Kommt mir nicht mit Opa!

Politik, das steht in jedem Smalltalk-Ratgeber, killt auch die beste Unterhaltung. Bei unserer Autorin gilt das für jedes Gespräch im Elternhaus. Sie ist die Enkelin und Tochter von überzeugten CSUlern.
jetzt-redaktion

Amigo-Affäre, wenn ich dieses Wort schon höre! Oder am Zeitungskasten lese. Amigo, das klingt nach dem Titel einer Folge „Der Bulle von Tölz“, nach schmierigen Politikern, die sich gegenseitig bestechen, nach Dorfpolitik am Stammtisch und einem Bürgermeister, dessen Baufirma alle Großprojekte in der Gemeinde zugeschustert bekommt. Und es klingt automatisch nach CSU.  

Aktuellstes Beispiel: die „Verwandten-„ oder auch „Amigo-Affäre“ im Bayerischen Landtag. Insgesamt 79 Abgeordnete haben Familienmitglieder beschäftigt und üppig aus der Staatskasse bezahlt. Seit 13 Jahren ist das eigentlich verboten, bereits geschlossene Verträge durften aber fortbestehen. Die große Mehrheit derer, die das immer noch so handhabt und zum Teil kurz vor der Gesetzesänderung noch Ehefrauen, -männer oder Kinder angestellt haben, ist von der CSU. Ein paar von ihnen sind zurückgetreten, Ministerpräsident Horst Seehofer hält es aber für unnötig, sich von allen betroffenen Kabinettsmitgliedern zu trennen.  



Wenn so etwas bekannt wird, freue ich mich irgendwie. Weil ich mich vollends bestätigt fühle in meiner Anti-Haltung, und weil ich es liebe, mich über solche Missstände aufzuregen. Beides kommt nur selten vor, zumindest bei mir zu Hause. Dafür muss man wissen, dass mein Opa fast 15 Jahre lang Bürgermeister war, für die CSU, wie das auf dem bayerischen Land früher so war und heute oft noch so ist. Mein Uropa auch schon. Und mein Papa sitzt, für dieselbe Partei – für welche sonst – im Gemeinderat.  

Bei mir zu Hause ist es Gesetz, dass die von der Union die Guten sind. Bis in die Oberstufe habe ich nicht widersprochen, ich wusste es nicht besser und war auch zu wenig politisch interessiert, um echte Argumente zu haben. Irgendwann habe ich angefangen, regelmäßig Nachrichten zu schauen, in der Schule haben wir auch mal über aktuelle Politik diskutiert. Um die Zeit muss es passiert sein, dass ich das stillschweigende Übereinkommen zum ersten Mal gebrochen habe. Das, wofür die Grünen stehen, fand ich damals schon gut. Ich erinnere mich an ein Abendessen, bei dem ich das mal durchklingen ließ. Es gab kein Argument, das meine Eltern oder Oma hätte überzeugen können. Egal, was ich gesagt habe, alles wurde sofort niedergeschmettert oder sogar nur mit einem „Uns geht’s doch gut“ abgetan. Ganz am Schluss kam der Satz, bei dem jeder Psychologe die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde: „Was würde Opa dazu sagen!?“ Ich weiß es nicht. Er ist so früh gestorben, dass ich ihn gar nicht kennengelernt habe. Spätestens an diesem Punkt kann eine Situation nicht unbehaglicher werden.

So lief das immer, egal, ob ich die Grünen oder die Piraten erwähnt habe und wir von Gerhard Schröder oder Angela Merkel regiert wurden. Irgendwann habe ich es aufgegeben, mit meinen politischen Kommentaren die Abendessen zu verderben, ein paar bockige Zwischenfälle mal ausgenommen. Wir reden zu Hause nicht über Politik, auch nicht, wenn wir zusammen die Tagesschau ansehen. Vielleicht fragt mich mein Papa deshalb noch ungefähr ein Mal im Jahr (meistens, bevor er auf eine CSU-Versammlung geht), ob ich nicht doch zur Jungen Union gehen will, weil er nicht weiß, wie ich inzwischen denke. Vielleicht auch wegen meiner feigen Ausrede: „Als Journalistin kann ich doch nicht zu einer Partei gehen.“

Dann aber, als vor kurzem das Gespräch auf die „Verwandtenaffäre“ kam, fiel vor dem Totschlag-Argument mit Opa noch der Satz: „Der Hoeneß ist auch nicht besser!“ Da wusste ich, meine Vermeidungsstrategie mag keine besonders mutige Lösung sein, für mich ist es trotzdem die einzige, die funktioniert. Ich habe viele andere Gelegenheiten, um über Politik nachzudenken und zu reden und mir meine eigene Meinung zu bilden.

Zu Hause das Thema auszublenden war richtig, nicht nur für den Familienfrieden, sondern auch, um es ganz für mich allein zu haben. Ich denke manchmal darüber nach, ob ich nicht oft nur aus Trotz gegen die Überzeugungen meiner Eltern und Großeltern gemotzt habe. So wie es Kinder von alternativen Eltern geben soll, die dann FDP wählen. Mir widerstrebt es nämlich immer noch, zu Hause zuzugeben, dass ich Gerhard Schröder schon immer schlimm fand und Angela Merkel von der Schwesterpartei CDU oft ganz gut. So wie es ein geheimes Gesetz ist, dass man nichts, was ein Politiker gemacht oder gesagt hat, gut finden darf. Obwohl manches zumindest in Ordnung ist. Würde ich in einem Nebensatz Merkel lobend erwähnen, würde ich nur bestätigen, was seit Jahrzehnten an unserem Esstisch Konsens ist. Und am Ende sagt noch einer: „Opa wär ganz stolz auf dich gewesen!“

Ich mag noch gar nicht an die Wahlen im Herbst denken. Manchmal holt mich meine Ausblendungsstrategie nämlich doch ein. Egal, wo ich mein Kreuz mache, die Entscheidung wirft Fragen auf: Wähle ich Grün, weil ich es gut finde, wofür die stehen? Oder weil ich tief im Inneren doch noch der bockige Teenager bin? Wähle ich die CDU, weil ich Merkel mag? Oder doch, um Oma glücklich zu machen?


Um ihre Ausblendungsstrategie nicht zu gefährden, möchte unsere Autorin anonym bleiben.

Text: jetzt-redaktion - Foto: KONG / photocase.com

  • teilen
  • schließen