Kein Mensch braucht Public Viewing

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Die Fußball-EM beginnt in einer Woche. Und doch stürzt sie jetzt schon einige Menschen in eine Stresssituation. Wo schauen wir das erste Deutschland-Spiel? Diese Frage habe ich in den vergangenen Tagen schon mehrmals zu Hören bekommen. Die Leute wägen ab, an welchem Public-Viewing-Ort die Stimmung am besten ist, wo die Leinwand am größten ist, wo man am ehesten zu zehnt einen Platz bekommt und wie viele Stunden vor Spielbeginn man sich einzufinden hat, um diesen Platz zu ergattern. Ich beteilige mich an diesen Diskussionen nicht. Ich schaue zu Hause. Denn Public Viewings von Fußballspielen sind die am meisten überschätzten öffentlichen Events der vergangenen Jahre.

Ich bin kein Fußballmuffel, im Gegenteil. Die deutschen Spiele stehen in meinem Terminkalender, und ich bin auch geneigt, mir Spiele wie Griechenland gegen Tschechien anzusehen. Nur glaube ich, dass sich das zu Hause sehr viel besser machen lässt als mit Tausenden anderen Menschen in einer Halle, einer Kneipe, einem Biergarten, einem Biergarten oder einer Fanmeile.

Das Wort „Meile“ sagt eigentlich schon, warum ich derartige Veranstaltungen meiden werde. Mit „Meile“ bezeichnete Orte sind meistens solche, wo sich alle einfinden, denen mangels Ideen oder Geschmack nichts Besseres einfällt. Eine „Partymeile“, egal in welcher Stadt, ist nie die Straße, in der man die spannenden Bars und Clubs findet. Auf der Partymeile tummeln sich die Junggesellenabschiede mit selbstbedruckten T-Shirts, die Clubs dort haben meist so wenig Charakter wie Manuel Neuer Chancen auf die Trophäe für den EM-Torschützenkönig. Genauso sind Fanmeilen: Sie sind Auslaufflächen für Fanartikel-Weidevieh, Werbeflächen für Privatradiosender, die vor und nach der Übertragung unerträgliche Musik spielen, Jagdgründe für Reporterteams, die nach dem Spiel was zu der „Wahnsinnsstimmung“ sagen wollen und Leute mit Farbe im Gesicht brauchen, die währenddessen hinter ihnen herumhüpfen und irgendetwas grölen. So ähnlich wie bei der Übertragung des Eurovision Song Contests, als alle Länder ihre Stimmabgabe einfach von einem Moderator vortragen ließen, während hinter Anke Engelke eine ganze Reeperbahn voller Winkemenschen stehen musste, um zu zeigen, wie viel Spaß wir Deutschen haben. Die großen Public Viewings sind Absatzmärkte und TV-Kulissen, Pseudo-Events. Ich verstehe nicht ganz, warum mir das Spaß machen soll.

Begonnen hat der Hype ja während der WM 2006. Da ergab Public Viewing noch irgendwie einen Sinn. Das ganze Land war im WM-Ausnahmezustand und vor allem kamen Fans aus der ganzen Welt, die nicht nach Hamburg oder Köln gereist waren, um die Spiele im Hotelzimmer zu verfolgen. Mit denen zusammenzutreffen und zu feiern, machte den Aufenthalt an öffentlichen Fußballorten lohnenswert. Wann wird man schon mal in eine Diskussion mit einem Argentinier verwickelt, die bei Messi beginnt und in Feuerland aufhört?

Jetzt aber sind all diese Menschen nicht mehr da. Man schaut also mit seinen Freunden. Wenn ein Tor für Deutschland fällt, freut man sich mit ihnen, wenn wir eines kassieren, ärgert man sich. Dass kann man zu Hause vor dem Fernseher aber genauso gut. Dafür braucht man doch die ganzen anderen Leute nicht, die beim Public Viewing um einen herumsitzen und –stehen. Die sind Kulisse, Stimmungsverstärker für diejenigen, denen es nicht um das Spiel selbst geht, sondern nur um das „Event“. Bei Public Viewings bekommt man ja tendenziell auch viel weniger vom Spiel mit. Man hört den Kommentar nicht (okay, das kann manchmal auch ein Segen sein) oder die Pfiffe des Schiedsrichters. Man hört oft weder die Interviews in der Halbzeit noch die Vorberichterstattung. Man sieht vielversprechende Angriffe nicht, weil immer genau zu diesem Zeitpunkt jemand vor einem aufsteht und Bier holen geht. Man hat nur einen Platz hinten rechts im Biergarten bekommen und sieht statt des rechten Viertels der Leinwand nur einen Kastanienzweig.

Überhaupt – der Platz. Beim Public Viewing kommt die Handtuch-Mentalität unseres Volks in seiner Reinform zum Vorschein. Vier Stunden vor Spielbeginn sitzen die ersten einsamen Gestalten an riesigen Tischen und bewachen sie wie eine Wolfsmama ihre Jungen. Da muss man nicht mitmachen.

Die besten Fußballabende hatte ich immer bei Freunden oder bei mir zu Hause. Im Wohnzimmer, im Garten, in einem leerstehenden Laden im Erdgeschoss. Mit Beamer oder einfach einem mittelgroßen Fernseher, einem Grill im Hinterhof und einem gesicherten und jederzeit erreichbaren Getränkevorrat im Kühlschrank. Und all das brauche ich jetzt noch nicht zu planen. 


Text: eric-mauerle - Foto: dpa

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