Kein Mensch isst eine Insel

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Bild: Martin Hossbach "Zuhause" ist der erste Roman von Kristof Magnusson, erschienen im Antje Kunstmann Verlag. Ab Donnerstag ist er auf Lesetour durch Deutschland unterwegs: 8.9. / 20 Uhr / München, blumenbar im Kunstverein 19.9. / 20 Uhr / Berlin / Möbel Olfe 23.9. / 23 Uhr / Köln / WDR Eins Live Klubbing 20.10. / Frankfurt / Brotfabrik / "Heimatabend" mit Kristof Magnusson (Lesung) und Final Fantasy (Konzert) Für jetzt.de hat Kristof Magnusson einen kleinen Reiseführer über seine Heimat Island geschrieben. Meine Lieblingshypothese geht so: Das ganze Universum besteht nur aus einem Teilchen. Dem Omnitron. Das bewegt sich so schnell, dass es für das ganze Universum auf einmal zuständig sein kann. Manchmal finde ich es schade, dass ich nicht dieses Teilchen sein kann, weil ich gerne woanders bin. Ich mag andere Orte, nicht zuletzt, weil ich es interessant finde, dass Orte, wenn sie mal populär sind, auch ziemlich lange populär bleiben. Bei Orten gibt es keine One-Hit- bzw. One-Season-Wonder: Barcelona mochten alle schon vor Jahren, Krakau auch, genauso Marseille. Island geht es ähnlich – es wird seit Jahren gemocht, und eine ständig ansteigende Zahl von Leuten ist entweder bereits da gewesen oder hat zumindest etwas darüber gelesen. Ziemlich viele haben auch schon mal einem Isländer die Frage gestellt: „Kennst du Björk?“. Ich kenne Björk nicht. Sie ist nur einmal im Schwimmbad an mir vorbeigeschwommen. Jón Thór Birgisson hingegen, der Sänger von Sigur Rós, ist immerhin schon mal an mir vorbeigetanzt. Es war ein Abend im Reykjaviker Club Spotlight, zu der Zeit, als die Schwulen und Lesben ihn eigentlich nicht mehr mochten, weil es ihnen zu technoprollig geworden war und die Technoprolls ihn noch nicht so richtig mochten, weil es ihnen zu schwul war, aber doch irgendwie alle zusammen gefeiert haben. Ich holte mir ein Bier, es lief "Boom Boom Boom" von den Outhere Brothers und vor mir tanzte Jón Thór. Womit wir mittendrin wären in den Dingen, die ich an Island mag: Da wäre, erstens, die Szene. Allein dass man das so sagen kann – es gibt eine Szene. Die neurotischen Indieboys müssen mit den Hiphoppern zusammen feiern und dabei im Laufe der Nacht zwangsläufig zu dem einen oder anderen Schrottpopklassiker tanzen, weil es zwar viele Clubs gibt, aber kaum welche, die sich einem bestimmten Nischenpublikum verschrieben haben. Dazu liegt alles zu nah beieinander, die Leute wollen von einem Club zum anderen gehen und ihre Freunde treffen. Dadurch ist Island auch von der Epidemie der 80er Partys verschont geblieben, auf die in Deutschland hauptsächlich Leute gehen, die sich seit Ende der 80er nicht mehr für Popmusik interessieren. Ausnahmen? Der Club Sirkus auf dem Klapparstígur, wo bis vor einigen Jahren der Laden war, in dem mein Vater, als er klein war, für meinen Großvater Zigaretten gekauft hat. Da läuft ausschließlich Indie, aber es passen auch nur ein paar Dutzend Leute rein. Die isländische Musik befindet sich seit derselben Zeit in einem Popularitätsaufschwung wie das Land, was die Frage aufwirft, ob die Musik eine Folgeerscheinung des Island-Hypes ist oder umgekehrt: ob die Musik das Land überhaupt erst für eine Klientel abseits von Extremcampern und Pferdemädchen attraktiv gemacht hat. Begonnen hat das alles, natürlich, mit Björk. Ebenfalls hinlänglich bekannt sind inzwischen die vier Jungs von Sigur Rós, die in ihrem zum Studio umgebauten Schwimmbad gerade ein neues Album aufgenommen haben. Dann natürlich die Halbisländerin, Kylie-Songschreiberin und Herr-der-Ringe-Sängerin Emiliana Torrini, deren italienischem Vater die erste Pizzeria Reykjaviks gehört. Meine Lieblingsband jedoch ist Múm. Sie schaffen es wie keine andere Band, akustische Instrumente und Elektro zu verbinden. Ich bin nicht gut darin, Musik zu beschreiben, so mit Whawha-Gitarren, flächigen Synthielandschaften und Trip-Hop-Einflüssen. Als ich in meinem Roman „Zuhause“ die Musik von Múm mit ein paar Sätzen beschreiben wollte, hat das drei Tage gedauert: „Irgendwas in Múm ließ auch mich an die Zeit denken, als wir noch Musik hörten, von der man große Augen bekam. Bevor wir angefangen hatten, Musik zu hören, zu der man die Augen zusammenkniff und in dunklen Räumen umhersprang. Jetzt waren wir offensichtlich alt genug, um wieder Lust zu haben auf Musik, von der wir große Augen bekamen.“ Wer sehen will, was die isländische Musikszene zur Zeit treibt, sollte im Oktober zu den IcelandAirwaves gehen. Die Airwaves sind ein auf ganz Reykjavik ausgedehntes Festival, während dem man mit einem Armband in eine ganze Menge Clubs reinkommt und neben ausländischen Attraktionen wie Zoot Woman alles hören kann, von dem man vielleicht schon mal oder garantiert noch nie gehört hat – von Gus Gus über Mínus bis zum Apparat Organ Quartet. Da das Festival vier Tage dauert, ist das Armband außerdem ein guter Aufhänger für Gespräche mit anderen Musikfans im Schwimmbad. Leider ist meine zweitliebste isländische Band diesmal nicht dabei, Trabant. 5 Jungs, die nach eigenen Angaben Musik für „Schweiß, Neonlichter und eine Welt, in der es schiefgelaufen ist“ machen. Vor einigen Jahren war Trabant mal eine seriöse Elektroband der schönen Melodien, abstrakten Sounds und großen Beats, die von überall herzukommen scheinen, selbst wenn man sie durch die Laptoplautsprecher hört. In dieser Zeit haben sie ein schönes Liebeslied gemacht: Superman. „I dream of you, I want you to be true.“ In den letzten Jahren hat Trabant eher mit bombastösen, semi-pornografischen Live-Performances von sich reden gemacht, was auch wunderbar zu ihrer Musik passt. Ich habe gerade zum ersten Mal in meinem Leben Lust, ein Fanzine zu gründen, dabei habe ich mir doch vorgenommen, noch etwas über die isländische Tierwelt zu schreiben. Und über das Essen. Wer „eina med öllu” sagt, bekommt auf Island eine Wurst mit Senf, Ketchup, Remoulade, Zwiebeln und Gurkenscheibchen. Die landesweit besten Würstchen stellt der Schlachtverband Südland her, die SS-Würstchen. Die besten Hot Dogs der Stadt gibt es bei einer Bude, die sich praktischerweise gleich „Die Besten der Stadt“ genannt hat und im Vergnügungsviertel 101 Reykjavik liegt. Letztes Jahr aßen Metallica dort und sprachen auch gleich in den Sieben-Uhr-Nachrichten darüber. Am nächsten Tag schaltete der stolze Würstchenhersteller in der Tageszeitung eine ganzseitige Anzeige mit nur einem Satz: „SS-Würstchen - and nothing else matters.“ Die gängigen Kreditkarten werden akzeptiert. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Bier erst 1989 legalisiert wurde, dass die Isländer das beste Malzbier der Welt herstellen. Es schmeckt so bitter und gleichzeitig süß, dass es fast allen amerikanischen und auch einigen der isländischen Biere vorzuziehen ist. Auch bei seinem Namen zeigt sich wie bei „Die Besten der Stadt“ die isländische Neigung zu ‚what you see is what you get’: Malt. Um das korrekt auszusprechen, muss man allerdings versuchen, ‚Malcht’ zu sagen und sich dabei vorstellen, man sei eine mindestens achtzigjährige deutsche Volksschauspielerin. Der Preis für den ungewöhnlichsten, mir bekannten Schokoriegel geht an meinen bereits unter Szene erwähnten Großvater, der vor über 60 Jahren in seiner Fabrik Freyja einen Schokoriegel erfand, der aus mit Vollmilchschokolade umhüllten Lakritzstangen besteht. Das ganze heißt Draumur, Traum, und schon das Aroma der durch die Schokolade hindurchduftenden Lakritze lohnt den Kauf. Lárus, die Hauptperson in meinem Roman „Zuhause“, ist Vogelfilmer. Also eigentlich kein richtiger Vogelfilmer, der sich einen Busch auf den Kopf setzt und wartet, sondern eher jemand, der Vögel in Städten filmt. Urbane Vögel. Das zu erklären, würde jetzt zu weit führen. Auf jeden Fall habe ich mich während der Arbeit sehr viel mit Vögeln beschäftigt, so dass ich hier als Vertreter der reichhaltigen isländischen Tierwelt einen Vogel featuren möchte, den Goldregenpfeifer. Der Goldregenpfeifer tut mir etwas leid, da er seit Jahren als isländischer Nationalvogel und Frühlingsbote herhalten muss. Dabei ist er eigentlich ein ganz reizend langweiliger Vogel mit braunem Gefieder und einem weißlichem Rallyestreifen, einmal ganz rum. Wenn er aus seinem südlichen Winterquartier zurückkehrt, freuen sich die Leute, weil dann der Frühling beginnt. Ist der Frühling dann da, ist der Goldregenpfeier den Leuten ziemlich egal. Daher läuft die ‚Lóa’, wie der Goldregenpfeifer auf Isländisch heißt, den ganzen Sommer von Krüppelbirke zu Krüppelbirke und gibt einen immer gleichen Ton von sich, so etwas wie ‚Bi’. Ein gelangweiltes, immer gleiches ‚Bi’, viel mehr ist im Bezug auf Vogelgesang von Island nicht zu erwarten.

  • teilen
  • schließen