Knallhart ist anderswo

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Würde ich mir mein Bild des Berliner Stadtteils Neukölln, genauer Nordneukölln , aus den aktuellen Medienberichten und aus meinem Erlebnis vor der Kinoleinwand („Knallhart“) zusammensetzen, dann sähe es ungefähr aus: 1. Hier ist Krieg, wer sich auf die Straße traut, wird erschossen, erstochen oder tot getreten; zumindest aber ausgeraubt und niedergeschlagen. 2. Diese Überfälle zeichnen Jugendliche mit ihren Kamerahandys gleich auf und versenden sie an von Gewalt begeisterte Gleichaltrige in aller Welt. 3. Überall zwischen der Hermannstraße und dem Maybach-Ufer lauert zwielichtiges Gesindel, auf offener Straße wird mit den härtesten Drogen gedealt, kaum jemand spricht hier deutsch. 4. Einzelne Polizisten trauen sich schon lange nicht mehr hierhin. Und wenn doch, werden auch sie attackiert. 5. Schulen bitten um ihre Schließung, der Schulsenator muss Polizeischutz anweisen (am besten eine Hundertschaft, damit die Polizisten eine Chance haben) und: Wo bleibt eigentlich die Bundeswehr? Ein "gefährlicher Ort"?

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Illustration: Julia Schubert

Ein Schüler der Rütli-Schule und seine Jacke. Ein Motiv, das die Zustände in Neukölln charakterisiert. Angeblich. (Foto: dpa) Mein Blick auf Nordneukölln fällt anders aus. Ich brauche ja nur aus dem Fenster zu sehen. Die Rütli-Hauptschule liegt 500 Meter östlich von unserer Wohnung; die Straße, in der vor einer Woche tatsächlich ein Polizist erschossen wurde, 500 Meter südlich. Ich lebe hier seit vier, meine Freundin sogar schon seit zwölf Jahren. Keiner von uns ist im Kiez je überfallen, ausgeraubt oder niedergeschlagen worden. In unsere Wohnung wurde noch nie eingebrochen. Meiner Freundin wurde einmal das Fahrrad geklaut – in Kreuzberg. Ja, gelegentlich grölt mal jemand auf der Straße herum: der Häuserblock gegenüber liegt zwischen einer Kneipe und einer gut besuchten Tankstelle und wer nachts Alknachschub braucht, kommt an dieser Tanke nicht vorbei. Im Hauseingang gegenüber verticken irgendwelche Leute Shit oder das, was die Kundschaft dafür hält. In den Volkspark Hasenheide, den die Bezirks-CDU längst zum „gefährlichen Ort“ ausgerufen hat, gehe ich regelmäßig. Da stehen auch immer ein paar Dealer rum. Aber dass ich von dort jedes Mal schweißgebadet nach Hause zurückkehre, liegt nicht an ihnen, sondern daran, dass die Hasenheide für Jogger wie mich einen attraktiven Rundkurs bietet. Auf der Straße wird türkisch, kurdisch, arabisch und deutsch gesprochen. Es liegt ein wenig Müll herum, aber deutlich weniger als zum Beispiel gerade in Stuttgart, wo die Abfallentsorger streiken. Wie ziehen hier unsere Kinder groß Jetzt mal im Ernst: Das hier ist sicher nicht das Paradies auf Erden. Vieles, was an Hass und Gewalt vorhanden ist, wird einfach nicht sichtbar und vom Bullying auf den Pausenhöfen und vor den Schulen bekomme ich nichts mit. Aber die Hölle ist Nordneukölln eben auch nicht. Manchmal pöbelt einen irgendeine jugendliche "Peer-Group" im Vorbeigehen dumm von der Seite an. Meine Freundin meint, so etwas habe in letzter Zeit zugenommen. Aber das könne auch an ihrer Wahrnehmung liegen, schiebt sie gleich hinterher. Früher habe sie einfach zurückgepöbelt, dann sei es auch schon gut gewesen. Heute mache sie das nicht mehr. Das liegt daran, dass wir zwei Kinder haben, eine Tochter (4) und einen Sohn (1). Ja, wir sind nicht nur so lebensmüde und wahnsinnig, in Nordneukölln zu leben. Wir ziehen hier auch noch unsere Kinder groß. Ihnen wie uns gefällt es mit Abstrichen ganz gut (wobei der Einjährige sich dazu noch nicht äußern kann), im Sommer mehr, im Winter weniger. Die Winter in Berlin können ganz schön Scheiße sein. Das betrifft aber nicht nur Nordneukölln. Wenn wir dann noch hier wohnen, unsere Kinder das entsprechende Alter erreichen und unbedingt zur Hauptschule gehen wollen, dann müssten wir sie vielleicht morgens zur Rütli-Schule bringen und nachmittags dort abholen. Am Anfang zumindest, später werden sie den Weg wohl alleine finden. Nach dem neuen Berliner Schulgesetz könnte diese Schule wegen der Nähe zur Wohnung die obligatorische Einzugsschule für unsere Kinder sein. Als ich heute Mittag dorthin gehe, um zu sehen, was wirklich los ist, ist es ein ganz normaler Kurzspaziergang durch Nordneukölln. Keine Leichen auf der Straße, keine Gefechte zwischen Polizei und renitenten Schülern, weder brennende Autos noch Barrikaden. Ja, laut ging es dort zu, vor diesem sehr gepflegten hellen Bau. 20 oder 30 Schüler scharen sich um 20 oder 30 Journalisten, die sich vor die Höhle des Löwen trauen. Die Schüler sind laut, weil sie aufgeregt sind. Endlich nimmt sie mal jemand Ernst, will was von ihnen wissen und sie nicht gleich nach dem dritten Bagatelldelikt abschieben am besten zusammen mit ihren integrationsunwilligen Familien. Arabisch, unterprivilegiert, fertig Glaubt man verschiedenen Medien, dann resultiert das Nordneukölln-Problem hauptsächlich aus der Mischung von vielen arabischen Familien und dem Fehlen einer deutschen Mittelschicht. Überall also nur Prolls aller Nationen, vor allem aber der arabischen, die den täglichen Straßen- und Überlebenskampf unter sich ausmachen. Unsere Nachbarn im dritten Stock sind vor Jahren aus dem Libanon hergekommen. Sind sie und ihre fünf Kinder gemeint, wenn der Berliner „Tagesspiegel“ über arabische Jugendliche schreibt: „Sie lassen ihren Frust tätlich an anderen aus, weil ihre Eltern ihnen nicht beigebracht haben, wie man mit Konflikten umgeht und Niederlagen verkraftet“? Ich kann mir das kaum vorstellen, höflichere Nachbarn und freundlichere Kinder kann man sich kaum wünschen. Ja, die fehlende Mittelschicht. Etwa die Hälfte der Bewohner unseres Mietshauses gehört zur Mittelschicht. Viele typische DINKs („Double Income No Kids“) – außer uns: Einfaches Einkommen plus Kinder- und Erziehungsgeld, zwei Kinder, dennoch nach den gängigen soziologischen Kriterien „Einkommen“ und „Status“ ein klarer Fall von Mittelschicht. Wir laufen nicht verlottert herum, können im Sommer in Urlaub fahren oder fliegen und am Ende des Jahres muss der benachbarte Arbeitersamariterdienst trotzdem nicht mit Weihnachtsgeschenken aushelfen. Das liegt sicher auch an den günstigen Mieten in Nordneukölln. Lebten wir in München, gehörten wir wohl eher zur Unterschicht. Und nochmal, von wegen keine Mittelschicht: In der Parallelstraße macht gerade jeden Monat eine Galerie, ein Café oder ein Bistro neu auf (und manchmal auch schnell wieder zu). Auf dem Gehsteig vor dem Kohlenhändler um die Ecke hörte ich neulich, wie sich ein Student über die „schleichende Gentrifizierung“ Nordneuköllns beschwerte: „Is’ ja bald wie in Mitte – jetzt ham’ wa bald die janzen Yuppies hier!“ Unsere Kinder in die Rütli-Schule schicken? Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg. Ungefähr so weit wie der zu den viel beschworenen Harlemer Verhältnissen (obwohl es sich auch dort gut leben lassen soll, wie mir ein befreundeter Lektor und Übersetzer aus dem Amerikanischen neulich versicherte). Vielleicht wohnen wir dann auch gar nicht mehr in Nordneukölln. Unsere Vierjährige wird in spätestens zwei Jahren zur Schule gehen müssen und der Ruf der meisten Schulen hier ist, wie man hört, wirklich schlecht. Eigentlich darf man sich davon nicht abschrecken lassen und sollte die Kinder erst recht dorthin schicken. Machten nur genügend Mittelschichtseltern dasselbe, so würden sich die Verhältnisse vielleicht ändern. Aber welche Eltern bringen schon den Mut auf, ihren Kindern eine so harte Schule des Lebens zuzumuten? Ich befürchte, wir werden nicht zu denen gehören, die sich so etwas trauen. Das hat aber eher mit der Schule selbst zu tun - und nichts mit dem Kiez, in dem sie steht. Mehr zu diesem Thema auf jetzt.de: Vorschläge und Ratschläge: peter-wagner hat die Debatte um die Schule in Berlin-Neukölln zusammengefasst.

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