Kritik ist, wenn man trotzdem lacht

Die deutsche Kritikerszene erfährt in diesen Tagen durch den Stadelmaier-Skandal eine Art Schockbelebung.
max-scharnigg

Die deutsche Kritikerszene erfährt in diesen Tagen durch den Stadelmaier-Skandal eine Art Schockbelebung. Während einer deftigen Premiere im Schauspiel Frankfurt am vergangenen Donnerstag wurde dem bekannten FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier von Schauspieler Thomas Lawinky der Spiralblock entrissen und höhnische Beschimpfungen an den Kopf geworfen. Empört verließ der Kritiker daraufhin das Theater, beschwerte sich via Feuilleton-Aufmacher in der FAZ und beklagte darin unter anderem die Einschränkung der Pressefreiheit. So weit, so Kultur-Kleinkrieg. Eine unangenehm politische Dimension erfuhr der Vorfall durch das übereifrige Einschreiten von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), die umgehend die Entlassung des Schauspielers forderte, was die Theater-Leiterin auch umsetzte. Lawinky wurde auf die Straße gesetzt und bekommt dort mittlerweile vor allem von künstlerischer Seite Zuspruch. Der Berliner Theatermacher Peymann bot Lawinky spontan an, in sein Ensemble einzusteigen, mit der Begründung „Im Gegensatz zu Frankfurt sind im Berliner Ensemble die Haupttugenden des Theaters ausdrücklich erwünscht: Phantasie und Improvisation, Frechheit und Toleranz, Selbstironie, Sex, Geschmacklosigkeit, Subversion, Unsittlichkeit, Irrsinn und Gelächter, Obszönität, Blasphemie, Ironie, Publikums-, Kritiker- und Selbstbeschimpfung und so weiter und so fort bis ans Tor der Hölle" Politische Einwände gegen das Programm an Staatstheatern gehen oft zu Lasten der Künstler. Einen der größten Vorfälle dieser Art gab es im März 1986 in München, als der vielgelobte Intendant Frank Baumbauer entlassen wurde, wegen der CSU-Beschimpfungen des Schauspielers Sepp Bierbichler in dem Stück „Gust“. Mit dieser Affäre beschäftigte sich damals sogar der bayerische Landtag. Im Norden der Republik wurde der geschasste Baumbauer daraufhin übrigens mit offenen Armen empfangen und prompt mit dem Titel „erfolgreichster Theaterleiter der Republik“ ausgezeichnet. Prügel im Foyer Auch Übergriffe von Schauspielern auf Kritiker sind nichts Neues: Die legendärsten Kritikerohrfeigen musste am 13. April 1956 der Wiener Starschreiber Hans Weigel einstecken. Die Burgtheater-Schauspielerin Käthe Dorsch ohrfeigte ihn auf offener Straße, weil sie sich über seine Besprechungen geärgert hatte. Nach dieser Tat erstattet der Kritiker Anzeige gegen die Dorsch und es kam zu wochenlangen, öffentlichen Debatten, an deren Ende ein Prozess stand, in dem unter anderem das künstlerische Ensemble des Burgtheaters bühnenreif gegen Weigel aussagte. Der Schauspieler Aslan forderte dabei pathetisch zunächst die Ausweisung und später die Todesstrafe für den Kritiker. Es kam wiederholt zu Tumulten im Gerichtssaal. Die rabiate Schauspielerin, die bereits zwei Jahre zuvor in Berlin einen Kritiker geohrfeigt hatte, wurde schließlich zu einer Zahlung von 500 Schilling Strafe verurteilt. Als sie ein Jahr später starb, fand Kritiker Weigel in seinem Briefkasten ein anonym zugesandtes Päckchen, das eine Dose Dorschleber enthielt. Aus Kassel wird unter den Eindrücken des Falles Stadelmaier von der Musterlösung eines ähnlichen Zusammenstoßes berichtet. Christoph Müller, Kritiker des Nachrichtenmagazins Spiegel, empfing dereinst im Foyer des Kasseler Staatstheaters von dem Stuttgarter Schauspieler Jörg Löw einige Ohrfeigen. Nach dem Vorfall entschuldigte sich der Intendant des Theaters bei dem Journalisten und die Sache war bereinigt. Als Müller einige Jahre später wieder über Löw schreiben musste, tat er dies mit den Worten „Hallo Ohrfeige“ - und lobte ihn. Jeder gegen jeden Kritiker ohrfeigen sich aber auch gegenseitig und das ist vielleicht die angenehmste Art der Auseinandersetzung. Das legendäre Wiener Literatencafé Griensteidl war 1896 Schauplatz eines Handgemenges von Großkritikern. Der für seine ätzende Häme berühmte Karl Kraus, wurde dort an einem Novemberabend gegen 1 Uhr nachts, nachdem der bevorstehende Abriss des Cafés ausgiebig gefeiert wurde, von dem Schriftsteller und Kritiker Felix Salten mehrfach geschlagen. Beobachter Arthur Schnitzler notierte in seinem Tagebuch, dass diese Ohrfeigen „allseits freudig begrüßt wurden“. Grund für den Vorfall war ein von Karl Kraus verfasstes Pamphlet mit dem Titel „Die demolierte Literatur“, das in diesen Tagen in der „Wiener Rundschau“ erschienen war.

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