Kau, schau, wem. Die große Kaugummi-Produktbiografie

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Kaugummikugel aus dem Automaten

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Illustration: Julia Schubert

Der Einstieg in die faszinierende Welt des Fun-Kauens. Kaugummiautomaten üben auf Menschen unter zwölf Jahren einen beträchtlichen Reiz aus. Kein Wunder, schließlich lockt die Aussicht, eine kleine Plastikschießpistole zu „drehen“. Stattdessen kommen aber stets nur Kaugummis (manchmal sogar drei!) in absolut giftigen Farben raus. Manchmal und besonders schön auch: in Zitronenform. Den Kaugummiautomaten umweht, wie fast jeden Automaten, ein gewisses Lüftchen des Unerlaubten. Mama jedenfalls rümpft die Nase über das Alter und die E-Stoffe der Kau-Kugeln – deswegen tut man gut daran, sie möglichst für sich zu verkauen. Zu diesem Zweck hat sich der Zeitvertreib des „Um-den-Kaugummiautomaten-Herumddrückens“ eingebürgert, der gerade in metropolfernen Regionen heute noch gut zu beobachten ist. Dort finden sich auch noch Biotope und antike Bestände der Kaugummiautomatenkultur, die ansonsten vom Aussterben bedroht ist.


Juicy Fruit

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Illustration: Julia Schubert

Kurz nach den Kaugummikugeln oder auch gleichzeitig entdeckt man den Streifenkaugummi, der vor allem durch das Prinzip seiner kantigen Packung gefällt, die sich wie ein Ausrüstungsgegenstand in der Hose tragen lässt. Der gelbe Jucy Fruit verhält sich dabei zu seinen weißen und grünen Brüdern wie die Kinderzahncreme „Blendi“ zu Dentagard und TheraMed. Anhaltende Faszination bietet der Juicy Fruit natürlich durch die vollkommen überdosierte Geschmacksentwicklung im Mund während der ersten Kauminute –Reizüberflutung und Partykickstart! Dass der Gelbe danach noch viel schneller zu einem matten und bitteren Klumpen verkommt, zählt zu den schmerzhaften Lehren des Erwachsenwerdens. Sein ganzes Leben lang aber bleibt dem Juicy-Fruit-Kind der Einspeichel-Reflex, sobald eine der gelben Packungen mit ihrem irren Geruch (KinderschleckSommerSüßAnanassaftDisney) in der Nähe ist.


HubbaBubba

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Illustration: Julia Schubert

Ein Kind, das am Rande der Pubertät balanciert, wurde in deutschen Fernsehfilmen bis vor kurzem stets mit einer Kaugummiblase im Gesicht dargestellt. Schließlich stellt das Aufblasen und Platzenlassen einen, gerade noch vertretbaren, Akt zivilen Ungehorsams dar. Eine relativ kurze Zeitspanne lang gilt einem deswegen der HubbaBubba als das Maß aller Kaudinge. Wie ungewohnt der große Klumpen anfangs im Mund ist und wie er alle Konzentration erfordert um vom wackligen Kinderkiefer bezwungen zu werden! In der Hochzeit des Hubba Bubba konnte man deswegen überall auf Kinderspielplatztischen Grüppchen beobachten, die angestrengt katschend ins Leere stierten – ein jeder bedacht, die handtellergrosse Gummimasse nicht unkontrolliert entkommen zu lassen. Einmal weichgekaut ging es natürlich ans Blasenmachen. Und hier erfuhr man vielleicht zum ersten Mal, was es bedeutete „dazuzugehören“. Den das Kaugummi blasen gehörte zu den Künsten, die irgendwie nicht konkret vermittelt werden können (ähnlich wie das Pfeifen auf zwei Fingern). Und nicht wenige starteten in die Pupertät ohne ein richtiges HubbaBubba-Erfolgserlebnis – dafür mit dem Wissen, wie Kaugummis schmecken, die beim vergeblichen Versuchen in den Sandkasten gespien wurden.


Wrigleys Spearmint

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Illustration: Julia Schubert

Lange vor der Volljährigkeit erliegt man ja gerne einmal dem Wunsch, schneller erwachsen zu werden und stattet sich zu diesem Zweck mit albernem Gehabe und komisch seriösen Accessoires aus ( Notizbuch / Taschenuhr / Irisch Moos-Deo). Dazu gehören auch die weißen Kaugummi-Streifen – die trefflich mit der dazu ebenfalls gerne getragenen weißen Jeans harmonieren. Sie werden meist in der Hoffnung erworben, den beängstigend coolen Brauch des „einander Kippen anbieten“ zumindest einigermaßen imitieren zu können oder wenigstens bei den Rauchern hinterher zu punkten. Der weiße Wrigleys steht für Saubermann-Image à la Tom Cruise. Wer das nicht glaubt, erinnere sich bitte an die frisch geduschten Typen, die in der Wrigleys-Werbung jahrzehntelang eine sarggroße Kaugummipackung an einem aufgeräumten Strand entlang schleppten.


Big Red

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Illustration: Julia Schubert

In eine Zeit, in der Räucherstäbchen, Secondhand-Läden, AmericanSpirit-Zigaretten und Retro-T-Shirts wichtig werden, passt auch der Big Red. Er gilt als eine Art Underdog, ist trotz Mainstream-Herkunft quasi die Afri-Cola unter den Kaugummis. Grund dafür dürfte sein eigentlich komplett unfresher Geschmack sein: Zimt! Wenn das nicht ein schönes Statement gegen die Pefferminz- und Orbit-Spießer ist. Sein ZimtNelken-Flavour ist anfangs so stark, dass Lippen und Zahnfleisch davon regelrecht taub werden – ein Effekt, den man sich mit ein bisschen Phantasie auch als Symptom beim Drogennehmen vorstellen kann. Und wie romantisch sind denn bitte Zimtküsse vor einem VW-Bully aus dem ViginiaJetzt!-Musik dröhnt? Eben, superromatisch!


Zahnpflegekaugummi

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Illustration: Julia Schubert

Das wenige glamouröse Ende der Kau-Kette sind Kaugummis, die nicht mehr Spaß und Status bedienen, sondern eine rationale Aufgabe übernehmen: Zahnpflege, Nikotinzufuhr, Übelkeitsbekämpfung. Auf innerdeutschen Flügen und in Fortbildungsseminaren werden Zahnpflegekaugummis heute mit einer Verbissenheit gekaut, als wäre es tatsächlich möglich, dadurch die anstehende Weisheitszahn-Operation zu umgehen. Das Versprechen ist ja auch zu schön: Die Reste von Kardamon-Muffin und Spinatquiche werden einfach weggekaut, die Zahnbürste quasi überflüssig! Wer allerdings schon jemals länger, etwa angesichts eines 24-Stunden Fluges, auf die Bürste verzichten und sich mit Pflege-Kaugummis behelfen musste, der weiß: der Zahnpflege-Gummi verstärkt den ohnehin meterdick gefühlten Belag nur noch mehr und der Atem verändert sich höchstens noch in seinen Säuregraden. Und auf der nächsten Seite noch als Zugabe: Ein Hubba-Bubba-Blasen-Daumenkino




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