Kein Mut, nirgends

Die neuen Bücher, die sich mit der Generation der 25- bis 35-Jährigen befassen, machen statt Mut leider nur schlechte Laune.
mercedes-lauenstein




Nach einem in Rekordzeit absolvierten Studium arbeitet Anna als Junior Assistant in einer Werbeagentur. In ihrer Freizeit geht sie zum Yoga und trifft coole Freunde in coolen Bars. Bastian hingegen ist ein Chaot. Ein total sympathischer natürlich, denn er ist nicht minder schlau, lustig und cool als Anna – nur kriegt er halt irgendwie nichts auf die Reihe. Die Autorin Nina Pauer hat die beiden als Stellvertreter unserer Generation erfunden. „Wir haben keine Angst" heißt das Buch, in dem sie ihrer eigenen Generation ein dringendes Therapiebedürfnis attestiert. An Anna und Bastian führt sie diese Therapie dann auch gleich aus. Die beiden eint nämlich trotz aller Gegensätze die quälende Suche nach dem richtigen Lebensweg. Die Angst frisst sie auf, sich in Anbetracht ihrer endlosen Möglichkeiten falsch zu entscheiden. Pauer vergleicht das Leben der beiden mit einer immerwährenden Castingshow: In wechselnden Passagen lässt die Autorin Anna bei „Germanys Next Selbstverwirklicher" antreten und Bastian bei „Deutschland sucht den Superselbstverwirklicher."

Meredith Haaf windet sich in ihrem Buch „Heul doch" um eine ähnliche These: Unsere Ängste seien zwar bemitleidenswert, aber dennoch unnötige Luxusprobleme. Sie geht also offensiver vor und fordert, wir mögen ein für alle Mal aufhören mit der Zukunft zu hadern und endlich Verantwortung für die wichtigen politischen Fragen abseits von Facebook-Account und Lebenslauf übernehmen. Sie wählt einen wissenschaftlicheren Ansatz als Pauer, denn, das stellt sie von vornherein klar: Sie will auf gar keinen Fall ein vor durchfeierten Nächten, EasyJet- und banaler American Apparel-Geschichten strotzendes Generationenbuch schreiben. Ihr Anliegen ist es, anhand von Shell-Jugendstudien, über die 68-Eltern-Generation und die wichtigsten politischen und weltgeschichtlichen Pfeiler der letzten dreißig Jahre zu definieren, wo unsere Luxusprobleme herkommen und wieso wir ihnen nicht hoffnungslos ausgeliefert sind.

Besonders paradox ist, dass die Autorinnen in ihren Büchern ausdrücklich schreiben, dass ihnen der Generationenbegriff ein Graus ist. So wenig, wie sie selbst unter keinen Umständen ein bestimmtes Label aufgedrückt bekommen möchten, wollen sie auch anderen kein Label aufdrücken. Anstatt den Stift in der Konsequenz sofort fallen zu lassen, machen sie aber einfach weiter. Ganz so, als wollten sie sagen: „Nur noch einmal, okay und dann muss das aber wirklich ein Ende haben mit den Generationenbüchern! Ich sage euch, wie es wirklich ist und Punkt." Was sie schreiben, wird dann leider tatsächlich zu genau dem, was sie vermeiden wollten: Ein ziemlich dreistes, mehrere hundert Seiten langes Rumgestampfe auf der gesund-naiven Lebenslust des Lesers. Pauer klebt uns das Versagensangst-Etikett auf die Stirn, Haaf haut noch einen Meckerliesen-Stempel obendrauf.

Man kann nicht einmal behaupten, dass das, was die Autorinnen über die Generation der 25- bis 35-Jährigen schreiben, grundsätzlich falsch ist. Ganz im Gegenteil, immer wieder erkennt man sich in ihren Thesen wieder: Ja, wir wollen tatsächlich glücklich werden und wir wollen unsere vielen Möglichkeiten optimal nutzen. Wir haben Angst, dass wir das nicht schaffen. Doch wieder und wieder von unseren Ängsten und unseren Zweifeln zu reden, ist genau das, was wir nicht gebrauchen können, wenn wir uns von ihnen lösen wollen. Wir brauchen keine Kritik. Wir brauchen Lob.

Leider wird man aber während der gesamten Lektüre das Gefühl nicht los, dass die Autorinnen gar nicht erst versuchen, ihre eigene Generation auch mal in gutem Licht zu betrachten. Sie werden stattdessen nicht müde, ständig ziemlich zutreffende Mitschnitte ihres Alltags abzuspulen. Aber nicht die guten, sondern die schlechten Teile dieses Alltags. Das ist ein bisschen wie zwangsweise Tonaufnahmen der eigenen Stimme vorgespielt zu bekommen: Man ist in einer Tour damit beschäftigt, sich für seine Unerträglichkeit zu schämen. Die Autorinnen flöten einem die eigene, angebliche Behinderung so lange ins Hirn, bis man glaubt, von Geburt an zu einer Identität als träger Nörgelheini verdammt zu sein. Das war es dann mit all der Lebenslust und dem Mut, das eigene Leben vorbehaltslos und leidenschaftlich in die Hand zu nehmen. Für eventuellen Stolz oder das Anerkennen der Vorteile unserer Zeit bleibt kein Platz.

Vor allem in Haafs Buch bekommt man das Gefühl, relativ gnadenlos behandelt zu werden. Komplimente? Stolz auf die Vorteile unserer Zeit? Das verweichlicht unnötig!  Außerdem haben wir keinen Grund zur Freude, denn unsere Zukunftmusik bestehe aus nichts weiter als einem „schreckensvollen Dreiklang aus Energiekrise, Klimawandel und Massenarbeitslosigkeit", so Haaf. Das halbseidene Trostpflaster, mit dem sie einen schließlich aus dem Buch entlässt, trägt die simple Aufschrift: Laber nicht, kritisiere mehr! Eine Aussage, die nicht recht einleuchtet, weil ja auch Kritik großes Gelaber sein kann. Bei Pauer läuft das Ganze glücklicherweise verzeihlicher ab. Ihr Fazit lautet: Du musst deine verängstigte Mentalität akzeptieren, das ist der erste Schritt zur Besserung. Das ist zwar auch eine eher vage Pointe für ein ganzes Buch, aber immerhin ist es nicht so aggressiv.

Warum und für wen also haben die Autorinnen ihre Bücher nun eigentlich geschrieben? Sicherlich nicht um zu bewirken, dass wir uns von den angesprochenen Ängsten und Zweifeln losmachen. Sie bewirken ja das Gegenteil: Wer vorher noch kein großes Problem mit dem Erwachsenwerden hatte, hat es spätestens nach der Lektüre ihrer Bücher. Natürlich leiden wir hin und wieder unter dem Erwachsenwerden und unter dem Finden des richtigen Maßes. Sicherlich tun wir das auch aus anderen spezifischen Gründen als die Generationen vor uns. Aber wir tun es nicht aus völlig abnormalen, geradezu vernichtenden Gründen, die man so stark dramatisieren muss, wie die Autoren es in ihren Büchern tun.

Es wirkt ein bisschen, als seien ihre Bücher allein dafür da, sich selbst auf ein den blinden Zeitgenossen übergeordnetes Podest zu stellen. Zumindest würde das dann auch wieder ziemlich gut zu dem in ihrem Buch propagierten Selbstbild passen.

Falsch wäre es trotzdem, den Autorinnen jetzt etwas zu entgegnen wie: Heult halt selbst! Das würde nur bewirken, dass das Geseiere von vorne losginge. Und unter Umständen erläge man dann auch schnell dem Reflex, nun wirklich aber mal das letzte Generationenbuch zu schreiben. Und zwar darüber, wieso unsere Generation offenbar nicht von dem Drang wegkommt, ständig Bücher über sich selbst zu schreiben. Und weshalb sie damit eines Tages in der ewigen Spirale des tatenlosen Jammerns über die eigene jammernde Tatenlosigkeit stecken bleiben wird. 

Text: mercedes-lauenstein - Foto: benicce / photocase.com; Piper Verlag; S. Fischer Verlag

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