Königin vs. Burgfräulein

Auch in einem Königreich in Größe von drei WG-Zimmern besteht ein Herrschaftsanspruch.
friederike-vonhelden

Ein Königreich muss nicht groß sein. Eine 3-Zimmer-WG kann bereits ausreichen, damit eine wahre Königin hier ihre Macht entfalten kann.
Die WG meines Freundes ist so ein 3-Zimmer-Königreich. Seit vielen Jahren lebt er hier mit seinen beiden Mitbewohnern, innerhalb der letzten Jahre die wir nun zusammen sind, habe ich mir langsam aber sicher einen Platz in der WG-Hierarchie erkämpft.

Ich bin sozusagen das Burgfräulein: Niemand ist mehr überrascht, wenn ich mit wallendem Haar und großem Augenaufschlag die Haustür öffne, man hat sich an meine Anwesenheit gewöhnt. Keine Frage, die WG schätzt mich. Komme ich eine Zeit lang seltener, wird bei meiner Ankunft vielleicht nicht mehr der rote Teppich für mich ausgerollt, für’s Klo putzen reicht es dann meistens aber doch noch. Hier springt niemand mehr auf, um unkönigliche Aufgaben wie den Abwasch oder das Heraustragen des Biomülls für mich zu übernehmen und das ist mir auch sehr recht. An dieser Stelle könnte die Geschichte also enden, das Burgfräulein würde glücklich bis an ihr Lebensende im 3-Zimmer-Schloss verweilen...


... wären da nicht die Konkurrentinnen, die regelmäßig von hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen angereist kommen. Besser bekannt als: die Freundinnen von Paul, dem Mitbewohner meines Freundes. In jenem Moment, in dem er seine neue Partnerin in der WG vorstellt, gerät automatisch die alte Hierarchie ins Wanken. Anstatt sich so gleich mit der Rolle des zweiten Burgfräuleins zufrieden zu geben, wollen diese Frauen nämlich zunächst mehr sein: Eine Königin. Aus Märchen wie Schneewittchen wissen wir allerdings, dass Königinnen oft zu groben Fehlurteilen neigen, was ihre Konkurrenz angeht. Ein Kampf um die Alleinherrschaft im Königreich 3-Zimmer-WG ist somit vorprogrammiert.  



1. Duell – „Ich kenne meinen Freund besser als Du“
Das erste Duell zwischen mir und der angehenden Königin findet zumeist nach ein paar Tagen am Frühstückstisch statt. Wurde zuvor nur kurzer Smalltalk auf dem Gang geführt, in dem sie klarstellte, wer mehr Lebenserfahrung vorzuweisen hat („Ach, Du bist also diese ‚Generation Bachelor’? Ich mache ja noch ein Magister und bin froh darüber“), werden nun Statements im Bereich „Ich kenne meinen Freund besser als Du“ gesetzt. Das beginnt beim Verteilen der Brötchen („Paul mag ja am liebsten die Weltmeisterbrötchen von der süßen Handwerksbäckerei an der Ecke“) und endet bei der Diskussion über das heutige Freizeitprogramm („Bevor Paul mit mir zusammen war stresste er sich immer so, deshalb machen wir uns einen ruhigen Nachmittag“). Zwar sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Paul sehr zufrieden ein Weißbrötchen mit seinem Kiefer zermalmt und erinnere mich, wie er sogar in der Endphase seiner Diplomarbeit lieber feiern ging, anstatt sich zu stressen, aber gut – dieses Prozedere kenne ich bereits von Pauls Ex-Freundinnen. Ihr Verhalten soll mir zeigen: „Bei mir ist es anders. Wir sind uns bereits jetzt näher, als Du oder jede andere Frau es je war“. 
Dass ich Paul gar nicht nah sein möchte, vergisst sie dabei. Ich mache einen Witz über den dritten Mitbewohner Tim, der sich letzte Nacht mal wieder heimlich über den Kühlschrankinhalt her machte. Der Thronanwärterin bleibt gar nichts anderes übrig, als mitzulachen.    


2. Duell – „Ich führe das bessere Leben als Du“
Ein weiterer Schritt zur Manifestierung der neuen Hierarchie wird beim gemeinsamen Abendessen wenige Wochen später begangen. Die Anwärterin auf den Königsthron konnte sich mittlerweile einen Überblick über das WG-Leben verschaffen. Hat Tim einmal wieder alle Lebensmittel verputzt, schwingt sie drohend aber mit einem Lachen den Kochlöffel und sagt Sätze wie „Du weißt halt wie gut mein Auflauf immer schmeckt“. Jede ihrer Fragen an mich gleicht einem vergifteten Apfel – wenn ich zugreife und eine in meinen Augen kluge Antwort gebe, führt sie mich in meiner angeblich fehlenden Weltgewandtheit  vor. Anstatt sich über ihre Kenntnisse über ihren Freund zu definieren, will sie nun allen zeigen, dass sie schon immer ein weltoffenes und aufregendes Leben gewöhnt war. Das Burgfräulein soll dabei nicht ansatzweise die Chance bekommen, in der öffentlichen Wahrnehmung der Königin das Wasser reichen zu können. Oft sagt sie Sätze wie „Sag doch auch mal was dazu, Schatz!“ obwohl ihr Schatz’ Meinung offenkundig egal ist.  


3. Duell – „Vielleicht sollten wir uns doch verbrüdern?“
Nach einem halben Jahr hat auch die angehende Königin gemerkt, dass sie eben doch nicht in einem Palast, sondern in einer 3-Zimmer-Wohnung haust. Putzte Paul anfangs noch bevor sie kam, liegen nun Wollmäuse unter seinem Bett. Zur süßen Handwerksbäckerei an der Ecke geht er auch nicht mehr, stattdessen gibt es Toast zum Frühstück. Und auch die anderen WG-Bewohner wollen ihren Königinnenstatus nicht so recht akzeptieren. Niemand lobt sie für ihr Sendungsbewusstsein am Abendbrottisch, von Tims nächtlichen Fressattacken ist sie mittlerweile genervt. „Höchste Zeit, zum Volke herabzusteigen“, denkt sich die Königin spätestens, als sie mit Paul den ersten Streit über die nassen Handtücher hat, die er immer zerknittert auf den Boden wirft. Was bietet sich da mehr an, als die Verbrüderung mit dem Burgfräulein? Auf einmal fragt sie, ob sie vom Einkaufen etwas mitbringen soll. Nennt mich nur noch beim Spitznamen und vertritt in Diskussionen auch mal meine Meinung. Ich merke, wie die restliche WG und ich uns in ihrer Anwesenheit merklich entspannen. Wir könnten nahezu ein gutes Burgfräulein-Duo abgeben, sie und ich.  


4. Duell – Finale  
Mit den Freundinnen von Mitbewohnern endet es oft wie im wahren Leben: Entweder, sie werden die Königin der Herzen oder unsanft abgesetzt. Im Falle von Paul trat bisher stets zweiteres ein. Irgendwann kam die Königin einfach nicht mehr. Allerdings war es nie so, dass ihr unser Königreich nicht mehr gefallen hätte – Paul fand nur einfach keinen Gefallen mehr an ihr. Nicht allzu selten klingelte dann, während ich mich gerade wieder an das Leben als einzige Frau im Königreich gewöhnte, mein Handy. Es war die ehemalige Thronanwärterin. Sie wollte von mir, „ihrer Verbündeten in dieser schrecklichen WG“, wissen, warum Paul sie verlassen hatte.     


Text: friederike-vonhelden - Cattari Pons / photocase.com

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