Konsequentes Signal

Marina Weisband will nicht mehr für den Piraten-Vorstand kandidieren. Frühes Ende einer jungen Politikkarriere? Großer Verlust für die Partei? Nicht im Geringsten.
christian-helten

"Oberpiratin", "Galionsfigur", "Star der Partei" – Marina Weisband wurden viele Bezeichnungen zuteil in den vergangen Monaten. Eigentlich ist sie politische Geschäftsführerin der Piraten, und damit vor allem dafür zuständig, die inhaltlichen Diskussionen um das Wohin der Partei und ihres Programms zu kanalisieren. So ein Amt ist politisches Schwarzbrot, und in anderen Parteien bekleiden es Leute wie Klaus Schüler (CDU), Astrid Klug (SPD), Gabriele Renatus (FDP), Steffi Lemke (Die Grünen) oder Werner Dreybus (Die Linke). Als Stars ihrer Partei würde diese Politiker wohl niemand bezeichnen.



Marina Weisband wurde schnell zu einer der präsentesten Figuren der Piraten. Jetzt hat sie genug von diesem Rummel. Am Mittwoch kündigte sie an, bei den Vorstandwahlen im April nicht mehr kandidieren zu wollen. Die Meldung löste fast so etwas wie eine Hysteriewelle aus. Die Partei verliere ihre Frontfrau und Identifikationsfigur, hieß es, implizierend, dass das für die Piraten ein Problem sein könnte und dass eine vielversprechende Politikerkarriere zu Ende geht, ohne richtig begonnen zu haben. Eigentlich aber ist Marina Weisbands Rückzug ein gutes Signal.

Im Oktober sagte Weisband im Interview mit jetzt.de, dass sie einen neuen Politikstil schaffen wolle, um „Politiker-Verdrossene“ wieder einzubinden. „Ich will, dass Menschen im Parlament von Menschen vertreten werden. Das ist für mich das Wesen der Demokratie.“ Dass sie ihrer Aufgabe im Vorstand nach Ende ihrer Amtszeit den Rücken kehren will, ist wahrscheinlich das deutlichste Zeichen, dass sie Worte wie diese ernst meint.

Als Gründe für ihren Abgang nannte Weisband ihre Gesundheit und ihr Diplom in Psychologie, das sie neben ihrem Amt noch machen wolle. Für jemanden, der wie sie eine Abneigung gegen das Wesen des Berufspolitikers hegt, der nie etwas anderes im Sinn hatte als den Aufstieg in der Partei, ist das konsequent. Sie will in ihrem Leben Vorraussetzungen schaffen, die sie nicht irgendwann zwingen, nur um des Jobs Willen Politikerin zu bleiben. Dafür braucht sie ein zweites Standbein. Und mit 24 Jahren hat sie noch genug Zeit, eine Karriere in der Politik zu machen.

Wer sagt, dass Marina Weisband jetzt schon ihre Chancen für die Zukunft vertan hat, weil sie nun offenbart hat, dass sie für den Job als Politiker mangels Belastbarkeit nicht taugt, irrt. Ihr Verhalten zeigt vielmehr, dass sie diese Belastungen nach einem halben Jahr auf der großen Politik- und Medienbühne einzuschätzen gelernt hat. Wahrscheinlich hat sie sich am Anfang übernommen. Als sie vergangenen Mai ihr Amt antrat, war der große Piratenhype noch nicht absehbar. Nach dessen Beginn in jede Talkshow zu rennen und auf dem Parteitag von Interview zu Interview zu hetzen, war nicht unbedingt geschickt. Aber anscheinend hat Weisband daraus gelernt und Konsequenzen gezogen – eine Fähigkeit, die sie sich im Übrigen von Politikern etablierter Parteien auch wünscht. Und sie hat frühzeitig verstanden, dass sich ihr Job nicht mit der Aufgabe vereinbaren lässt, eine Diplomarbeit zu schreiben. Ein anderer politischer Hoffnungsträger hat das erst zugegeben (hier steht bewusst nicht: eingesehen), als ein Skandal ihn dazu gezwungen hat.

Alles in allem macht der angekündigte Rückzug sie als Politikerin glaubhafter. Sie hat es geschafft, das viele Lob und die Hype-Schlagzeilen nicht allzu sehr an sich heranzulassen. Man sieht, dass sie sich ein Verhältnis zur Macht bewahrt hat, das gesünder zu sein scheint als das der meisten anderen Politiker. Die Macht eines Parteivorstands dient der Sache – und nicht der eigenen Karriere. Wenn man solches Denken mit dem eines Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder vergleicht, der mehr über sein Vorankommen als über Inhalte nachgrübelt, denkt man sich: Schön, dass nicht alle so sind.

Marina Weisband ist eloquent, hat die Piraten in ihren Auftritten gekonnt vertreten und auf dem Parteitag gezeigt, dass sie Führungsqualitäten hat. Einige Piraten werden ihren Abgang bedauern, weil auch sie sich in einem politischen System bewegen, in dem Identifikationsfiguren nicht gerade schädlich sind. Aber eine Partei, die sich Basisdemokratie, Liquid Democracy und neuen Politikstil auf ihre orangefarbenen Fahnen schreibt, muss gelassen umgehen. Nicht jedes Piratenschiff fährt mit Galionsfigur.

Text: christian-helten - Foto: dapd

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