Krieg der Bilder

Am Dienstag wird in USA ein neuer Kongress gewählt. In den letzten Wahlkampf-Tagen bekämpfen sich die Parteien mit immer spektakuläreren und schmutzigeren Videos. Eine Top-5.
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„Wir sind alle Amerikaner.“ Dieser Satz gilt noch immer. Nur hat das nichts mehr mit Solidarität zu tun, oder damit, dass sich alle Menschen unbedingt eine Greencard wünschen. Alle Menschen sind Amerikaner, weil in der globalisierten Welt alle Menschen von den Entscheidungen der amerikanischen Regierung betroffen werden. Leider haben jedoch nur die US-Bürger das Recht, am Dienstag bei den Midterm Elections den neuen Kongress zu wählen. Der Rest der Welt hat zwar keinen Stimmzettel, setzt sich aber dank Video-Streaming, Google Video und YouTube auf die Couch, guckt die Wahlwerbespots an und genießt die Show.

Stars and Stripes Bild:dpa Es ist eine fremde Welt. Anders als in Deutschland wollen die Kandidaten die Wähler in den Werbespots nicht mit schönen Wahlkampflügen betäuben, sondern hetzen sie durch „Attack Ads“ gegen den Kontrahenten auf. Der Wahlkampf-Spot wird zum Horror-Thriller: eine atemlose Erzähler-Stimme, treibende Musik, über den Bildschirm huschen Schatten, und immer ist da auch: das Böse. Das so genannte „Negative Campaigning“, das den Charakter und die moralische Integrität des politischen Gegners angreifen soll, hat in den USA eine lange Tradition. Bereits 1796 behauptete John Adams in einem Zeitungsinterview, sein Kontrahent Thomas Jefferson unterstütze nicht die „family values“. Der Wahlkampf 2006 gilt laut New York Times trotzdem als schmutzigster Wahlkampf der Geschichte. Jetzt.de hat die fünf dreckigsten Filmchen ausgewählt

1. Truthahn statt Mohrhuhn Wahlkampf um: Senatorensitz von Nebraska Angreifer: Pete Ricketts, Republikaner, Inhaber eines Online-Aktienhandels. Opfer: Ben Nelson, Demokrat, 65 Jahre, seit 2000 im Senat. Botschaft: Ben Nelson läuft als animierte Figur über eine Farm, singt zu der Melodie von „Old McDonald has a Farm“ über seine Liebe zu Geld. Dabei ballert er mit der Schrotflinte auf Truthähne. Mit dem Traktor erntet er Geldbündel. Hintergrund: Ben Nelson hat ein kleines Problem mit der Steuerbehörde. Er hat sich vor einigen Jahren geweigert, 10 000 Dollar Grundstücksteuer zu zahlen, da er seinen Besitz als Farm deklarierte. Über eine Jagdleidenschaft ist nichts bekannt. Prognose: Das Umfrageinstitut Rasmussen sieht Nelson deutlich vorne: er führt mit 53 zu 34 Prozent.

2. Sex und Waffen Wahlkampf um: Sitz im Repräsentanten-Haus, Wisconsin, dritter Bezirk Angreifer: Paul R. Nelson, Republikaner, 40 Jahre alt, ehemaliger Marine und Immobilien-Agent. Opfer: Ron Kind, Demokrat, 43 Jahre alt, seit 1997 im Repräsentantenhaus. Botschaft: Es ist eigentlich ein schönes Wortspiel. „Ron Kind is the Wrong Kind“. Der falsche Mann, der im Kongress gegen „bessere Ausrüstung für unsere Helden“ stimmt, das Geld lieber anderes einsetzt. „Ron Kind pays for Sex”, heißt der Slogan. Es folgen Bilder von vietnamesischen Prostituierten und Massagesalons. Hintergrund: Ron Kind hat tatsächlich gegen ein Gesetz gestimmt, das Geld für die Erforschung von so genannten „Bunker Buster“, durchschlagkräftigen Bomben, bereit stellen sollte. Der Sex-Vorwurf erklärt sich daraus, dass er zusammen mit 200 anderen Abgeordneten eine Gesetzesinitiative der Republikaner stoppte, welche es dem National Health Institute verbieten sollte, das Sexualleben der Menschen zu erforschen. . Prognose: „Too close to call“, heißt es in Amerika.

3. Der Playboy-Politiker Wahlkampf um: Senatorensitz von Tennessee Angreifer: Bob Corker, Republikaner, Bauunternehmer Opfer: Harold Ford Jr., Demokrat, 36 Jahre, übernahm seinen Sitz im Repräsentantenhaus 1996 von seinem Vater Harold Sr. Botschaft: Corkers Wahlkampfleiter porträtieren Ford als zweifelhaften Charakter. Das Video ist im Stil einer Fernseh-Umfrage aufgemacht. Einige Passanten bringen zweifelhafte Argumente dafür an, warum sie Ford wählen wollen: „Auch Terroristen brauchen eine Privatsphäre“, so wird Fords Einsatz für Bürgerechte beschrieben. Am Ende erzählt eine offensichtlich nackte Blondine, sie habe den „netten Mann“ auf einer Party im Playboy Mansion kennen gelernt. Sie haucht in die Kamera: „Harold, call me“. Hintergrund: Obwohl Harold Ford zuerst abstritt, jemals mit Hugh Heffner zu tun gehabt zu haben, musste er später zugeben: Ich war 2005 auf einer Superbowl-Party, die vom Playboy-Magazin gesponsert wurde. Zusammen mit 3000 anderen Leuten. Ford sagte: „I like Football and I like girls.“ Danach stiegen seine Umfragewerte. Prognose: Das Institut Real Clear Politics sieht den republikanischen Kandidaten Bob Corker mit 51,5 zu 45,00 Prozent in Führung.

4. Cribs and Congress Wahlkampf um: Senatorensitz von Tennessee (2. Runde) Angreifer: Harold Ford Jr. Opfer: Bob Corker Botschaft: Der Werbespot hat imitiert den Tonfall von MTV-Sendungen wie „Cribs“ oder „The Faboulus Life of ...“. Mit aufgeregter Stimme berichtet der Erzähler über Corkers 30-Zimmer-Villa, seine sechs Limousinen und die 200 Millionen auf dem Festgeld-Konto. Als Symbole für den kleinen Mann werden immer wieder Feuerwehrmänner und Polizisten eingeblendet, denen er angeblich keine Gehaltserhöhung gönnt. Hintergrund: Corker wurde vor seiner politischen Karriere als Bauunternehmer zum Multimillionär. Während seiner Amtszeit als Bürgermeister von Chattanooga, Tennessee, führte er einen radikalen Sparkurs im öffentlichen Dienst durch.

5. Die letzte Schlacht Wahlkampf um: Sitz im Repräsentanten-Haus, North Carolina, 13ter Bezirk. Angreifer: Vernon Robinson, Republikaner, Afroamerikaner, scheiterte bereits zwei Mal bei dem Versuch, in den Kongress einzuziehen. Opfer: Die Gegenwart Botschaft: Im Film kommt ein alter Fernseher in das Blickfeld der Kamera, dazu läuft die Musik der legendären Grusel-Serie „Twilight Zone“. Als Konservativer, so die Aussage des Spots, lebt man zur Zeit in einer durchgeknallten Paralleldimension, in der „Terroristen uns überall jagen“, Homosexuelle sich über die Institution der Ehe lustig machen und „linke Richter die Verfassung umgeschrieben haben“. Hintergrund: Womöglich überschätzt Robinson seine Kräfte. Im TV-Spot schaltet er am Ende den antiken Fernseher mit einem Drehknopf ab, lehnt sich im Ledersessel zurück, und erklärt, er werde die Welt mit unseren Werten versöhnen. Die Kinder, die Abspann aus dem Rückfenster eines Oldtimers winken, sehen aus wie Schauspieler aus einer 50er-Jahre-Serie. Die heile Welt der Bürger gab es immer nur im Fernsehen. Prognose: Robinsons Aussichten stehen schlecht. Sein Gegner, der Demokrat Brad Miller, verteidigt den Wahlkreis seit sechs Jahren. Und er führt auch dieses Mal.

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