Körperverkauf für Unerschrockene: Die Nahrungsmittel-Tester

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1. Michi und die 120 Tage von Joghurt Es ist wieder Platz im Kühlschrank, und Michi hat die entstandenen Lücken hauptsächlich mit Cola und Wurst aufgefüllt. Michi, 33, ernährt sich nicht grundsätzlich ungesund, es ist nur so, dass er zum Beispiel von Milchprodukten erst mal die Nase voll hat. 120 Tage Trinkjoghurt hat er hinter sich, zweimal am Tag. Für 500 Euro und eine internationale Firma, die klinisch-medizinische Studien durchführt und dafür stets Probanden sucht: Vom Opa mit Mundgeruch bis zur jungen Frau mit Verdauungsbeschwerden. Nicht immer handelt es sich dabei um das gemütliche Einnehmen von Milchprodukten im Wohnzimmer, meist müssen neue Medikamente oder Impfstoffvariationen erprobt werden. „Da würde ich nicht mitmachen. Spritzen, nee. Ich hab schon mal gesehen, wer bei solchen Studien im Warteraum sitzt – das sind dann auch wirklich nur Rentner und ganz finanzschwache Leute. Aber bei Joghurt, was soll da schon passieren“, sagt Michi. In seinem Fall sollte ausprobiert werden, ob regelmäßiges Einbringen von probiotischem Trinkjoghurt auch dann von Vorteil für den Körper ist, wenn der Körperbesitzer im Schichtdienst ackert. Michi arbeitet am Flughafen und passte ins Profil. Regelmäßig alle zwei Wochen hat er eine gekühlte Styroporkiste voller kleiner weißer Plastikflaschen erhalten und jeden Tag vor und nach dem Schlafengehen eine geleert. Geschadet hat es nicht, zumindest nicht bis jetzt. „Es war aber schon irgendwie gruselig, diese Testfläschchen sehen aus wie Medikamente.“ Oft musste er sein Joghurtsortiment noch einmal durchzählen, um nicht zu viel oder zu wenig davon zu schlucken. „Das nächste Mal schreib ich vorher das jeweilige Datum drauf.“ Denn gelohnt hat es sich schon, findet Michi, und er würde auch jederzeit wieder mitmachen. Er wird von dem Geld nach London fliegen.

Gratis dazu gab es einen Rundum-Gesundheitscheck vor und nach der Studie sowie 50 Euro extra für eine Erkältung – die sollte man nämlich bei Anwendung von Probiotik-Produkten eigentlich nicht kriegen. Schweigegeld, um die Bilanz zu schönen? „Nein, die kriegen ihr Ergebnis sowieso hin. Man fängt sich am Flughafen schnell mal eine Mandelentzündung oder so ein, da ist es also eine Verbesserung, wenn ich in drei Monaten nur eine Erkältung hatte.“ Zweck der Studie ist eine schöne Statistik, die sich zu Werbemaßnahmen verwenden lässt: Klinische Tests ergaben eine verbesserte Immunabwehr bei soundsoviel Prozent der Probanden, teils schon bei unregelmäßiger Anwendung. Michi weiß heute noch nicht, was für eine Geschmacksrichtung sein Joghurt eigentlich hatte, obwohl die kühlschrankblockierenden Fläschchenbatterien schon länger verschwunden sind. „Ich glaube, es war was mit Mango.“ Gesagt hat man es ihm nicht. Irrelevant für’s Endergebnis. „Aber macht auch nichts, war lecker, irgendwie.“


Nächste Seite: Stefan und die Schokoriegel 2. Stefan, der Verbraucherstudien-König Erinnert sich jemand an den Loriot-Streifen „Pappa ante Portas“? Darin verdingt sich Evelyn Hamann als Schokoriegel-Testerin in einer Süßwarenfabrik. Jedoch machen ihr bald der zudringliche Fabrikinhaber sowie grenzwertige Geschmackserlebnisse das süße Leben zur Hölle. „In Wirklichkeit ist das ja total anders“, sagt Stefan, 30. Er macht seit Jahren Verbraucherstudien mit, die im Gegensatz zu Michis heimischem Joghurtexperiment ambulant ablaufen. Alle paar Wochen nimmt er an einer Gesprächsrunde mit Produkt-Geschmackstest teil. Das veranstaltende Marktforschungsunternehmen nimmt den Lebensmittelherstellern lästige Fragen ab. Man möchte zum Beispiel herausfinden, ob der frisch entwickelte Kaugummi auch die richtige Konsistenz hat und ob die Kunden bei dieser gewagten Bonbonfarbe überhaupt anbeißen würden. Schokoriegel testen geht so: In einem neutral eingerichteten Studio treffen sich Stefan und ein paar andere Leute, die das Glück haben, in die angepeilte Zielgruppe zu passen. „Für ausgesprochene Kindersüßigkeiten bin ich halt schon zu alt“, lächelt Stefan. „Aber Riegel mit vielen Nüssen und so, die werden tatsächlich eher von Männern mittleren Alters gekauft. Die probiere ich dann, genauso wie Bier und Whiskey.“ Die ausgewählten Probanden dürfen sich vorher nicht kennen, um sich in ihrem Urteil nicht zu beeinflussen. Gleichzeitig verkosten sie die neue Kreation und geben danach ihre Impressionen zum Besten. Die nicht immer besonders lobend ausfallen: „Besonders bei den neuen Kreationen an Schokoriegeln und Limonaden mit irgendwelchen ausgefallenen Beimischungen fragt man sich als Tester schon oft, wer so was freiwillig runterkriegen soll, geschweige denn kaufen. Dem Einsatz von chemischen Aromastoffen und Geschmacksverstärkern sind da scheinbar keine Grenzen mehr gesetzt.“ Das Gute daran: Da die Entwicklung der Produkte und die Meinungsforschung dazu sehr teuer sind, bekommt man nur bereits marktfähige Lebensmittel vorgesetzt. „Es geht dabei eigentlich nur noch darum, welche Geschmacksvariante bevorzugt wird“, weiß Stefan. Trotzdem: Er hat ja schon eine Menge probiert, aber an einen bestimmten Burger einer großen Fast-Food-Kette erinnert er sich eher ungern. „Der war wirklich eklig.“ Anstrengender als das Verkosten findet Stefan die Gruppendiskussion hinterher, die normalerweise ein bis zwei Stunden dauert. „Da entstehen sehr witzige Situationen, weil Leute aus ganz verschiedenen Lebenswelten und Altersschichten zusammenkommen und möglichst frei sagen sollen, was sie denken. Manchmal platzt dann einer raus und meint: Also, die Karamelcréme war ja wie Babykacke. Es kommt auch immer wieder vor, dass alle Beteiligten ein Produkt von Anfang an total widerlich finden, obwohl die Leute extra für bestimmte geschmackliche Vorlieben gecastet wurden. Um kein völlig negatives Bild des Produktes bei den Auftraggebern abzuliefern, wird dann noch so lange drum rumgeredet, dass zumindest irgendetwas Positives rauskommt, und wenn es nur die Farbe der Verpackung ist.“ Für seine rhetorischen Mühen erhält Stefan dann zwischen 15 und 50 Euro. „Das ist eine Art Hobby geworden.“ Wer auch gerne unter die Test-Esser gehen möchte und den neuesten Auswüchsen großer Nahrungsmittel- und Pharmakonzerne gegenüber keine politisch-moralischen Bedenken hegt, kann unter probanden-online.de Ansprechpartner in seiner Stadt finden beziehungsweise sich unter no-brand.de/markt rekrutieren lassen (in München).

Text: eva-bader - Illustration: Katharina Bitzl

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