu versüßen, stellte Pattie am Tag darauf ein Video ihres Sohnes auf der Plattform Youtube ein. Dieses Video wiederum fand der HipHop Manager Scooter Braun, der unter anderem auch schon Asher Roth entdeckt hatte. Braun war so sehr von dem verborgenen Talent des 12-jährigen Kanadiers überzeugt, dass er in akribischer Detektivarbeit die Nummer von Familie Bieber herausfand und sich dann an die Arbeit machte, Pattie dazu zu bringen, ihren Sohn für Probeaufnahmen nach Atlanta zu schicken. Pattie tat, was zu tun war, und rief einen Gebetskreis in ihrer Kirche ein, um sie bei dieser schweren Entscheidung zu unterstützen – und ließ nach längerem Ringen mit sich, Gott und den anderen Gläubigen, ihren Sohn in die weite Welt ziehen. Justin eilte also nach Atlanta und lernte auf dem Parkplatz des Aufnahmestudios den R’n’B-Sänger Usher Raymond kennen. Der war schnell eingenommen vom Charme und Können des Knaben, nahm ihn unter die Fittiche und besorgte ihm einen Vertrag mit der HipHop-Legende LA Reid. Und seitdem wird in Justin Biebers Leben kein Fitzelchen mehr dem Zufall überlassen. Statt sofort die PR-Maschinerie zu starten, beschlossen seine Manager, lieber Biebers Youtube-Account ein bisschen weiter mit Videos in mittelmäßiger Qualität zu füttern, um seiner Fan-Base das Gefühl zu geben, ihr neues Idol selbst entdeckt und groß gemacht zu haben. Die Rechnung ging erstaunlich glatt auf und Bieber erspielte sich so eine massive Gefolgschaft, die einen Erfolg seines Debut-Albums schon garantierte. Und tatsächlich erreichte Justin Bieber als jüngster Künstler seit Stevie Wonder Platz 1 der amerikanischen Charts. Seitdem hat er zweimal im Weißen Haus gespielt, ein Konzert im Madison Square Garden gegeben, war in jeder erdenklichen Talkshow und durfte bei der Neuaufnahme von Quincy Jones’ Charity-Klassiker „We Are The World“ die Eingangs-Zeile singen. Damit der Knabe nicht nur den Stimmbruch, sondern vor allem auch seinen rasanten Aufstieg gut verkraftet, kümmert sich eine ganze Mannschaft um das geistliche und körperliche Wohl des Stars: Zu der Entourage, die mit Bieber um die Welt reist, gehört unter anderem eine Privatlehrerin, eine Gesangslehrerin, sein Manager und seine Mutter, die ihren Sohn nicht aus den Augen lässt. Zudem „erbte“ Justin von Usher dessen ehemaligen Personal Assistent Ryan Good, der schnell zu Biebers „Swagger Coach“ erklärt wurde, einem Mentor also, der ihm dabei helfen soll, seine öffentliche Persona möglichst authentisch zu präsentieren. So trägt er Mode, die man eher im HipHop-Bereich verorten und pflegt einem HipHop-Slang, der wenig mit seiner kanadischen Mittelklasse-Herkunft zu tun hat. Daran stört sich jedoch keiner seiner Millionen Miniatur-Fans. Genausowenig wie an der Tatsache, dass kein Mensch jenseits der Pubertäts-Demarkationslinie seinen Starappeal nachvollziehen kann. Und vielleicht ist gerade das Justin Biebers Geheimnis: Er gehört den Teenagern und wird ihnen bestimmt nie von ihren jugendlich gebliebenen Eltern gestohlen.

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